DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (103)
 G o t t l o b

Das deutsche Kolonistendorf Gottlob (amtlich auch so oder Gotlob; ung.: Kisösz) liegt auf der Banater Heide, etwa 6 km südwestlich von Lowrin entfernt. Die Ortschaft wird von der Kreisstraße Lowrin - Groß-Komlosch durchquert und von der Eisenbahnstrecke Lowrin - Nero berührt. Letztere mußte aber vor einigen Jahren wegen ihrer Baufälligkeit geschlossen werden. Die Eisenbahngesellschaft hatte den Anspruch gestellt, daß die Instandsetzung der Strecke von den Einwohnern jener Ortschaften durchgeführt werden soll, durch der sie führte. Aus diesem Grunde ist mir der derzeitige Zustand der Strecke nicht bekannt.

Gottlob, das bis 1967 schon immer Gemeindesitz war, gehört heute zu den 10 Ortschaften, die mit über 1770 Einwohnern (Stand: Januar 1992) zu Dörfern ohne eigener Verwaltung herabgestuft wurden. Auch diesen drohte, wie den Dörfern mit einigen Dutzend Einwohnern, Ceausescus berüchtigte „Dorfschleifung". Das Schwabendorf ist laut Karl Kraushaar 1772 gegründet worden, es bestand damals aus 203 Häusern und lag im Torontaler Komitat. Rumänische Autoren, zu denen sowohl Gheorghe Drinovan als auch Ioan und Rodica Munteanu gehören, geben 1770 als das Jahr der dokumentarischen Attestierung Gottlobs an. Die katholische Pfarrei wurde hier 1773 gegründet, als auch die Kirchenmatrikelbücher eingeführt wurden.

Im Jahr 1910 bildeten die 1.836 hier lebenden Deutschen einen Bevölkerungsanteil von 91 Prozent. Diese Daten änderten sich bis November 1940 nur sehr gering; damals wurden hier 1.814 deutsche Volkszugehörige registriert. 1977 stellten die 875 Deutschen nur noch einen Bevölkerungsanteil von 38 Prozent. Der Rest der Dorfbewohner bestand aus 1.195 Rumänen, 103 Zigeunern, 75 Ungarn und 53 Sonstigen. Laut einer Meldung der „Neuen Banater Zeitung" (NBZ) lebten 1991 im einstigen reinen Schwabendorf nur noch etwa 160 Deutsche. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 stellte sich auch hier heraus, daß die Zahl der Personen, die sich zum Deutschtum bekannten, fast doppelt so hoch war, wie die tatsächliche Zahl der deutschen Volkszugehörigen. Bei dieser Gelegenheit ließen sich 224 Personen als Deutsche registrieren, während im Dorf laut eines NBZ-Berichts damals nur 123 Deutsche lebten, 18 von ihnen in Mischehen. Aber in den 15 Jahren zwischen den zwei Volkszählungen sank nicht nur die Zahl der Deutschen, sondern auch die der Ungarn halbierte sich auf 38 Personen. Gestiegen ist nur die Zahl der Rumänen um 126 auf 1.321 Personen und die der Zigeuner um 36 auf 139 Personen. Die Zahl der sonstigen Volkszugehörigen blieb mit 47 fast unverändert. Bis Dezember 1994 sank die Zahl der Deutschen auf 112 Seelen. Laut Angaben der Heimatortsgemeinschaft Gottlob waren im Februar 1996 im Heimatdorf noch 98 Deutsche verblieben gewesen.

Mit den konkreten Problemen der in Gottlob verbliebenen Deutschen befaßte sich die banater Presse zum den letzten Mal am 20. September 1991 und am 14. Januar 1992 ausführlich, als Grete Lambert in der NBZ je eine Reportage über den damaligen Zustand des Dorfes veröffentlichte. Die „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien" (ADZ) und ihre Beilage für das Banat "Banater Zeitung" befaßte sich so gut wie gar nicht mit den 98 in dieser Ortschaft verbliebenen Deutschen. Dafür berichten fast alle rumänischen Zeitungen aus Temeschburg regelmäßig aus dem heutigen „Gottlob".

