DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (4)
K l e i n – B e t s c h k e r e k

Klein-Betschkerek (heute: Becicherecu Mic; ung.: Kisbecskerek) ist eine Gemeinde deren Bevölkerung aus vier Nationalitäten bestand, die Mehrheit bildeten aber die Deutschen. In der 1785 mit Deutschen besiedelten Ortschaft lebten 1930  2.294 Einwohner deutscher Volkszugehörigkeit, die 69 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten. 1939 zählte man hier 856 Häuser, davon waren 608 deutsch, 131 serbisch, 95 rumänisch und 22 zigeunerisch. Bei der Volkszählung von 1977 sind in Klein-Betschkerek 2.774 Personen registriert worden, davon waren nur noch 619 Deutsche. Man weiß auch, dass im März 1990 die Gemeinde nicht auf einer veröffentlichten Liste mit der Zahl der „Neue Banater Zeitung“-Abonnenten zu finden war, woraus zu schließen ist, dass wenn es überhaupt noch Abonnenten gab, dann lag ihre Zahl unter 20. Bei der Volkszählung vom 7. Januar 1992 bekannten sich überraschenderweise noch 94 Personen von den 2.316 Einwohnern zum Deutschtum. Man weiß aber, dass die tatsächliche Zahl der im Heimatort verbliebenen Deutschen in Wirklichkeit viel kleiner war. Laut einer Meldung der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien" (ADZ) vom 15. Februar 1995 sollen schon am Anfang der '90-er Jahre hier nur noch 75 Deutsche gelebt haben.

Nun, da es in Klein-Betschkerek kaum noch Deutsche gibt, versuchen die „Neubürger" die „Marktwirtschaft" im Ort einzuführen. Ein „Neuanfang" wurde schon im Oktober 1992 festgestellt, aber so richtig läuft die „Marktwirtschaft" auch zur Zeit noch nicht. Damals versuchte das rumänische Ehepaar Elisabeta und Dan Radu mit 17 Rindern und 75 Schweinen eine Viehzüchterei zu gründen. Sie wollten aber bald ihren Betrieb um eine Metzgerei und einen Verkaufsladen erweitern, in dem auch eigene Milchprodukte angeboten werden. Auch dem Mühlenverwalter Vasile Pasca soll es damals gelungen sein, wieder besonders gutes Mehl zu mahlen.

Besonders ermutigend zeigte sich damals der Dienstleistungsbereich. Radu Vraciu eröffnete eine „Auto-Service"-Werkstatt. Inzwischen funktionierte im Ort auch eine Bäckerei und eine Vulkanisierungswerkstatt. Eine Schneiderei richtete Bogdan Ioviciu ein. Tanase Bagia ist der Eigentümer einer schön eingerichteten Patisserie. Und schließlich sei auch die von Amalia Stoianov betriebene „Scotch"-Bar zu erwähnen. An den Namen erkennt man, dass die neuen Unternehmer nur noch Rumänen und Serben sind. Aus der rumänischen Presse erfährt man aber auch, dass sich die neuen Unternehmer nicht so richtig an die Vorschriften und Gesetze halten. So konnte man darin lesen, dass man in der Café-Bar „Talos" schmutzige Gläser und Kaffeetassen gefunden hat, wofür die Betreiber Strafgelder zahlen mussten.

Heute gibt es in Klein-Betschkerek eine Fleischerei, mehrere Lebensmittelläden, zwei Damenfriseursalons und drei Bäckereien: eine staatliche, eine genossenschaftliche und eine private (der Familie Petru und Ana Nicorici). Im „altem Komplex" gibt es nur noch einen Schneider und einen Friseur. Der Schustermeister Peter Arndt ist in Rente gegangen, ohne einen Nachfolger zu haben. Außerdem gibt es in der Gemeinde auch die rumänisch-deutsche GmbH „Banat Contruction Company", die Baumaterialien anbietet und Bauarbeiten durchführt. Gesundheitlich wird die Ortschaft von drei Ärzten betreut (Allgemeinmedizin, Pädiatrie und Zahnarzt). Für die Gesundheit der Tiere sorgen drei Tierärzte.

