DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (8)
 G r a b a t z

Grabatz (heute: Grabati; ung.: Garabos) war schon immer eine fast reine deutsche Gemeinde, mit Ausnahme der rumänischen Beamten und einiger Zigeuner, die sich am Dorfrand niederließen. Grabatz war fast hundert Jahre lang Gemeindesitz, erst in der Ceausescu-Diktatur wurde es zu einem Dorf, das der Gemeinde Lenauheim angehört. In der Zwischenkriegszeit könnten hier gut über 2.000 Deutsche gelebt haben. Bei der Volkszählung von 1972 wurden hier 2.829 Einwohner gezählt, die Zahl der Deutschen wird aber schon damals viel niedriger gewesen sein; neben den Deutschen lebten schon seit 1945 auch Rumänen, deren Zahl ständig stieg. Anfang 1990 gab es in Grabatz noch 99 „Neue Banater Zeitung" (NBZ)-Abonnenten, aber ein Jahr danach sollen laut NBZ-Journalistin Grete Lambert hier nur noch etwa 100 Deutsche gelebt haben. Alle anderen haben nach den Dezemberereignissen von 1989 die Koffer gepackt und sind nach Deutschland ausgesiedelt.

Für die etwa hundert Deutschen, die meisten von ihnen alte Leute, die im Januar 1992 noch im Dorf lebten, gibt es keine Hoffnung mehr auf ein deutsches Gemeinschaftsleben. Die paar Jungen, die damals noch hier waren, warteten auf den Aufnahmebescheid aus Deutschland. Mit der massiven Auswanderung im Jahre 1990 wurde auch die einzige deutsche Grundschulklasse mit Simultanunterricht aufgelöst. Ein Jahr zuvor fand hier die letzte Kirchweih statt. Zwar wurde die Kirche vor einigen Jahren mit Spenden der in Deutschland lebenden Grabatzer renoviert, aber das Pfarrhaus steht leer, einen Seelsorger haben die Katholiken nicht mehr im Ort. Am Gottesdienst, der jeden zweiten Sonntag vom Lowriner Pfarrer zelebriert wird, nahmen nur noch 7 bis 10 Frauen teil. Dabei gibt es auch noch Sprachschwierigkeiten; in deutscher Sprache wird hier nicht mehr gepredigt, und dies entfremdet die verbliebenen Deutschen noch mehr von ihrem Heimatort. Die Leute haben keinen „Halt" mehr, wie Grete Lambert im Januar 1992 in der NBZ schreibt. „Die Heimatglocken läuten auch nur mehr, wenn ein Begräbnis stattfindet, wenn ein Grabatzer hier oder 'drüben' zu Grabe getragen wird".

Aber unter den in Grabatz verbliebenen Banater Schwaben gab es auch einen Idealisten, der den Mut hatte, von vorne anzufangen. Grete Lambert berichtet, daß Nikolaus Mannyet es versucht hat, einen landwirtschaftlichen Verein zu gründen. Dafür schaffte er sich mit österreichischer Hilfe einen Traktor mit Anhänger, einen Pflug und eine Egge an. Doch bald klagte er über die hohe Treibstoffpreise, über die Gesetze und schließlich über das totale Chaos, das in Rumänien in allen Lebensbereichen vorhanden ist. So ist es auch nicht verwunderlich, daß unter den in der alten Heimat verbliebenen Grabatzern nur noch Trost- und Hoffnungslosigkeit herrscht. „Einbrüche, Diebstähle, Raub- und Überfälle sind an der Tagesordnung." Man ist schon soweit, daß die Leute nachdem es dunkel geworden ist, sich nicht einmal in den eigenen Hof wagen.

Auch die Temeschburger rumänische Wochenschrift „Agenda" berichtet im Februar 1993 über den Grabatzer Alltag. Drei Grabatzer Rumänen wollten zu Hl. Dreikönig einen „Sautanz" veranstalten, aber es fehlte ihnen die Sau. Kurz entschlossen gingen sie in den Schweinestall eines Nachbarn, der gerade abwesend war, holten ein Schwein und trieben es auf den Schulhof, wo sie es schlachteten. Danach zerlegten sie seelenruhig das Schwein und trugen es zum Ältesten der „Kumpel". Hier begannen sie dann mit der Schnapsflasche im Mund die Vorbereitungen für die Unterhaltung. Es kam aber nicht mehr dazu, weil sie von einem pflichtbewußten Ordnungshüter und dem Eigentümer davon abgehalten wurden.