Laut Elisabeth Tittenhofer, die 1991 stellvertretende Vorsitzende des Ortsforums der Deutschen war, lebten damals in Gottlob fast nur noch Deutsche im fortgeschrittenen Alter. Zu den Jungen zählten damals nur die Geschwister Christine und Michael Tittenhofer mit Heidemarie und Hartwig Hockl. Deutsche Schulkinder gab es nur noch zwei, die aber die rumänische Grundschule besuchen mußten. Wegen der niedrigen Schülerzahl mußte 1990 der deutsche Unterricht in den Grundschulklassen, als diese von nur noch 5 Schülern besucht wurden, aufgelöst werden. Dasselbe geschah zur gleichen Zeit auch mit dem deutschen Kindergarten, der damals von 7 Kindern besucht wurde. Die Kindergärtnerin Elisabeth Tittenhofer unterrichtete damals vormittags im Kindergarten und nachmittags in der Schule. Seit 1991 unterrichtet sie in der rumänischen Schule.

Der Vorsitzende des Ortsforums der Deutschen, der Dorfarzt Dr. Edgar Herbeck versuchte zwar, die meist aus älteren Menschen bestehende deutsche Dorfgemeinschaft wieder zu aktivieren, aber ohne Dorfjugend ist ihm dies kaum gelungen. Bis Anfang 1992 gelang es ihm, die Zahl der Forumsmitglieder auf 280 zu erhöhen, diese Zahl war aber doppelt so hoch wie die der deutschen Volkszugehörigen. Bekanntlich erhielten Mitglieder des Demokratischen Forums der Deutschen aus Rumänien leichter ein Einreisevisum für Deutschland. Trotzdem konnte sich in Gottlob keine deutsche Kulturtätigkeit mehr entfalten. Wie sollte dies aber auch geschehen, wenn das Forum nicht einmal einen eigenen Sitz hatte?

Trotzdem wollten die meisten im Dorf verbliebenen Deutschen nicht nach Deutschland auswandern. Sie hatten durch das damalige Bodengesetz einen Teil ihrer Felder zurückerhalten, und dies veranlaßte sie zu bleiben. Bald mußten sie aber feststellen, daß sie nicht mehr die Kraft haben, ihren Ackerboden selbst zu bestellen, und Geld für die Anschaffung und das Betreiben von Landwirtschaftsmaschinen hatten sie auch nicht. Deswegen wollten sie ein Jahr später einen Landwirtschaftsverein gründen. Während dieser Zeit verfiel das schmucke Schwabendorf zu einer „Ruinenortschaft"; es bestand bald meist nur noch aus „zerstörte(n) Häuser(n), Schutthaufen, Häuser(n) ohne Türen- und Fensterstöcke(n)". Im Januar 1992 war nur noch jedes dritte oder vierte Haus bewohnbar. Im Ort gab es dann auch keinen Handwerker mehr, außer den Bäckern. Diese aber arbeiteten nicht, so daß sich ein jeder das tägliche Brot dort anschaffen mußte, wo er es eben konnte.

Verwahrlost sah Anfang 1992 auch die katholische Kirche aus. Einen Pfarrer hatte Gottlob schon seit einigen Jahren nicht mehr. Einmal in der Woche zelebrierte hier der Lowriner Pfarrer den Gottesdienst. Durch die zerschlagenen Fenster flogen die Tauben nach Belieben ein und aus, gestört wurden sie nur während der heiligen Messe. Fast drei Jahre später ist 1994 an Allerheiligen im Gottlober Friedhof ein Gedenkstein für die Opfer des 2. Weltkriegs, der Rußland- und der Baragan- Deportationen errichtet worden. Auf einer Marmorplatte befindet sich folgende Inschrift:

 „Den Toten zum Gedächtnis, den Lebenden zum Vermächtnis
 1939 - 1945 gefallene Helden 52
 1945 - 1949 Rußlandverschleppung 17 Tote
 1951 - 1956 Deportation in den Baragan 9 Tote
 Ruhet sanft! - Gemeinde Gottlob"

Der Gedenkstein ist am selben Tag vom Temeschburger Diözesanbischof Msgr. Sebastian Kräuter eingeweiht worden. Schließlich berichtete die ADZ vom 24. Dezember 1998, daß eine Woche vor Weihnachten in die Gottlober Kirche eingebrochen wurde, wobei man Holzstatuen und andere Wertgegenstände gestohlen hatte.