Die Bodenverteilung soll in der Gemeinde, deren Bürgermeister der regierungsparteiliche Marin Leonte ist, gut abgeschlossen worden sein. Die Felder werden nun von den Bauern selbst oder überwiegend von den drei Landwirtschaftsvereinen bearbeitet. 1994 war die Ernte besonders gut, vor allem bei Getreide. Die Weizenernte betrug 5.000 bis 6.000 kg/ha. Ein Teil des Klein-Betschkereker Bodens befindet sich aber noch immer im Besitz des in „Betim AG" umbenannten staatlichen Landwirtschaftsbetriebes. Die Landwirtschaftsmaschinen befinden sich auch noch im Besitz der staatlichen Station für die Mechanisierung der Landwirtschaft (SMA), die jetzt „Agromec SA" heißt. Die Bezahlung der durchgeführten Arbeiten erfolgt in Naturalien, wobei die Preise vom Staat diktiert werden.

In zwei Februarberichten des Jahres 1995 beschreibt Heidrun Henresz in der ADZ auch den Alltag der im Heimatort verbliebenen Deutschen. Die geschrumpfte katholische Kirchengemeinde hat keinen Seelsorger mehr. Die Sonntagsgottesdienste und die Begräbnisse werden vom Billeder Pfarrer zelebriert. Der Kirchenratsvorsitzender ist Peter Arndt, der hier auch die Kirchenbeiträge kassiert. Ein Ortsforum der Deutschen gibt es in Klein-Betschkerek nicht. Die meist aus älteren Menschen bestehende Restgemeinschaft feiert auch keine Kirchweihfeste mehr. Ansonsten beschränkt sich die gesamte kulturelle Tätigkeit der Gemeinde auf sporadisch organisierte Tanzunterhaltungen im Kulturheim. Dafür gibt es aber um so größere Alltagssorgen; der 62-jährige Rentner Peter Arndt ist das beste Beispiel dafür. Er wohnt mit seiner Schwester und der 89-jährigen Mutter und bearbeitet selbst seine fünf Hektar Feld. Ohne die Erträge dieses Bodens müsste er verhungern, behautet er. Seine Haustiere und das Geflügel tragen sehr viel zur täglichen Versorgung bei. Seine Rente für 34 Arbeitsjahre in der LPG in Höhe von 24.000 Lei und die 5.000 Lei Sozialrente der Mutter würden im Monat für genau 29 kg Kartoffel oder für 58 kg Mehl oder für 7 bis 8 kg Schweinefleisch reichen.

Somit können nun auch Klein-Betschkerek zu den „gewesenen deutschen Dörfern des Banats" gezählt werden. Die Deutschen haben auch hier, wie fast im ganzen rumänischen Banat die Bühne der Geschichte verlassen und sind abgesehen von einigen Ausnahmen ins Mutterland heimgekehrt.

Juli 1995                                                                                                                   Anton Zollner
 


Letzte Spuren des Deutschtums

Klein-Betschkerek (heute: Becicherecu Mic; ung.: Kisbecskerek) liegt auf der Banater Heide, etwa 17 km nordwestlich von Temeschburg entfernt. Die Ortschaft wird von der Landstraße DN 6 Temeschburg – Groß-Sankt-Nikolaus durchquert und hat über dieselbe Strecke Anschluss an das Eisenbahnnetz.

Laut Gheorghe Drinovan gehörte die schon 1332 (nach anderen Autoren 1334) in den päpstlichen Steuerlisten dokumentarisch belegte Siedlung im Jahre 1723 zum Temeschburger Bezirk. 1727 bestand sie aus 36 „Rauchfängen“, also Häusern, die von serbischen Hirten bewohnt waren. Aus diesem Grund nannte man später die Siedlung Raizisch-Klein-Betschkerek. 1748 zogen auch einige aus Siebenbürgen stammenden Walachen aus Neu-Beschenowa hinzu. 1777, als Raizisch-Klein-Betschkerek schon aus 205 Häusern bestand, lebten hier auch 13 Deutsche.

