DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (15)
 G r o ß - S c h a m

Groß-Scham (amtlich: Jamu Mare; ung.: Nagyzsám) wurde schon 1370 als Siedlung erwähnt, die damals dem Karascher Komitat angehörte. 1700 sollen hier laut Gh. Drinovan sogar 67 Häuser gestanden haben. Die ersten 30 deutschen Familien wurden 1786 neben der heutigen Ortschaft, in Freudenthal angesiedelt. Das heute zur Gemeinde gehörende Klopodia (amtlich: Clopodia) wurde 1771 mit Deutschen kolonisiert. 1809 mußte Freudenthal wegen des schlechten Trinkwassers aufgegeben werden, die Deutschen wurden in das heutige Groß-Scham umgesiedelt. Die rumänische Bevölkerung mußte von hier nach Petrovaselo (neben Rekasch) ziehen. 1890 war der Ort als Gemeindesitz verzeichnet, die Zahl der Einwohner betrug damals 3.258 Seelen. Seitdem sank die Zahl der Einwohner ständig, 1972 lebten nur noch 2.238 Personen in der Ortschaft. Im Jahre 1806 hat Groß-Scham eine eigene Pfarrei erhalten, aber die Kirchenmatrikelbücher sind hier schon 1786 eingeführt worden.

Im März 1990 zählte man in Groß-Scham nur noch 24 „Neue Banater Zeitung"- Abonnenten. Um so überraschender ist die Zahl jener Bewohner, die sich 1992 in Groß-Scham und in den dazugehörenden Dörfern zum Deutschtum bekannten: es waren 114 (!).

Aus einem Bericht der rumänischen Zeitung „Timisoara" vom 26. Februar 1993 erfährt man, daß der Bürgermeister Eugen Stan als Kandidat der Demokratischen Konvention zum Gemeindeoberhaupt gewählt wurde. Sein Vize war damals der Deutsche Andreas Höhn. Am Anfang des Jahres 1993 existierte in Groß-Scham ein Lebensmittelladen und ein Brotwarenkiosk. Es waren aber auch schon private Geschäfte vorhanden: eine Konditorei, eine Patisserie, der Lebensmittelladen „Olimp" (beim Bahnhof) und drei Bars. Es wurden aber auch schon Räumlichkeiten für die Unterbringung einer Molkerei, einer Ölpresse und mehrerer Dienstleistungseinheiten erworben. Der Bürgermeister sorgte gleich nach der Amtsübernahme dafür, daß alle Ortschaften der Gemeinde regelmäßig mit Brot versorgt werden.

Von den 13.000 ha Ackerboden befinden sich 7.000 im Privatbesitz der Bauern. Die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) wurde komplett aufgelöst. Der Rest des Bodens befindet sich noch im Besitz des Staatlichen Landwirtschaftsbetriebs (SLB = IAS), der hier noch als „Staat im Staat" agierte. Groß-Scham verfügt auch über 100 ha Weingärten, die teilweise an die Bevölkerung verpachtet wurden. Drei Mähdrescher und 70 Traktoren sollten sich damals schon in der Gemeinde im Privatbesitz befunden haben. Der „Dorffrieden" ist aber auch hier nur noch ein Traum geblieben. Die gewesenen SLBs, heute „AG"s, haben noch immer ihre alten Strukturen und Direktoren, ihre Führungsspitze benimmt sich auch dementsprechend. Sie bekämpfen vor allem den Gemeinderat, weil der Bürgermeister aus den Reihen der Opposition kommt. In den '70-er Jahren mußte die Gemeinde ihre Weide dem SLB abgeben, jetzt aber erhebt sie als eigentlicher Eigentümer Anspruch darauf. Anstatt die Weide zurückzugeben, verpachtete der SLB sie an fremden Schäfer. Nachdem der Bürgermeister sich nicht bestechen ließ, wurde eine Million Lei auf seinen Kopf gesetzt. Im Dezember 1992 versuchte die alte Nomenklatura den Bürgermeister seines Amtes zu entheben, was aber nicht gelungen ist. Die Regierungspartei hatte zu jener Zeit in Groß-Scham kein einziges Mitglied, dafür aber die oppositionelle Christlich-demokratische Nationale Bauernpartei um so mehr, nämlich 110.

Valentin Samânta, der Autor des Berichts glaubt, daß sich in Groß-Scham ohne die Auflösung der SLB nichts ändern kann. Die Korruption ist im Dorf so verankert, daß man ohne Schmiergelder in Höhe von Zehntausenden von Lei nichts erledigen kann. Ohne Schmiergelder können die Bauern nicht einmal Kredite von den Banken aufnehmen. Der Bürgermeister wollte dies ändern, aber er führt einen aussichtslosen Kampf, wie einst Don Quijote gegen die Windmühlen.