Es ist anzunehmen, daß nirgends im Banat die deutsche Aussiedlerpolitik so erkennbar ist wie in Gottlob. Die damalige Kohl-Regierung bemühte sich mit auf Sand gebauten Investitionen in Höhe von fast zwei Millionen DM Steuergeldern, die wenigen im Banat lebenden Deutschen so weit wie möglich vom Mutterland zu halten. Schon 1992 unterstützte man durch den „Banater Verein für internationale Kooperation Banatia", den Verwalter der aus Deutschland für den vorgegebenen Zweck fließenden Gelder, die Gründung einer „losen landwirtschaftlichen Gemeinschaft" und deren Ausstattung mit ... einem (!) Traktor. Statt die alten Leute deutscher Volkszugehörigkeit regelmäßig mit Lebensmittelpaketen zu versorgen, ließ man in Gottlob für fast zwei Millionen DM ein aus acht Türmen bestehendes Weizensilo erbauen. Schon im Herbst des Jahres 1994 kam ein Gesandter der deutschen Regierung ins Banat, um hier mehrere Landwirtschaftsvereine zu überzeugen, eine Gesellschaft nach deutschem Muster zu gründen, deren Aufgabe der Ankauf von Weizen und der Verkauf von Mehl wäre.

Im Februar 1995 gründeten 32 Landwirtschaftsvereine eine „Raiffeisen"-Gesellschaft, die den Auftrag bekam, das Silo mit einer Kapazität von 8.000 Tonnen zu errichten. Zum Vorsitzenden des Aufsichtsrates wurde Univ.-Prof. Dr. Alexandru Moisiuc und zum Direktor Ioan Kohonitz ernannt. Gleichzeitig wurde (laut „Renasterea banateana") die Gesellschaft „Gold Germina" gegründet, die den Auftrag erhielt, den Weizen in der „Goldgramina"-Mühle (ADZ) zum besten Mehl zu mahlen. Man könnte jetzt meinen, daß hier so einige Arbeitsplätze geschaffen wurden, was leider nicht stimmt, da das vollautomatisierte Silo nur vier Beschäftigte benötigt und die Mühle 24. Ende 1997 arbeitete die Mühle nur mit etwa 65 bis 70 Prozent ihrer Kapazität. Trotzdem sollte auf Anregung der Bundesregierung in die „Raiffeisen"-Gesellschaft weitere Gelder gesteckt werden; man wollte bis 2000 noch eine Molkerei, einen Schlachthof, eine Ölpresse und eine Zuckerfabrik errichten.

Bald hatte aber nur die rumänische Zeitung „Renasterea banateana" (Banater Wiedergeburt) im April 1997 in ihrer Reportage über das „deutsche Wunder" eine kleine Bemerkung gemacht, wonach „'Raiffeisen' schwierige Tage zu überstehen hatte, zur Zeit wäre aber alles normal". Was meinte man da aber unter „normal"? Vielleicht das Normale in der rumänischen Wirtschaft? Wenn man mit der Siloanlage für Rumänien Entwicklungshilfe leisten wollte, dann wäre ja alles in Ordnung, aber in keinem Fall hatte man damit den fern vom Mutterland in krassester Not lebenden Volksdeutschen geholfen.

Aber in dem Maße, in dem das Gottlober Deutschtum ausstirbt, entwickeln sich hier neue Sitten und Bräuche der zugewanderten Bevölkerung. In diesem Sinne berichtete die ADZ, daß am 3. November 1996 im gewesenen Schwabendorf die erste rumänische „Ruga" (rumänisches Kirchweihfest) stattgefunden hat. Die Veranstaltung war dem Heiligen Dimitrie, dem neuen Schutzpatron Gottlobs gewidmet. In der rumänisch-orthodoxen Kirche wurde die hl. Liturgie vom Ortspfarrer Aurel Vacarescu gelesen. Ehrengäste des Gottesdienstes waren die „Ruga"-Paten („Nasi" genannt) Ana und Aurel Cârlea, die mit der Kutsche in die orthodoxe Kirche gebracht wurden. Nach dem Gottesdienst zog ein rumänischer Trachtenzug durchs Dorf, dem sich die Mehrheit der Neubürger angeschlossen hatte. Am Nachmittag fanden im Kulturheim verschiedene Kulturveranstaltungen statt. Bei dieser Gelegenheit wurde die Rumänin Violeta Stefanescu zur „Miss Gottlob" gewählt.

Was nun den Gottlober Alltag betrifft, schaut dieser heute nicht so rosig aus, wie sich diesen 1994 noch einige mutige Unternehmer vorstellten. Im Sommer jenes Jahres war Beneamin Cretu einer, der sein Glück ausprobierte. Er nahm 1990 einen Kredit in Höhe von 500.000 Lei auf und gründete eine Bäckerei. Mit dem Gewinn aus der Bäckerei errichtete er eine Tankstelle, und bald war der Mann auch der Eigentümer eines Handelskomplexes. Schließlich verfügte er auch über einen Landwirtschaftsverein mit 45 Hektar Ackerboden. Man kann aber annehmen, daß dieser „Glückspilz" eine einmalige Erscheinung in den Dörfern des Banats war.