1785 kam es zur Gründung Deutsch-Klein-Betschkereks. In den südlich von der raizischen Siedlung errichteten 116 Kolonistenhäusern zogen deutsche Siedler ein. 1792 hatte die neue Siedlung 644 Einwohner, deren Zahl sich bis 1809 auf 1.200 erhöhte. 1890 hatte das zusammengeschlossene Klein-Betschkerek insgesamt 3.687 Einwohner, von denen 2.722 Deutsche, 562 Serben und 403 Rumänen waren. 1910 stellten die 2.531 Deutschen einen Bevölkerungsanteil von 69 Prozent, der etwa zwei Jahrzehnte lang erhalten blieb. 1939 bestand die Ortschaft aus 856 Häusern, die wie folgt bewohnt waren: in 608 lebten Deutsche, in 131 Serben, in 95 Rumänen und in 22 Zigeuner. Im Jahr 1940 ließen sich hier 2.721 Personen als deutsche Volkszugehörige registrieren. Nach dem 2. Weltkrieg sank als dessen Folge die Zahl der Deutschen ständig bis heute. 1977 konnten unter den 2.774 Einwohnern noch 619 Deutsche gezählt werden. Der Rest bestand aus 1.741 Rumänen, 208 Serben, 107 Zigeunern und 99 Sonstigen. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 bekannten sich von den 2.316 Einwohnern der Ortschaft nur noch 94 Personen zum Deutschtum. Sie lebten zusammen mit 1.913 Rumänen, 125 Serben, 26 Ungarn, 98 Zigeunern und 60 Sonstigen. Es ist zu bemerken, dass in den 15 Jahren zwischen den zwei Volkszählungen neben der Zahl der Deutschen auch die der Serben stark gesunken ist. Laut Angaben der Heimatortsgemeinschaft Klein-Betschkerek sind bis zum Februar 1996 nur mehr 26 Deutsche im Heimatort verblieben.

Laut Karl Kraushaar ist die Klein-Betschkereker Pfarrei schon 1785, also im Jahr der Ansiedlung der Deutschen restauriert worden, ein Jahr später hatte man auch die Kirchenmatrikelbücher eingeführt. Bei der Errichtung Deutsch-Klein-Betschkereks baute man auch ein Bethaus, das 1789 zwei Glocken erhalten hat. Erst 1810 legte man den Grundstein für die heutigen Kirche, die nach einem Jahr eingeweiht und ihrer Bestimmung übergeben wurde.

In den letzten Jahren ist in der Kirche kaum noch deutsch gebetet und gepredigt worden, seit langer Zeit hat man  hier auch keine Kirchweih mehr gefeiert. Am Vorabend des 28. Juli 1998 half schließlich auch die Natur, die letzten Spuren des hiesigen Deutschtums zu vernichten. Ein heftiger Sturm fegte damals über das Banat und richtete auch in diesem Dorf erhebliche Schäden an. Den größten Schaden erlitt die katholische Kirche. Sie wurde total abgedeckt, und der obere Teil des kurz davor reparierten 48 Meter hohen Turms fiel auf das Kirchenschiff und blieb auf den Bänken liegen blieb. Der Kronleuchter fiel auch zu Boden, und die Zeiger der Turmuhr sind um acht Uhr stehen geblieben. Unbeschädigt blieben nur der Altar und die Orgel. Ob die Kirche noch einmal aufgebaut wird, weiß bis heute niemand. Nur der damalige Bürgermeister Ionel Brasovan zeigte sich optimistisch; er hoffte, dass sie bald mit Hilfen aus dem Ausland wiedererrichtet werden könnte. Man wollte aber schleunigst mit den herabgefallenen Ziegeln des Kirchendachs das beschädigte Pfarrhaus reparieren, damit hier die sonntäglichen Gottesdienste für die laut „Banater Zeitung“ (vom 19. August 1998) „etwas mehr als 150 deutschen Gläubigen“ gehalten werden können. Da muss man sich aber fragen, von wo sollen die 150 „deutschen Gläubigen“ in die Kirche kommen, wenn es im Ort nur mehr 26 Deutsche gibt. Im August 2001 wurde bekannt, dass das Bischöfliche Ordinariat aus Temeschburg im Pfarrhaus eine Kapelle einrichten ließ, in der jetzt regelmäßig Gottesdienste stattfinden. Das seit drei Jahren fehlende Dach und der Turm sollen nun durch Blech ersetzt werden. Ob die Heimatkirche nur aus Spenden der Ausgewanderten Landsleuten einmal restauriert werden könnte, ist fraglich. Man könnte bei der äußerst niedrigen Zahl der derzeitigen Pfarrkinder überlegen, ob die Pfarrgemeinde nicht mit einer Kapelle auskommen würde, so wie damals, gleich nach der Ansiedlung.

