DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (20)
 G r o ß - S a n k t - P e t e r

Die heutige Gemeinde Groß-Sankt-Peter (heute: Sânpetru Mare; ung.: Nagyszentpéter) liegt am nördlichen Rand des Banats, etwa 6 km westlich von Perjamosch entfernt. Sie wird von der Landstraße Perjamosch – Groß-Sankt-Nikolaus durchquert. Laut Gheorghe Drinovan soll die Ortschaft schon 1421 dokumentarisch belegt worden sein. Nach demselben Autor soll die Siedlung 1717, als diese Ráczszentpéter hieß, aus 16 Häusern bestanden haben. Es ist anzunehmen, dass die Bewohner damals Serben waren, die später die Mehrheit der Bevölkerung bildeten. Da die Einwohnerzahl wegen Epidemien stark geschrumpft war, siedelte man hier 1748 Rumänen aus Siebenbürgen an, die aber nicht sesshaft blieben.

Laut Franz Lux ließen sich die ersten Deutschen, die aus den Nachbardörfern kamen, hier 1752 nieder. Eine größere Zuwanderung von Deutschen war 1796 zu verzeichnen, sie gründeten im Anschluß zu  „Raczzampeter“, wie sie die Ortschaft nannten, das „deutsche Dorf“. Laut Karl Kraushaar ist das „deutsche Dorf“ 1809 zwecks Tabakanbau mit weiteren Ansiedlern erweitert worden. Die Zahl der Deutschen soll damals nach F. Lux auf 479 gestiegen sein. Nach demselben Autor bildeten die Katholiken der Gemeinde bis 1808 eine Filiale der Perjamoscher Pfarrei; 1809 sollen sie eine eigenen Kirchengemeinde gegründet haben, was aber über verfilmte Kirchenbücher nicht bestätigt werden konnte, da 1940 für diese Ortschaft keine Mikrofilme angefertigt wurden.

1861 wurde das „deutsche Dorf“ von Serbisch-Sankt-Peter getrennt, wobei die neue Gemeinde den Namen Neu-Sankt-Peter (ung.: Újszentpéter) erhielt. Gleichzeitig wurde Serbisch-Sankt-Peter auf Groß-Sankt-Peter (ung.: Nagyszentpéter) umgenannt. Trotz der Selbständigkeit der beiden Gemeinden bildeten ihre deutschen Bewohner eine gemeinsame Kirchengemeinde und gründeten gemeinsame Vereine. 1910 hatten die Deutschen einen Bevölkerungsanteil von 16,5 Prozent in Groß-Sankt-Peter und 93,1 Prozent in Neu-Sankt-Peter; das waren 465 bzw. 706 Seelen. 1940 wurden im serbischen Groß-Sankt-Peter 351 und im deutschen Neu-Sankt-Peter 730 deutsche Volkszugehörige registriert. 1968 wurden die zwei Gemeinden aufgrund des Gesetzes Nr. 55/68 zusammengeschlossen. Im so entstandenen Groß-Sankt-Peter (amtlich: Sânpetru Mare) lebten 1977 unter den 2.333 Dorfbewohnern noch 363 Personen deutscher Volkszugehörigkeit. Der Rest bestand aus 765 Rumänen, 1.056 Serben, 187 Zigeunern, 7 Ungarn und 21 Sonstigen. Nach den Dezemberereignissen von 1989 waren im Ort noch 26 „Neue Banater Zeitung" (NBZ)-Abonnenten verzeichnet. Im August 1991 lebten hier nur noch 34 Personen deutscher Nationalität, aber bei der Volkszählung vom Januar 1992 bekannten sich nur noch 30 Personen zum Deutschtum.

Zu der Gemeinde, deren Sitz Groß-Sankt-Peter ist, zählen auch die Dörfer Sarafol (amtlich: Saravale; ung.: Sárafalva) und Igrisch (amtlich: Igris; ung.: Egres). So wie im Gemeindezentrum lebten auch hier meist Serben und Rumänen, die Deutschen bildeten in diesen Dörfern nur eine kleine Minderheit. In Sarafol lebten im Jahre 1910  496 Deutsche, deren Bevölkerungsanteil damals 12,6 Prozent betrug. 1940 wurden hier noch 376 Personen deutscher Volkszugehörigkeit registriert. In Igrisch lebten 1910 nur 251 Deutsche, ihr Bevölkerungsanteil belief sich auf über 7 Prozent, aber bis 1940 sank ihre Zahl sogar auf 113 Seelen. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 bekannten sich in diesen Ortschaften  21 bzw.6 Personen zum Deutschtum.