November 1993                                                                                                       Anton Zollner
 
 

Zwei Jahren nach der Wahl

In Groß-Scham (amtlich: Jamu Mare; ung.: Nagyzsám) lebten 1940  2.532 Deutsche und hatten somit einen Anteil von etwa 75 bis 78 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Nach dem 2. Weltkrieg änderte sich alles sehr schnell und im bald zu einem „gewesenen deutschen Dorf" gewordenen Ort. 1977 zählte man hier neben den nur noch 515 Deutschen 1.033 Rumänen, 227 Ungarn und 105 Angehörige anderer Nationalitäten. Bei der Volkszählung von 1992 mußte man aber nicht nur das Zusammenschrumpfen der deutschen Dorfgemeinschaft auf 51 Personen feststellen, sondern die gesamte Bevölkerungszahl war mit Ausnahme des rumänischen Bevölkerungsanteils rückläufig, sie sank von 1.880 auf nur noch 1.412 Personen.

Trotz dieser Lage wurde vor zwei Jahren, 1992, mit Andreas Höhn ein deutscher Vizebürgermeister als Kandidat der National-Liberalen Partei (Junger Flügel) gewählt. Es scheint nun, als würde sich immer der Vizebürgermeister vor die Presse stellen, wie dies am 19. April 1994 schon zum zweitenmal geschah.

Die Probleme, über die er klagt, sind dieselben wie überall im Banat. An erster Stelle rangiert - wie könnte es anders sein - das finanzielle Loch im Gemeindebudget. Ohne Subventionen von staatlicher Seite würde die Gemeinde Pleite machen. Aus diesem Grund können sich die Bürger nur im Winter über eine funktionierende Straßenbeleuchtung freuen. Dafür ist aber die Brotversorgung in der ganzen Gemeinde durch die drei Bäckereien das ganze Jahr über gesichert. Man hat auch 80 Tonnen Schotter für die Instandsetzung der Kommunalstraßen (DC) anschaffen können. Auch das Trinkwassernetz soll durch neue Brunnenbohrungen erweitert werden. All diese „Errungenschaften" sind aber nur eine Bagatelle neben dem, was in einer normal funktionierenden Gemeinde erledigt werden müßte.

Es scheint als würde auch die Bodenverteilung niemals zum Abschluß kommen. Zwar sollten Ende März 1994  92 Prozent des Bodens schon verteilt gewesen sein, aber kein einziger Bodenbesitzer war damals im Besitz seiner Eigentumsurkunde. Auch dies kann als Anzeichen dafür gelten, daß sich in den zwei Jahren nach den ersten annähernd demokratischen und freien Kommunalwahlen in den banater Dörfern nichts geändert hat. Die demokratisch gewählten Bürgermeister und Gemeinderäte stehen nun mit gefesselten Händen in einem undemokratischen Staatsgebilde und erfüllen dieselbe Rolle, die ihre kommunistischen Vorgänger hatten: Sie tun und lassen nur das, was man von der Präfektur erlaubt.

Auch in dem zur Gemeinde gehörenden Dorf Klopodia (amtlich: Clopodia) war jeder vierte Einwohner ein Deutscher; bei insgesamt 446 Seelen stellten sie über 24 Prozent der Gesamtbevölkerung. 1940 bekannten sich sogar 713 Einwohner zum Deutschtum. 1977 waren in Klopodia von den 1.107 Einwohnern noch 164 Deutsche (neben 678 Rumänen und 150 Ungarn). Erstaunlich ist, daß sich hier bei der Volkszählung von 1992  57 Personen zum Deutschtum bekannten, das sind mehr als in Groß-Scham selbst. Wie viele von ihnen wirklich Deutsche waren, ist nicht bekannt. Bemerkenswert ist auch hier das drastische Sinken der Gesamtbevölkerung von 1.107 Personen 1977 auf 796 im Jahr 1992. Dies ist auch ein Zeichen des allgemeinen Zerfalls der ländlichen Ortschaften des Banats.

Aber Deutsche lebten 1940 auch in den rumänischen Dörfern Ferendia und Latunas und zwar 43 bzw. 48 Personen. Bei der Volkszählung von 1992 bekannten sich nur in Ferendia 3 Personen zum Deutschtum. Dafür gab es auch im zur Gemeinde gehörenden Dorf Gherman 3 Personen, die sich ebenfalls zum Deutschtum bekannten.

Oktober 1994                                                                                             Anton Zollner
 
 

Anmerkung des Verfassers: Laut Angaben der Heimatortsgemeinschaften lebten im Februar 1996 in Groß-Scham noch 47 und in Klopodia 28 deutsche Volkszugehörige.
 
 


Wird der Glauben in Groß-Scham überleben?