Das Unwetter vom Sommer 1998 richtete auch sonst große Schäden in Klein-Betschkerek an. Fast alle Gebäuden sind vom Sturm beschädigt worden, 25 Häuser wurden komplett abgedeckt, und deswegen stürzten viele aufgeweichte Zimmerdecken ein. Auch die mit Sonnenblumen bepflanzten Felder wurden total verwüstet. Die Getreideernte ist glücklicherweise noch vor dem Unwetter eingefahren worden. Nach fast genau zwei Jahren, am 11. Juli 2000, ist die Ortschaft wieder von einem heftigen Sturm heimgesucht worden, der wieder große Schäden anrichtete. Diesmal wurden 500 Gebäude zum Teil stark beschädigt, bei der Hälfte davon flogen die Dachziegel weg, was zum Einsturz vieler Decken und sogar Seitenwände führte.

Die letzten Deutschen, die im Heimatdorf verblieben sind, werden in der heutigen banater Presse nicht mehr erwähnt. In der letzten Reportage zu diesem Thema, die in der „Banater Zeitung“ (eine Beilage der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien“ – ADZ) im Juni 1997 veröffentlicht wurde, berichtete Heidrun Henresz über die damals 66-jährige Magdalena Arndt. Da ihre Mutter und ihr Bruder verstorben sind, musste die unverheiratete Alleinstehende, die sich gerade nach einer langen Krankheit erholt hatte, den gesamten Haushalt mit Hof und Garten ohne fremde Hilfe alleine führen. Die Vorräte für den Winter mussten von ihr ausschließlich in der eigenen Wirtschaft erzeugt werden. Dafür bearbeitete die LPG-Rentnerin (mit einer äußerst niedrigen Rente) ihren Gemüse- und Obstgarten und züchtete neben dem zahlreichen Federvieh auch zwei Schweine.

In der banater Presse ist aber auch nichts über das Leben der hier zugezogenen Neubürger zu erfahren. Die letzten Zeitungsberichte zu diesem Thema stammen aus dem Jahr 1997. Das Hauptthema war damals die Zukunft einer der „erfolgreichsten“ ehemaligen Landwirtschaftlichen Staatsbetriebe (SLB = I.A.S.), der nach der Wende auf „S.C. ‚Betim’ S.A.“ umgenannt wurde. Damals gehörte die Handelsgesellschaft (S.C.) zu 70 Prozent dem Staat und zu 30 Prozent den 168 Aktionären. Der Direktor des Unternehmens, Constantin Buzatu, war damals fest entschlossen, die Rasse des Hornviehbestands aufzufrischen. Ob das Vorhaben, die 1.100 Stück Rinder mit einer besseren Rasse zu ersetzen, auch verwirklicht wurde, ist aus der Presse nicht mehr zu erfahren. Es wurde zugleich auch einiges aus der Tätigkeit der Ortspolizei berichtet, die hauptsächlich mit Diebstählen und mit den auf den Feldern der H.G. „Betim“ AG von fremden Schäfern angerichteten Schäden beschäftigt war.

Über die letzte Nachricht aus Klein-Betschkerek berichtete im Januar 2002 die Tageszeitung „Renasterea banateana“ (Banater Wiedergeburt). Seit einer Juninacht des Jahres 2001 wurden schon öfters bei „Nacht- und Nebelaktionen“ aus einem unbekannten Lkw mit verdecktem Nummernschild rund 30 streunende Hunde losgelassen. Diese schienen so hungrig gewesen zu sein, dass sie bei Tagesanbruch sofort mit der Jagd auf das Geflügel der Dorfbewohner begannen. Einige von ihnen griffen sogar Menschen an. Darauf töteten Männer einige dieser ausgesetzten Hunde, und ein Teil verließ das Dorf in Richtung Temeschburg. Nur wenige der Tiere fanden hier ein Zuhause, wie die kleine trächtige Hündin, die im Gemeindehaus mit ihren Jungen Zuflucht fand.

März 2002                                                                                                    Anton Zollner