DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (27)
 K n e e s

Das laut Karl Kraushaar 1823 mit Deutsche angesiedelte Knees (heute: Satchinez; ung.: Temeskenéz) ist heute wie vor hundert Jahren Gemeindesitz. Zur Gemeinde gehören auch die Dörfer Baratzhausen (heute: Barateaz; ung.: Barácsháza) und Hodon (heute: Hodoni; ung.: Hodony). Laut Gheorghe Drinovan ist Knees schon 1332 dokumentarisch belegt worden. So kommt es auch, daß das Dorf von verschiedenen Volksgruppen bewohnt ist. Am Anfang des Jahrhunderts (1910) lebten in Knees 999 Deutsche, die ein Drittel der Einwohnerzahl ausmachten. In Baratzhausen und in Hodon war ihr Anteil höher und lag bei etwa 43 Prozent, was in Zahlen 348 bzw. 576 bedeutete. Bis zum Ausbruch des 2. Weltkriegs stieg diese Zahl auf 1.004, 371 bzw. 620. Von da an sank die Zahl der Deutschen ständig bis heute. Bei der Volkszählung von 1977 wurden in den drei Ortschaften nur noch 411 (ein Bevölkerungsanteil von 14 %), 128 (20 %) und 184 (15 %)  Deutsche erfaßt.

Nach den Dezemberereignissen von 1989 begann der Massenexodus der Rumäniendeutschen, und davon blieb Knees auch nicht verschont. Im März 1990 gab es hier noch 39 „Neue Banater Zeitung"-Abonnenten, was noch etwa 200 deutsche Einwohner bedeuten könnte. Am 21. August 1991 berichtete Grete Lambert in der „Neuen Banater Zeitung" (NBZ) über die Enttäuschung jener Kneeser Deutschen, die an einem Neuanfang nach dem Umsturz gehofft hatten. „Es klingt viel Leid, Ohnmacht, Resignation und keinerlei Zuversicht aus den Worten der Erzählerin, dafür aber Empörung gegen die Ungerechtigkeit, die kein Ende nehmen will", schreibt die Journalistin. Lambert konnte damals feststellen, daß in Knees nur noch etwa 85 Deutsche meist in Mischehen lebten. In Baratzhausen und in Hodon waren noch 3 bzw. 13 Deutsche verblieben. Im Oktober 1992 berichtete W. Appeltauer in der NBZ, daß es zu jener Zeit im „Umkreis der Gemeinde" (was Knees und die zwei eingemeindeten Dörfer bedeuten könnte) nur noch 28 deutsche Familien lebten, die aus 60 Personen bestanden. Da meinte der Reporter unter „deutsche Familien" wahrscheinlich Mischehen. Sehr interessant erscheinen dagegen die Daten der zehn Monate zuvor durchgeführten Volkszählung. Bei dieser Gelegenheit bekannten sich 75 Personen aus Knees, 5 aus Baratzhausen und 37 aus Hodon zum Deutschtum.

Laut Appeltauers Bericht soll Iosif Murgu, der Leiter des Landwirtschaftsbereichs der Gemeinde, seine Zufriedenheit über die Art und Weise, in der die Bodenverteilung stattgefunden hat, geäußert haben. In anderen Gemeinden war meist nur das Gegenteil dieser Behauptung festzustellen. Er aber sagte, daß die meisten Bauern zum gewünschten Feld gekommen seien. Bei der Zuteilung sollen sogar Verwandtschaft und Zugehörigkeit beachtet worden sein, damit Gemeinschaften gegründet werden könnten. Trotzdem konnte bei der Zuteilung des Bodens die frühere Anordnung der Felder nicht beachtet werden, weil von den zur Gemeinde gehörenden 8.000 Hektar nur 3.300 Hektar für die Rückgabe zur Verfügung standen; der Rest von 4.700 Hektar befindet sich noch immer im Besitz der Staatsfarm „Comtim".

Aber was die neuen Eigentümer mit dem Ackerboden anfangen sollen, wußten sie selbst nicht. Einige wollten ihre Felder individuell bearbeiten, andere aber überlegten den Beitritt zu einer die vier in der Gemeinde gegründeten Landwirtschaftsvereinen, was eigentlich auch der Staat schon wieder fördern wollte. Man sorgte dafür, daß hauptsächlich Industriepflanzen, wie Soja, Zuckerrüben, Sonnenblumen und Flachs angebaut wurden. Einige überlegten sogar den Anbau von Heilpflanzen. Aber für die Bearbeitung der Felder brauchten die Bauern noch immer die Landwirtschaftsmaschinen des Staates, der die Preise der Arbeiten, aber auch die der Erzeugnisse diktiert.