André Malraux hatte von Groß-Scham (heute: Jamul Mare) bestimmt niemals etwas gehört, aber es scheint, als habe er mit seiner Aussage „Das 21. Jahrhundert wird religiös sein, oder gar nicht" die Zukunft des gewesenen Schwabendorfes gemeint.

In der Mitte des heute meist von Rumänen bewohnten Dorfes steht als einziges Gotteshaus nur die schöne katholische Kirche, die aber nur hie und da noch von einzelnen katholischen Gläubigen besucht wird. Die einstigen fleißigen Besucher der Gottesdienste haben schon seit Jahren Haus und Hof verlassen und sind in das ferne Mutterland gezogen. Die Neubürger, die jetzt in den einstigen Schwabenhäusern wohnen, sind fast alle orthodoxe Gläubige, die ihren Glauben in einem Privathaus ausüben. Seit 1993 hat Groß-Scham keinen eigenen katholischen Pfarrer mehr, die Gottesdienste werden an jedem zweiten Sonntag vom Gatajaer Pfarrer zelebriert. Bei dieser Gelegenheit finden höchstens 10 bis 15 Katholiken den Weg in die Kirche, das Vielfache der Besucherzahl bleibt ihr fern.

Die „fleißigste" Kirchenbesucherin aus Groß-Scham ist die ungarische Seniorin Vera Kiss, eine der etwa 140 hier lebenden Ungarn. Als Mesnerin betätigt sie täglich die mit elektrischen Strom betriebenen Glocken, mit der Hand könnte sie diese nicht mehr ziehen. Für das Läuten der Glocken bei einem Todesfall erhält sie 500 Lei (etwa 30 Pfennige). Diesen Dienst leistet sie nicht nur für katholische Gläubige, sondern auch wenn Orthodoxe sterben, weil diese noch keine Glocke haben. Vera néni, wie man die Frau im Dorfe nennt, sorgt für die regelmäßige Reinigung der Kirche, doch wird diese kaum noch verschmutzt. So kann sie sich auch genügend auf das Zählen der Verstorbenen und der noch lebenden Katholiken konzentrieren. Auch die Orgel erklingt immer seltener, da der letzte Groß-Schamer Organist auch nach Deutschland ausgewandert ist.

Es gib aber auch noch Zeugnisse, daß die Kirche einst mit Leben gefüllt war. Auf der Außenwand der Rückseite soll der rumänische Journalist Valentin Samânta (von der Tageszeitung „Realitatea banateana" - Banater Realität) Namen von Stiftern der Kirche, wie „Comitessa et Domina Amalia Gundaccara a Starhemberg nata Baronesa a Rosen 1825", „Porcia et Bruguera 1825", „Aurelius a Karatsonyi 1825" und „Lazarus Karatsonyi de Beodra 1828" gefunden haben. Als Zeugnis jüngster Zeiten dient das Jubiläumsbild des Kirchenchors. Es stammt aus dem Jahre 1932, als man hier das 40. Gründungsjahr des Chors feierte. Es gibt aber auch Spuren aus der „postkommunistischen Ära", die aber meist auf Diebstähle und Einbrüche hinweisen. Die eiserne Spendentruhe des Hl. Antonius wurde aus der Wand gerissen und ist für immer verschwunden. Ähnlich verschwand auch die mit Gold überzogene Krone der Muttergottes. All diese Verluste wurden von den im Ort verbliebenen Gläubigen ersetzt. Auch die gestohlenen Kerzenhalter wurden am Dorfrand wiedergefunden, nachdem der Dieb gefaßt wurde. Unersetzt blieb aber der Zeitschalter für das Glockenläuten, weshalb Vera néni jetzt bei jedem Läuten einen Knopf der drei Glocken betätigen muß.

Doch nichts kann den heutigen Zustand des geistigen Lebens des einstigen Schwabendorfes besser bekunden als die Groß-Schamer Kirchenuhr. Mit ihrem jahrelangen Schweigen symbolisiert sie das zum Aussterben verurteilte Kulturgut der deutschen Kolonisation des Banats. Die Uhrzeiger deuten auf kurz nach zehn. Sollte die Uhr vielleicht nach dem letzten Hochamt, das in Groß-Scham zelebriert wurde, für immer stehengeblieben sein?

Sollte das nahende 21. Jahrhundert in Groß-Scham wirklich nicht mehr religiös sein? Sollte durch ein Wunder doch noch ein religiöses Erwachen im gewesenen Schwabendorf eintreten, so wird dies bestimmt kein katholisches mehr sein. Man kann nur hoffen, daß die orthodoxen „Neubürger" von Jamul Mare doch noch ein Gotteshaus erbauen und den Ort wieder mit religiösem Leben füllen werden.

Januar 1996                                                                                                            Anton Zollner