Die Wochenschrift „Agenda" vom 12. Dezember 1992 berichtete einiges über das heutige Groß-Sankt-Peter. Selbstverständlich erscheint hier kein einziger deutscher Name mehr, im Grunde werden zur Zeit die Deutschen und ihre Leistungen gar nicht erwähnt. Man kann aber lesen, daß auch in Groß-Sankt-Peter die Marktwirtschaft Einzug hält. Die Bauern sollen nun im Besitz von einigen Hektar Ackerboden sein, aber die meisten sind Mitglieder eines der drei Landwirtschaftsvereine, die auf den Strukturen der gewesenen LPGs aufgebaut wurden. Der Kleinhandel befindet sich auch in privaten Händen, aber es scheint, als ob alles nur ein Versuch wäre, die Marktwirtschaft vorzutäuschen. In Wirklichkeit herrscht auch hier, wie schon fast im ganzen Banat die Vetternwirtschaft.

Ein realistischeres Bild scheint die Tageszeitung „Timisoara" vom 7. Mai 1993 zu schildern. Das Erlebnis des Bauern Franz Heghedus (vermutlich Hegedüs) ist nur ein Einzelfall, aber charakteristisch für die heutige rumänische Landwirtschaft. Durch die Bodenverteilung erhielt der inzwischen nach Temeschburg gezogene frühere Bauer 2,30 Hektar Ackerboden, 2 Hektar in Sarafol und 0,30 in Igrisch. Mit dem Boden aus Sarafol sei er zufrieden, er hat ihn für ... 19.000 Lei und 3 Liter Speiseöl (?!) dem Staatlichen Landwirtschaftsbetrieb übergeben, da der zugeteilte Boden sich auf dem Areal dieses Betriebs befindet. Die restlichen 0,30 Hektar Boden - ein Teil davon ist Wald - haben ihn zu einem kranken und gebrechlichen Menschen gemacht. Den Ackerboden hat er mit Melonen angebaut, geerntet hat er aber nur drei Wassermelonen. Der Rest wurde ihm gestohlen. Seine Hütte, in der er das Werkzeug lagerte, wurde aufgebrochen und bis auf den letzten Nagel geplündert. Der Stacheldrahtzaun, mit dem er die 0,30 Hektar einsäumte, hatten Unbekannte abgebaut und weggeschafft. Im Winter ist er dann auch ohne dem Waldteil geblieben; dieser wurde „abgerodet". 1993 ging es ihm auch nicht besser, alles wiederholte sich noch einmal. Seine schriftliche Anzeige bei der Polizei aus Groß-Sankt-Peter blieb ohne jedwelche Antwort. Im Mai 1993 verließen ihn der Wille und die Kraft, er gab den so schwer wiedererrungenen Boden seiner Eltern wieder freiwillig auf.

April 1994                                                                                                        Anton Zollner
 
 

Ein Streifzug durch Groß-Sankt-Peter

Im Marosch-Tal, nicht weit vom banater Ufer des Flusses, liegt das 1968 durch den Zusammenschluß von Groß- und Neu-Sankt-Peter entstandene Groß-Sankt-Peter (heute: Sânpetru Mare; ung.: Nagyszentpéter). Da das erstere Sankt-Peter überwiegend von Serben bewohnt war, wurde es von der banat-schwäbischen Bevölkerung „Raczzampeter" genannt. Die Ortschaft wird von der Landstraße Arad - Groß-Sankt-Nikolaus durchquert und von der mit der Landstraße parallel verlaufenden Eisenbahnstrecke gestreift. 1940 bildeten die 1.081 Deutschen der beiden Ortschaften im Durchschnitt einen Bevölkerungsanteil von etwa 45 Prozent. 1977 hatten die 363 Deutschen nur mehr einen Anteil von über 15 Prozent. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 mußte man hier tiefgreifende ethnische Veränderungen feststellen. In den letzten 15 Jahren ist die Bevölkerung um 15 Prozent geschrumpft, und die Serben hatten ihre Mehrheitsposition zugunsten der Rumänen aufgeben müssen, beide haben ihre Bevölkerungszahl fast genau ausgetauscht. Auch die Zahl der Zigeuner ist von 85 auf 148 gestiegen. Zugleich bekannten sich von den 1.998 Einwohnern nur noch 30 Personen zum Deutschtum. Laut Angaben der Heimatortsgemeinschaft Groß-Sankt-Peter waren bis im Februar 1996 lediglich 9 Deutsche im Heimatort verblieben.