Die rumänische Tageszeitung Timisoara" berichtet im Januar 1993, daß in Grabatz viele deutsche Häuser dem Zerfall preisgegeben sind. Um das nun zu verhindern, versucht der Lenauheimer Bürgermeister die verlassenen Häuser Interessenten zuzuteilen. So erhielt der Rumäne Gheorghe Lacatus das Haus mit der Nummer 318. Um es wieder instandzusetzen, investierte er eine halbe Million Lei. Es ist aber kaum zu hoffen, daß man auf diese Weise mehrere Grabatzer Häuser retten kann. Der Mehrheit der Menschen fehlen die finanziellen Mittel dafür.

Und was erwartet die wenigen Deutschen, die noch geblieben sind? Die Ältesten möchten ihre letzte Ruhe in der geliebten Heimaterde finden, die Jüngeren bemühen sich jetzt (wenn auch ein wenig zu spät), um die Aussiedlung. Lieber „Spätaussiedler" in Deutschland als in der Heimat Verbliebener ohne Perspektiven! Eine dritte Alternative gibt es nicht mehr, trotz Hilfen aus Deutschland (die nun aber immer magerer werden) und trotz der in Bonn ausgedachten „Stabilisierungsmaßnahmen".

Juni 1993                                                                                         Anton Zollner
 
 

„'s is so grausam ..."

„'s is so grausam, wann mehr sei Heimatdorf in volle Blieht erlebt hot un jetz zuschaue muß, wie's staad un staad verfalle tut", soll eine der letzten in Grabatz verbliebenen Banater Schwäbin im Mai 1999 der „Banater Zeitung"-Journalistin Helen Alba erklärt haben.

Grabatz (amtlich: Grabati; ung.: Garabos) soll laut Karl Kraushaar im November 1767 mit 50 Familien aus Sackelhausen neu angelegt worden sein. 1768 sind hier 200 neue Häuser für deutsche Kolonisten errichtet worden. Das banat-schwäbische Heidedorf befand sich damals im Torontaler Komitat. Ebenfalls 1768 gründete man die hiesige Pfarrei, und gleichzeitig wurden auch die Kirchenmatrikelbücher eingeführt.

Im Jahre 1910 lebten in Grabatz 1.962 Deutsche, die einen Bevölkerungsanteil von über 89 Prozent stellten. Die Zahl der Deutschen stieg bis 1940 auf 2.180 Seelen, aber nach dem 2. Weltkrieg verwandelte sich die einst rein deutsche Gemeinde allmählich in das heutige rumänische Dorf Grabati. Bis 1977 sank die Zahl der Deutschen auf 1.161, während die der Rumänen auf 1.189 stieg. Aber auch noch Anfang 1990 gab es hier 99 „Neue Banater Zeitung" (NBZ)-Abonnenten, was darauf schließen läßt, daß unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Ceausescu-Diktatur noch immer einige hundert Deutsche im Heimatdorf lebten. Nach der Zahl der Abonnenten der deutschsprachigen Presse befand sich Grabatz damals unter den banater Ortschaften an 13. Stelle. Gleich danach setzte sich auch hier der Massenexodus der Deutschen ein. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 bekannten sich von den 1.883 Dorfbewohnern (767 weniger als 1977) nur noch 117 Personen zum Deutschtum. Diese lebten damals neben 1.284 Rumänen, 440 Zigeunern, 32 Ungarn und 10 Sonstigen.

Bis Februar 1996 verringerte sich die Zahl der Deutschen im einstigen Schwabendorf laut Angaben der Heimatortsgemeinschaft Grabatz auf 44 Seelen. Aus einer Reportage von Helen Alba - Journalistin bei der „Banater Zeitung" (eine Beilage der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien - ADZ -) - ist zu entnehmen, daß im Frühjahr 1999 in Grabatz noch 12 deutsche Männer, 12 deutsche Frauen, 7 deutsche Minderjährige und 8 Minderjährige aus Mischehen lebten. Zu diesen gehören auch die sechs noch im Heimatdorf verbliebenen ehemaligen Rußlanddeportierten.

