DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (26)
J o h a n n i s f e l d
Das gewesene Schwabendorf Johannisfeld (ung.: Jánosfölde) trägt auch heute noch die amtliche Benennung Iohanisfeld, aber praktisch ist der rumänische Namen Ionel (Hänschen) bei den Rumänen schon seit langem gebräuchlich. Dies war besonders einfach durchzusetzen, weil der Bahnhof seit dem Anschluß eines Teils des Banats an Rumänien schon immer Ionel hieß. Die banat-schwäbische Siedlung soll laut Gh. Drinovan 1805 dokumentarisch belegt worden sein. Nach Karl Kraushaar soll die Siedlung früher Belnak geheißen haben, neubesiedelt mit Deutschen und mit Ungarn soll sie aber erst 1826 geworden sein. In jenem Jahr ist auch die Pfarrei gegründet worden, und zugleich hatte man die Matrikelbücher eingeführt. Die jetzige Ortsbenennung läßt sich auf den Grafen Johann Buttler zurückführen. Bis 1966 war das in der unmittelbaren Nähe der serbischen Grenze liegende Johannisfeld mindestens 75 Jahre lang Gemeindesitz. Erst Ceausescu ließ es durch seine territorial-administrative Umstrukturierung Rumäniens von 1967 zu einem Dorf verfallen. Seit dann gehört das Dorf zur Gemeinde Uiwar, auch Neuburg an der Bega genannt.

Es scheint als hätte Johannisfeld seine höchste Bevölkerungszahl mit 2.525 Seelen 1890 gehabt; seitdem wurde diese Zahl nie wieder erreicht. 1910 lebten hier 1.572 Deutsche, das war ein Bevölkerungsanteil von 92 Prozent. Dieser Anteil stieg bis 1930 auf 95,7 Prozent, als im Schwabendörfchen 1.656 Deutsche lebten. Ihre Zahl stieg bis November 1940 auf 1.774 Personen. Als Folge des 2. Weltkrieges sank die Zahl der Deutschen bis 1977 allmählich auf 635 bei einer Einwohnerzahl von 1.056, was auf den Verfall des ganzen Dorfes hinweist. Im März 1990, also gleich nach den Dezemberereignissen von 1989, zählte man hier noch 36 „Neue Banater Zeitung"-Abonnenten. Zwei Jahre später bekannten sich bei der Volkszählung vom Januar 1992 von den nur noch 814 Einwohnern 41 Personen zum Deutschtum, den Rest bildeten außer den Rumänen noch 19 Sonstige. Im November 1993 lebten im einstigen Johannisfeld nur noch 26 Deutsche in 11 Familien. Laut Angaben der Heimatortsgemeinschaft Johannisfeld sollen bis Februar 1996 doch 40 Deutsche im Heimatort verblieben gewesen sein (Anmerk. d. Verfassers - 1996).

In den letzten zehn Jahren wurde mit einer Ausnahme in den banater Zeitungen wahrscheinlich nichts über Johannisfeld berichtet. Erst im November 1993 begab sich der rumänische Journalist Valentin Samânta von der Tageszeitung „Timisoara" in das gewesene deutsche Dorf, um von hier über das zu berichten, was von dem Schwabentum übrig geblieben ist. Schon im Wartesaal des Bahnhofs „Ionel" erfuhr er, daß Johannisfeld einst das stolzeste Temescher Dorf war. Die Johannisfelder Rumänen beklagten die Zuwanderung ihrer Landsleute aus der Marmarosch und aus der Moldau und bedauerten zugleich die Auswanderung der Schwaben. Im Dorf traf der Journalist meist auf Ruinen und streunende Hunde. Das Kulturheim hat keine Fenster und keine Türen mehr. Die manuelle Telefonzentrale funktionierte höchstens zwei Stunden am Tag, dafür wurden aber volle Monatsgebühren bezahlt. Das Brot, das hier gebacken wurde, sei fast ungenießbar, weshalb sich jeder, der kann, das Brot aus Temeschburg besorge. Der Arzt komme täglich aus Temeschburg seine Sprechstunden abzuhalten, der Dorfpolizist lasse sich aber kaum blicken. Die gesamte Straßenbeleuchtung bestehe aus zwei Lampen: einer vor dem Bahnhof und einer vor der Kantine des Staatlichen Landwirtschaftsbetriebs (SLB).