Was die in Knees verbliebenen Deutschen betrifft, wünschten sie sich vor zwei Jahren nur noch eine Caritas-Stelle, um soziale und humanitäre Vorhaben durchführen zu können. Man kämpft zur Zeit in den gewesenen deutschen Dörfern meist nur noch um das Überleben.

Der letzte Bericht über Knees erschien in der Tageszeitung „Timisoara" vom 25. August 1994, in dem nur noch über das „Vogelparadies des Banats" berichtet wird. Die Wissenschaftler möchten die Umgebung endlich als Naturreservat erklärt haben. Für den Erhalt dieses einmaligen Biotops um Knees setzt sich der Temeschburger Museograph Andrei Chis besonders ein. Leider wurde aber auch dieser Landstrich während des „sozialistischen Aufbaus" zum größten Teil, durch das endlose „Gewinnen von Agrarland" zerstört.

Juni 1995                                                                                                                   Anton Zollner
 
 

Deutsche Leistung wird verschwiegen

Auf der Banater Heide, nordwestlich von Temeschburg, zwischen den Landstraßen DN 69 Temeschburg - Arad (Europastraße E-671) und DN 6 Temeschburg - Groß-Sankt-Nikolaus, liegt die Ortschaft Knees (amtlich: Satchinez; ung.: Temeskenéz). 1823 wurden im rumänischen Dorf die ersten Deutschen angesiedelt. Im selben Jahr wurde hier die bereits 1333 dokumentarisch belegte Pfarrei restauriert, und die Kirchenmatrikelbücher sind eingeführt worden.

1910 stellten die 999 Deutschen einen Bevölkerungsanteil von genau 33 Prozent, und diese Zahl stieg bis zum 2. Weltkrieg um einige Prozente weiter. 1940 lebten in Knees 1.004 Deutsche, aber ihre Zahl nahm nach dem Krieg drastisch ab. 1977 befanden sich unter den 2.912 Einwohnern des Dorfes nur mehr 411 Deutsche, den Rest bildeten 2.070 Rumänen, 326 Zigeuner, 79 Serben, 22 Ungarn und 4 Sonstige. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 bekannten sich von den 2.670 Dorfbewohnern noch lediglich 75 Personen zum Deutschtum. Laut Angaben der Heimatortsgemeinschaft Knees lebten hier in Februar 1995 nur mehr 25 Personen deutscher Volkszugehörigkeit.

Über die Leistungen, die die Deutschen in ihrem Heimatort vollbracht haben, könnte man unzählige Seiten füllen. Ihre Vorreiterrolle bei der Einführung der modernen Landwirtschaft in Knees und in der Umgebung ist unbestritten. Bekannt müßte auch sein, daß es die deutschen Kolonisten waren, die die brachliegende sumpfige Landschaft der Umgebung durch ihren Fleiß in das spätere blühende Ackerland verwandelten. All dies wird aber heutzutage im „freien und demokratischen" Rumänien möglichst verschwiegen.

Nur die Temeschburger Tageszeitung „Prima ora" (Erste Stunde) veröffentlichte im Februar 200 eine Reportage über einen Kneeser „Wirtschaftszweig", den die Deutschen hier eingeführt hatten, und der bis heute eine wichtige Einkommensquelle der Bevölkerung geblieben ist. Vor etwa 30 Jahren begannen einige Deutsche aus Knees die von der, für die Gegend typische Natur (Sümpfe und Teiche) gebotenen Rohstoffe auszuwerten und gründeten im Rahmen des staatlichen Forstbetriebs eine Korbflechterei. Damit konnte man bedeutende Summen von Valuta erzielen, da die Körbe in der Europäischen Union und besonders in Deutschland auch heute noch sehr gefragt sind. Die Werkstätten wurden in einem von einem deutschen „Kriegsverbrecher" enteigneten Haus eingerichtet. Hier arbeiten die Neubürger auch heute noch nach den primitivsten Methoden, aber dafür „stimmt" es mit der Produktivität. Während die Erzeugung eines Korbes nur 2 DM kostet, werden diese für 5 DM nach Deutschland exportiert. Man hatte nun erfahren, daß diese vom Einzelhandel für 40 DM verkauft werden, und darum überlegt man auch, den Lieferpreis besser an die Nachfrage anzupassen.