Ab 1997 erklingen in der rumänischen Presse nur noch pessimistische Töne aus Gottlob. So war aus den Seiten der „Renasterea banateana" zu erfahren, daß im Sommer 1997 die Gottlober Bauern die unzufriedensten in der gesamten Gemeinde Lowrin waren. Hier wurden aufgrund des Bodengesetzes Besitzurkunden für größere Bodenflächen ausgestellt, als es hier tatsächlich gab. Dies bemerkte man aber nicht bei der Bodenverteilung, sondern erst 1997, als der Landwirtschaftsverein „Gottlobana" aufgelöst wurde. Bis dahin erhielt jeder Bauer seinen Anteil von der Ernte nach der in der Urkunde eingetragenen Fläche. Bei der Auflösung des Vereins bekamen darum einige Personen nur noch die Hälfte von der Bodenfläche zurück, mit der sie in den Verein eingetreten waren. Außerdem wurde noch berichtet, daß man mit Hilfe der Dorfbewohner die Dorfschule noch rechtzeitig vor ihrem Einsturz reparieren konnte. Instandgesetzt wurde auch das Kulturheim, und das Dorfambulatorium ist an das Trinkwassernetz angeschlossen worden.

Über das Schicksal der einstigen Station für die Mechanisierung der Landwirtschaft (SMA) wurde berichtet, daß diese auf neun Gesellschaften (nach der Struktur der gewesenen Abteilungen) aufgeteilt wurde. Außer dem Gottlober „Agromec" überleben alle anderen nur durch das Pachten des Ackerbodens der Bevölkerung der benachbarten Dörfern mit dem Zweck, diesen vollständig zu bearbeiten. Die Gottlober Werkstatt des gewesenen Staatsbetriebs wurde teilweise privatisiert, und sie profilierte sich ausschließlich auf Reparaturen. Deswegen wurden alle Landwirtschaftsmaschinen veräußert. Nach der Rentabilität der „Agromec" gefragt, erklärte Direktor Vasile Busuioc, daß dies eine Sache der Zukunft sei. Gegenwärtig hält man sich durch die Vermietung des Betriebsgeländes über Wasser. Bis Sommer 1997 sind 4.000 qm Gelände an eine italienische Firma vermietet worden, mit der Aussicht weitere 12.000 qm den Italienern zu vermieten. Diese wollten hier eine Spielzeugfabrik mit 700 bis 800 Arbeitsplätzen errichten. Der Direktor wollte durch diese Verpachtung beträchtliche Dividende für die Aktionäre der „Agomec" sichern. Dazu wollte er auch die Fabrikarbeiter in der „Agromec"-Kantine verköstigen und nebenbei auch einen Lebensmittelladen einrichten. In dieser verbesserten wirtschaftlichen Lage hoffte Direktor Busuioc, auch Reparaturen für die Bevölkerung durchführen zu können.

Ansonsten schlug sich damals jeder Gottlober so durch, wie er es eben konnte. So arbeitete im Dezember 1997 der gewesene Polizist Sorin Cirap als „Chef-Müller" in der schon oben erwähnten Mühle „Goldgramina". Direktor dieser Mühle war der Bergwerk-Ingenieur Eugen Nicoara. In dieser Mühle war damals aber nicht nur die Chef-Etage mit Laien in dieser Branche besetzt, sondern alle 24 Beschäftigten sind niemals als Müller ausgebildet worden. Auch der 75-jährige Rentner Andrei Dzamba verdiente Ende 1996 noch etwas zu seiner Rente durch Reparaturen an Traktoren. Der zum Meister ausgebildete Traktorist war von 1953 bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1984 Direktor des Staatlichen Landwirtschaftsbetriebs aus Warjasch (IAS) bzw. der Station für die Mechanisierung der Landwirtschaft (SMA) aus demselben Ort.

Der oben schon erwähnte Dorfarzt deutscher Volkszugehörigkeit, Dr. Edgar Herbeck fühlte sich mit Leib und Seele an sein Heimatort Gottlob gebunden; seine Lebensphilosophie lautete: „Nur die Seele des Menschen kann den Heimatort segnen!". Er war aber nicht nur ein begeisterter Landarzt, sondern auch ein passionierter Landwirt. Er bestellte selbst den von seinen Eltern geerbten Ackerboden, und dabei scheute er sich nicht, auf seinem eigenen Traktor vom Typ „Universal 650" auf die Felder hinauszufahren.

Juni 1999                                                                                                                       Anton Zollner