Das gewesene Schwabendorf besteht aus drei geraden und parallelen und drei senkrecht dazu angeordneten Straßen, deren perfekte Geometrie von den Neubürgern sehr bewundert wird. Die katholische Kirche steht noch immer stolz in der Dorfmitte, doch besucht wird sie kaum noch. Den Gottesdienst hält an bestimmten Tagen der Pfarrer aus Otelek. Wenn aber ein Johannisfelder in der Ferne zu Grabe getragen wird, erklingen hier für ihn die Heimatglocken. Voll wird sonn- und feiertags nur die orthodoxe Kirche, die im Hause eines ausgewanderten Deutschen errichtet wurde, und auf dessen Giebel noch immer „Josef Kohl 1927" geschrieben steht. Vom Tanzsaal, der einmal daneben stand, ist nur eine Ruine übrig geblieben.

Die „svabii" werden aber noch immer von jenen Rumänen bewundert, die einige Jahrzehnte neben ihnen im Dorf lebten. Diese Leute erinnern sich gelegentlich noch immer an die charakteristische Ordnung und Pünktlichkeit der ausgewanderten Deutschen. Die wenigen, die im Heimatort verblieben, sind meist alte Leute, die sich vor der Fremde fürchten. Zu diesen gehörte damals auch die 81-jährige Anna Laffle, die das Haus mit der Nummer 108 und der Giebelinschrift „Josef und Anna Dominik" bewohnte. Die Alleinstehende überlebte damals von einer Rente in Höhe von nur 3.000 Lei, was aber nicht einmal für den Strom gereicht hätte, wenn sie ihren Elektroherd benützt hätte. Zum Kochen und zur Heizung verwendete sie nur noch Maisstengel. Seit 1992 hatte sie auch nicht mehr die Kraft, ihren Garten zu bearbeiten. Trotzdem hoffte sie noch, daß es nicht noch schlimmer wird: „Sollte ich in Rumänien vor Hunger sterben, dann armes Rumänien".

Zu den in Johannisfeld verbliebenen Deutschen zählte man Ende 1993 auch die im Haus mit der Nummer 329 wohnende Rosina Weinhardt. Die 61-jährige gehört zu jenen, die in die Baragan-Steppe deportiert wurden. Sie saß damals vor dem Winter 1993/94 auf gepackten Koffern. Im Dorf lebten zu jener Zeit auch noch Überlebende der Rußland-Deportation. Eine unter ihnen war die 74-jährige Magdalena Bach (Haus-Nummer 331), die sich nach 17 Jahren Alleinseins auch zur Auswanderung entschlossen hatte. Die 67-jährige Elisabeth Giue konnte sich zwischen dem Bleiben und dem Gehen noch nicht entscheiden, Unentschlossen könnte auch die 64-jährige Magdalena Mitschang gewesen sein. Erinnerungen, aber besonders, die aus dem russischen Lager 1613 konnten sie immer zum Weinen bringen.

Die schönste Erinnerung der wenigen in Johannisfeld verbliebenen Deutschen sei die am zweiten Sonntag des Monats November gefeierte Kirchweih. Heute wird im einstigen Schwabendorf die Kirchweih nur noch mit einem „Festessen" in den noch deutschen Häusern „gefeiert". Hauptsächlich wird aber meist viel erzählt, und zwar über alte Zeiten, als bei diesem jährlichen Fest 84 und sogar 102 „Kerwei"-Paare in zwei Tanzsälen für Frohsinn und Heiterkeit sorgten.

Juni 1995                                                                                                                Anton Zollner