Bekanntlich feiert man in unseren Tagen in den banater Ortschaften immer öfter großzügige Jubiläumsfeste, während der größte Teil der ländlichen Bevölkerung nicht weiß, wie sie das Brot für den nächsten Tag anschaffen soll. Dabei geht man mit diesen historischen Jubiläumsfeiern auch nicht immer ehrlich um. Ein Beispiel dafür ist unter anderen auch die Veranstaltung des 665. Jahrestags der dokumentarischen Belegung der Ortschaft Knees. Zwar fand dieses, nach der Jahreszahl nicht so übliche Jubiläum schon vor einiger Zeit statt, aber die ähnlichen Feiern, die auch in anderen Ortschaften des Banats in letzter Zeit immer häufiger veranstaltet werden, bieten den Anlaß zu diesen Betrachtungen.

Die Ehrengäste, alle mit dem Auto angereiste Persönlichkeiten aus Politik und Kultur des Kreises Temesch, waren ausnahmslos Rumänen. Sie sind an der Ortseinfahrt von der Bürgermeisterin Steluta Rodica Burloi mit einer Kutsche abgeholt worden. Die Fahrzeugkolonne fuhr von hier mit der Bürgermeisterkutsche an der Spitze zum Bürgermeisteramt, während ständig die rumänische Trikolore geschwungen wurde.

Nachdem hier die Ehrengäste von der Bürgermeisterin herzlichst begrüßt wurden, begann man mit der Einweihung einer auf der Außenwand des Gemeindehauses angebrachten Gedenktafel. Auf der Marmortafel ist folgender Text eingraviert worden: „1332 - 1997 / 665 Jahre / dokumentarisch belegt". Die Einweihung ist von zwei orthodoxen Pfarrern vollzogen worden. Es ist anzunehmen, daß Vertreter anderer Religionen nicht anwesend waren, da solche in der Reportage der Tageszeitung „Renasterea banateana" (Banater Wiedergeburt) nicht erwähnt wurden.

Danach ist die Feierlichkeit im Kulturheim mit einem Streifzug durch die Ortsgeschichte fortgesetzt worden. Die Vorträge hielten der Historiker Dr. Ioan Hategan und der Arzt Valeriu Vârboncu Iutchin, ein Sohn der Ortschaft. Gesprochen wurde über die Geschichte von Knees, beginnend mit dem Neolithikum und der Zeit der Daker und Römer. Die Vortragenden befaßten sich danach hauptsächlich mit dem Mittelalter, da Ausgrabungen die Existenz einer Burg auf dem heutigen Gebiet der Ortschaft vermuten lassen. Viel geredet wurde auch über den einstigen Temescher Comes, Paul Kinizsi (von den Rumänen Chinezu genannt), den man mit Stolz als einen Sohn des Ortes angegeben hatte. Dr. Hategan ist zwar vom Gegenteil überzeugt, aber er wollte die Veranstaltung nicht mit seinen „antipatriotischen" Thesen belasten. Man ging sogar so weit, daß man auch die ungarische Könige und deren Spuren aus der Zeit erwähnte, als das Banat noch zum mittelalterlichen Ungarn gehörte. Unerwähnt blieben aber die deutschen Kolonisten und deren Nachkommen. Man verlor kein Wort über jene Söhne des Dorfes, die einst ein Drittel der hiesigen Bevölkerung darstellten. Will man sie absichtlich aus der Kneeser Ortschronik streichen?

Am Nachmittag ist das Jubiläumsfest mit einem kulturellen Programm fortgesetzt worden. Aber auch in diesem Teil der Veranstaltung ist die Kultur der einst hier lebenden deutschen Bevölkerung nicht mehr wahrgenommen worden. Man konnte nur rumänische und zigeunerische Volkslieder hören und -tänze sehen. Man hatte nicht einmal symbolisch eine deutsche, ungarische oder serbische Trachtengruppe eingeladen, wie dies andere Ortschaften schon aus Höflichkeit getan haben. Sollen nicht einmal die hinterlassenen deutschen Häuser und Felder soviel wert sein? Man könnte schon meinen, daß sich der in der Verfassung verankerte „Nationalstaat", in dem 10 Prozent der Bevölkerung aus nationalen Minderheiten besteht, nun auch praktisch vollzogen wird.

Juni 2000                                                                                                         Anton Zollner