Über das Leben dieser Menschen berichtet ausführlich in der oben genannten Zeitung die in Mischehe lebende Banater Schwäbin Marianne Talpa, eine geborene Tillschneider. Als 21-jährige Kriegswitwe mußte sie sich mit ihrem kleinen Sohn Horst in den folgenden schweren Nachkriegszeiten durchs Leben schlagen. Im Januar 1945 wurde sie mit ihren arbeitsfähigen Landsleuten nach Rußland verschleppt, wo sie fünf Jahre lang Zwangsarbeit leisten mußte. Nach ihrer Heimkehr heiratete sie den Rumänen Victor Talpa, mit dem sie jetzt ihren Lebensabend verbringt. Ihr Sohn lebt heute in Temeschburg, aber die Enkeln sind nach Deutschland ausgewandert.

Von einem deutschen Gemeinschaftsleben kann in Grabatz keine Rede mehr sein. Wegen der wenigen Dorfbewohner deutscher Volkszugehörigkeit konnte hier kein Ortsforum der Deutschen gegründet werden, und deswegen finden hier auch keine organisierten Zusammenkünfte statt. Die wenigen Deutschen, die hier verblieben sind, ließen sich in verschiedenen deutschen Ortsforen einschreiben; vier Personen gehören dem Temeschburger Ortsforum an und andere dem aus Hatzfeld.

Aber auch beim Gottesdienst können sich die Deutschen nur selten treffen, da dieser nur noch einmal im Monat stattfindet Die hl. Messe wird dann vom Lowriner Pfarrer Hans Ghinari zelebriert. Da es auch keinen Kirchenchor mehr gibt, wird der Pfarrer immer auch vom Lowriner Kantor begleitet. Aber auch sonst beteiligen sich beim Gottesdienst regelmäßig meist nur etwa sieben Frauen, die anderen nur hie und da. Die fast immer leerstehende Heimatkirche wird zur Zeit von einem katholischen Rumänen betreut, der auch die Glocken regelmäßig läutet. Die Gräber im Friedhof sind hauptsächlich nur noch mit Betonplatten bedeckt; 40 Grabstätte werden von der 78-jährigen Marianne Talpa gepflegt. Sie pflegt auch das imposante, von der Heimatortsgemeinschaft vor kurzem instandgesetzte Heldendenkmal. Diese Arbeit leistet sie aber freiwillig. Das Denkmal wurde nun auch mit die Namen aller Opfer des 2. Weltkriegs, der Rußlandverschleppung und der Baragan-Deportation ergänzt.

In der genannten Reportage schildert die Journalistin auch den Alltag der Familie Talpa stellvertretend für alle im Heimatdorf verbliebenen Deutschen. Um ihren Unterhalt zu sichern, müssen die zwei betagten Eheleute noch fleißig arbeiten. Durch das Bodengesetz erhielten sie zwar 5 Hektar Ackerboden, aber sie haben nicht mehr die Kraft und auch keine Maschinen, diese zu bestellen. Deswegen verpachteten sie den Boden dem Landwirtschaftsverein „Nikolaus Mannyet", aber aus der Pacht können sie noch lange nicht leben. Um ihre tägliche Ernährung zu sichern, müssen die Eheleute auch fleißig ihren Hausgarten bearbeiten. Die Renten, die sie für ihre Arbeitsjahre beziehen, reichen auch nicht, um die nötigsten Kosten zu decken, und darum verdient Marianne Talpa etwas auch mit Schneiderarbeiten hinzu. Das Weihnachtsschwein züchten die Talpas zur Zeit auch nicht mehr, da man ihnen dieses schon mal vor Weihnachten aus dem Stall gestohlen hat. Die Diebe haben es vor Ort und Stelle abgeschlachtet, um es leichter wegschaffen zu können. Jetzt schaffen sich die Leute das Schlachtschwein erst vor Weihnachten an. Die Diebe sind nun auch mit dem Geflügel der Talpas zufrieden; sie stehlen diese, ohne die Jahreszeiten zu beachten. Es ist so grausam im einstigen Heimatdorf Grabatz!

Dezember 1999                                                                                         Anton Zollner