DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (60)
 J a n o w a

 Wenn man auf der Europa-Straße E-70 von Lugosch nach Temeschburg kommend, genau in der Mitte des Abschnitts Rekasch - Groß-Remete rechts abbiegt, gelangt man auf einer eben nicht so richtig instandgehaltenen Zufahrtsstraße in das Dorf Janowa (amtlich: Ianova; ung.: Temesjenö), das ebenfalls am Rande des Lippaer Hochlandes liegt.

Beim Betreten der Dorfstraßen gewinnt man sofort den Eindruck, daß diese Ortschaft schon längst dem Zerfall preisgegeben wurde. Nach der Kollektivierung der Landwirtschaft, als das Brot knapp wurde, verließ die Jugend ihr Heimatdorf, um in der Stadt eine geregelte Arbeit zu finden; in Janowa blieben nur noch die Alten zurück, und damit begann das Aussterben eines weiteren Heckendorfes.

Heute sind die Straßen Janowas wegen der vielen Schlaglöcher und Pfützen unbefahrbar geworden. Seit über zehn Jahren hatte man auf diesen keine einzige Schaufel Schotter mehr geworfen. Der Bürgermeister der Gemeinde Groß-Remete begründet diesen Zustand mit den fehlenden finanziellen Mitteln. Das sogenannte „Ambulatorium" besteht aus einem Bau mit einer einzigen Räumlichkeit, ohne fließendes Wasser und ohne Toiletten. Eine Allgemeinärztin aus Groß-Remete hält hier einmal wöchentlich ihre Sprechstunden ab. In drei Stunden muß sie bei allen Kranken die Diagnose stellen und sie eventuell auch behandeln. Im Dorf ist nur eine Arzthelferin wohnhaft, die tagsüber und nachts alles Mögliche tut, um den 400 hier wohnenden Familien im Notfall zu helfen.

Das Brot ist hier bis heute eine Mangelware geblieben. Vor vierzig Jahren entschlossen sich die Dorfbewohner, auf ihren eigenen Kosten eine Bäckerei einzurichten, um ihre Sorgen für die Beschaffung des täglichen Brotes aus den Nachbardörfern oder aus Temeschburg endlich loszuwerden. Aber nach der Gründung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) ging auch die von den Bewohnern errichtete Bäckerei in deren Besitz über. Als sie aber aus mangelndem Interesse für ihre Instandhaltung anfing zu zerfallen, übergab die LPG die Bäckerei der „Pencoop", ein Betrieb der sich mit Federaufkauf beschäftigte. Dieser Staatsbetrieb hatte am Brotbacken noch weniger Interesse als die LPG. Bald darauf setzte man die Bäckerei endgültig außer Betrieb. Nach dem Regimewechsel vom Dezember 1989 versuchte eine Privatperson die Bäckerei wieder instandzusetzen, was ihr aber wegen Mangels an Geld und Ersatzteilen nicht gelungen ist. Heute sind die Janowaer wieder ständig auf dem Weg nach der Suche des täglichen Brotes.

 Die heutigen Dorfbewohner sind auch Viehbesitzer; sie haben 400 Kühe, zahlreiche Schweine, Schafe und Geflügel. Für diese gibt es aber im Ort keine ärztliche Betreuung. Der nächste Tierarzt befindet sich ebenfalls im etwa 9 km entfernten Gemeindesitz. Die Janowaer schätzen sich glücklich, daß sich unter ihnen ein ausgebildeter Veterinärtechniker befindet. Diesen „konnte" man aber nicht als solchen hier einstellen, weil diese Stelle im Personalschema der Gemeinde nicht existiert. So kommt es, daß der Mann auf „eigene Faust" dort „Gefälligkeitstaten" verrichtet, wo es Not an einem Tierarzt gibt. Aber trotzdem hat der „Hobbyveterinär" seine Schwierigkeiten, weil die vom Handel angebotenen Arzneimittel vielmals das Dreifache einer LPG-Monatsrente kosten.

Aber auch sonst müssen die Bewohner Janowas sehen, wie sie in einem eventuellen Notfall zurechtkommen, weil die paar Fernsprechgeräte, die an die Telefonzentrale von Groß-Remete angeschlossen sind, meist nicht funktionieren. Der nächste Bahnhof befindet sich auch in Groß-Remete, also etwa 9 km weit. Das zuständige Postamt, das sich ebenfalls im Gemeindezentrum befindet, verfügt über kein Verkehrsmittel, so daß die Landzustellerin bei jedem Wetter die Post von Groß-Remete bis Janowa zu Fuß austragen muß. Aus diesem Grund erhalten die Janowaer ihre Briefe, Pakete und Zeitungen bei Schlechtwetter nur einmal in der Woche, sonst aber zweimal. Da die Landzustellerin neben den Postsendungen aber auch Geld auszutragen hat, lebt sie am Zustelltag immer in großer Angst, besonders wenn sie alleine über die Felder geht. Deswegen will sie nun ihren Dienst aufgeben.