Auch im zur Gemeinde Groß-Sankt-Peter gehörenden rumänischen Dorf Igrisch (amtlich: Igris; ung.: Egres) lebten 1910  210 Deutsche, die einen Bevölkerungsanteil von 7,2 Prozent stellten. Bis 1940 sank ihre Zahl auf 113, bei der Volkszählung von 1992 bekannten sich von den 1.269 Einwohnern nur noch 6 Personen zum Deutschtum. Da es nun auch fast keine Katholiken mehr im Dorf gibt, hat man die kleine katholische Kirche der baptistischen Glaubensgemeinschaft verkauft.

Über den heutigen Zustand des Dorfes kann man einiges aus der Temeschburger Presse erfahren. Sehr aufschlußreich ist dabei ein Bericht in banat-schwäbischer Mundart, den Dr. Werner Niederkorn aus Groß-Sankt-Nikolaus am 1. März 2000 in der „Banater Zeitung" (eine Beilage der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien" - ADZ) veröffentlichte. Der Verfasser betrachtete die katholische Kirche noch „halbwegs in Ordnung", auch wenn eine Überholung schon fällig gewesen wäre. Solche Kosten sind aber für die im Ort verbliebenen Katholiken nicht mehr zumutbar. Über den Zustand des Pfarrhauses wurde nichts mehr berichtet, da dieses schon verkauft war. Das „serbische Dorf", also der Ortsteil in dem überwiegend Serben wohnen, sah gepflegt aus, die serbischen Häuser sollen sogar den deutschen ähnlich gewesen sein. Auch die Arbeitstracht hat die serbische Bevölkerung von den Deutschen übernommen: den Strohhut und die blaue Arbeitsschürze. Man sitzt auch abends oder an Ruhetagen auf der Holzbank vor dem Haus oder auf dem gedeckten „Gang". Die serbische Bevölkerung besteht hier hauptsächlich aus betagten Menschen, da die Jungen in den ländlichen Ortschaften des Banats keine Arbeit finden.

Auch der Zustand des katholischen Friedhofs wurde vom Autor als zufriedenstellend bezeichnet. Die Gräber der ausgewanderten Deutschen werden nun von den Serben gepflegt. Nachdem Angehörige beider Volksgruppen in die Baragan-Steppe verschleppt wurden und danach nebeneinander in der LPG schufteten, will man nun das schlechte Verhältnis während des letzten Krieges aus dem Weg räumen. Durch die Zuwanderung zahlreicher rumänischer Kolonisten aus allen Landesteilen sind nun die hiesigen Serben zur ständig abnehmenden Minderheit geworden.

In den rumänischen Tageszeitungen „Renasterea banateana" (Banater Wiedergeburt) des Jahres 1997 berichtete man über einige Aspekte des damaligen Dorflebens. Das Personal des Bahnhofs wurde auf zwei Kassierer reduziert, und der Bahnhof selbst zu einer Haltestelle herabgestuft. Dies soll zu einer totalen Verwahrlosung des Gebäudes geführt haben. Die Holzbänke und der Fußboden des Wartesaals waren schmutzig und mit ausgedrückten Zigarettenkippen übersät. Die Wände waren verschmutzt, zerkratzt und mit den verschiedensten Liebesbotschaften versehen. Das „Büro" der Kassierer war mit einer Petroleumlampe und mit einem alten und abgenutzten mit Induktoranruf versehenen Telefonapparat ausgestattet, die Wände waren aber bist zum letzten Fleck mit Sex- und Fußballposter belegt. Im dritten Raum stand auf dem mit Dieselöl eingelassenen Fußboden ein Eisenbett, zugleich herrschte hier eine totale Unordnung. Mit dieser Schilderung und mit einem Foto, auf dem das Gebäude von außen zu sehen ist, wollte man auf den heutigen Zustand des rumänischen Eisenbahnnetzes hinweisen.

In einer anderen Ausgabe dieser Zeitung ist ein Porträt der damals 31-jährigen Vorsteherin des örtlichen Postamtes, Vidosa Belintan, veröffentlicht. Laut weiterer Meldung soll eine neue moderne Tankstelle zu den positiven Aspekten der Ortschaft zählen. Ebenfalls als eine gute Leistung der Gemeindeväter wurde die asphaltierte Gemeindestraße, die von Groß-Sankt-Peter bis zur Einfahrt in das am Marosch-Ufer gelegene Dorf Igrisch, bewertet. Hier, wo zwischen Arad und der Landesgrenze die einzige Fähre die Marosch überquert, befindet sich ein vielbesuchtes Gasthaus, das den Namen „La tântarul vesel" (= Zur lustigen Gelse) trägt. Aber trotz der außergewöhnlich vielen und lästigen Gelsen, die die Umgebung bevölkern, wird diese Stelle im Sommer von vielen Badegästen aus der gesamten Umgebung besucht.

August 2000                                                                                                          Anton Zollner