Das größte Übel des Dorfes sind die zur Zeit brach liegenden Felder. Während in den meisten Dörfern des Banats 1990 die LPGs aufgelöst wurden, verwandelte man diese in Janowa in den Landwirtschaftsverein „Ianoveana", dessen Präses Sabin Clamba auch der gewesene LPG-Präses war. Daneben gründeten einige Privatbauern auch drei landwirtschaftliche Familienvereine. Das gesamte LPG-Inventar erhielt der Verein „Ianoveana". Es dauerte aber nicht lange, bis hier durch Mißwirtschaft nach LPG-Methoden von den ursprünglichen 960 ha Ackerboden bis Dezember 1996 nur noch 43 (!!) übrig blieben. Den Rest verschacherte der Vereinspräses, indem er einen Teil des Bodens dem staatlichen Landwirtschaftsbetrieb „Agroimpex" aus Jeswin „zukommen ließ". Kurze Zeit danach wurde dieser Betrieb bankrott, und die Felder liegen nun unbebaut da, ohne daß, sich wenigstens die beschädigten Bodeneigentümer um einen Schadenersatz kümmern würden.

Das oben beschriebene Dorf Janowa war 1910 die Heimat von 301 Deutschen, die einen Bevölkerungsanteil von fast 17 Prozent stellten. Im Jahre 1940 lebten hier noch immer 247 Deutsche, was einen Bevölkerungsanteil von etwa 14 Prozent ausmachte. Auch im Gemeindesitz Groß-Remete (amtlich: Remetea Mare; ung.: Temesremete) gaben sich in jenem Jahr 56 Personen als Deutsche aus, das waren etwa 5 Prozent der Dorfbewohner. 29 Deutsche lebten 1940 auch in Bucovat (ung.: Bukovecz), einem rumänischen Dorf, das am linken Ufer der Bega unweit von Groß-Remete liegt. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 bekannten sich in den 4 Ortschaften der Gemeinde Groß-Remete nur noch 13 Personen zum Deutschtum: 9 in Janowa und je zwei in Groß-Remete und in Bucovat.

Heute ist Groß-Remete, das auf der Europa-Straße E-70 und 12 km östlich von Temeschburg liegt, eher wegen seiner meist von Temeschburgern besuchten Gaststätte „Privighetoarea" (Nachtigall) bekannt geworden. Die Gaststätte befindet sich auf einem gesetzlich noch immer nicht geregelten Areal, auf dem einstigen Landgut „Ambrozzi". Das Gutshaus wurde im Jahre 1890 auf einem 10 ha großen Areal erbaut, das sich am westlichen Rande der Ortschaft und entlang der Europa-Straße befindet. Das Landgut wurde 1933 vom bekannten Temeschburger Industriellen Bozsák erworben. Am Ende des Krieges zog die Rote Armee hier willkürlich ein. Der Eigentümer des Gutes hatte die Lage rechtzeitig erkannt, und als die Sowjetarmee sein Gut räumte, übergab er es zur ausschließlichen Nutzung der Station für Landwirtschaftsmaschinen und Traktoren (SMT) aus Groß-Remete mit der Bedingung, daß diese sich um die Instandhaltung des Gutshauses und des dazugehörenden Areals kümmert. Die Familie Bozsák hatte nur noch Anspruch auf zwei Zimmer des Hauses, und das auch nur während des Sommers. Auf diese Weise gelang es dem Eigentümer, das Landgut 1950 vor der Enteignung zu bewahren. Diese Vereinbarung dauerte aber nicht lange, da bald darauf das Regiment der Luftabwehr des Militärflughafens auf dem Gut einzog und es bis etwa 1976-77 als sein Eigentum betrachtete. Was aber der rumänische Staat 1950 versäumt hat, das holte er 1971 nach. Die SMT hatte das Landgut schriftlich zur Benutzung bekommen, das Militär hat es nach seinem Wunsch benutzt, und der Eigentümer wurde beschuldigt, seinen Besitz nicht instandzuhalten, und dafür keine Steuern zu zahlen. Unter diesem Vorwand hatte man das Gutshaus „Ambrozzi" mit dem gesamten Areal enteignet. Zur Zeit ist auf einem Teil des Landguts die Gaststätte „Privighetoarea" untergebracht, der Rest wird von bestimmten Temeschburger Personen als Lagerraum benützt. Die Erben des einstigen Besitzers bemühen sich jetzt, über ein Gerichtsverfahren in den Besitz ihrer Erbschaft zu kommen.

Februar 1997                                                                                                                    Anton Zollner