DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (104)
 G r o ß - K o m l o s c h

Die Großgemeinde Groß-Komlosch, nur selten auch Großhopfendorf genannt (amtlich: Comlosu Mare; ung.: Nagykomlós), liegt auf der Banater Heide neben der heutigen Grenze zu Serbien, 13 km südwestlich von Lowrin entfernt. Sie befand sich in der Mitte der einstigen Landstraße Lowrin - Kikinda. Nach Gheorghe Drinovan soll die Ortschaft schon 1446 dokumentarisch belegt worden sein. Laut Karl Kraushaar sind 1791 in „Banat-Komlos" Deutsche aus Luxemburg angesiedelt worden, nach anderen Quellen soll dies schon 1781 geschehen sein. Ein deutsches Dorf im eigentlichen Sinn ist Groß-Komlosch aber niemals gewesen, die deutsche Bevölkerung stellte in diesem Jahrhundert bis zum 2. Weltkrieg immer einen Bevölkerungsanteil von 25 bis später 20 Prozent.

1910 lebten in Groß-Komlosch 1.133 Deutsche, diese Zahl sank bis 1940 auf 974. Nach dem Krieg verblieben immer weniger Deutsche in dieser mehrheitlich von Rumänen bewohnten Ortschaft. 1977 zählte man unter den 3.992 Einwohnern nur noch 358 Deutsche, die einen Bevölkerungsanteil von 11,6 Prozent stellten. Den Rest bildeten 3.084 Rumänen, 476 Zigeuner und 74 Sonstige. Bis Januar 1992 verringerte sich nicht nur die Zahl der Deutschen, sondern auch die Gesamtbevölkerung. Von den 3.230 Einwohnern bekannten sich noch 137 Personen zum Deutschtum. Auch die Zahl der Rumänen sank auf 2.302, dafür stieg aber die Zahl der Zigeuner auf 710.

Die Kirchenmatrikelbücher sind hier 1793 eingeführt worden, aber eine katholische Pfarrei wurde erst 1849 gegründet. Bis dahin bildeten die Groß-Komloscher Katholiken eine Filiale der Nakodorfer Pfarrei (heute befindet sich Nakodorf auf dem Staatsgebiet Serbiens und heißt amtlich Nakovo).

Auch im als rumänische Kolonie gegründeten Dorf Lunga (ung.: Kunszöllös), das immer zur Gemeinde Groß-Komlosch gehörte, ließen sich Deutsche nieder. 1910 stellten die 532 Deutschen einen Bevölkerungsanteil von fast 50 Prozent. Auch im November 1940 wurden hier 429 Deutsche registriert, aber im Jahre 1977 lebten unter den 543 Einwohnern nur noch 163 Deutsche. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 bekannten sich in Lunga von den 506 Einwohnern nur noch 14 Personen zum Deutschtum. Neben den 437 Rumänen zählte man des weiteren auch 39 Zigeuner, 9 Ungarn und 7 Sonstige. Laut Angaben der Heimatortsgemeinschaft Groß-Komlosch/Lunga sollen bis Februar 1996 in den zwei Ortschaften insgesamt noch 58 Deutsche verblieben gewesen sein.

Über die in Groß-Komlosch verbliebenen Deutschen berichtete wahrscheinlich zum letzten Mal die Journalistin Grete Lambert in der „Neuen Banater Zeitung" (NBZ) vom 16. November 1991. Der Titel, den sie damals ihrer Reportage gab, ist auch heute noch aktuell: „Grosskomlosch - eine Gemeinde, die im Dornröschenschlaf versunken ist". Aus ihrem Gespräch mit dem Groß-Komloscher Spenglermeister Eugen Johann Schneider geht hervor, daß damals im Heimatort noch etwa 60 Deutsche verblieben waren, die „das Leben der Restbevölkerung einer einstigen Gemeinschaft" führten. Einen deutschen Schulunterricht gibt es schon seit 1979 nicht mehr, die letzte Kirchweih, die eigentlich eine „Männerkerwei" war, fand hier 1964 statt. Den Gottesdienst zelebrierte 1991 der Pfarrer aus Marienfeld. Die wenigen Deutschen fühlten sich auch bei der Bodenverteilung benachteiligt, selbst die Familie Schneider bekam ihr Feld nicht zurück. Die Kinder der Schneiders, Hans und Astrid, waren damals neben Hans Raskop die einzigen deutschen jungen Leute im Ort. Der einzige deutsche Schüler war damals Egon Kintsch.

In der Gemeinde selbst herrschte 1991, wie auch danach das totale Chaos, in dem „jeder nach eigenem Gedünken etwas tut, oder nichts tut". Deswegen haben sich dann auch die Schneiders entschlossen, das „Schiff, das schnell untergehe" zu verlassen, aber nach der Wende wollten sie doch den Neuanfang in der alten Heimat wagen.

Über das Leben der Groß-Komloscher Rumänen ist in der Temeschburger rumänischen Tagespresse reichlich berichtet worden. Am 15. August 1994 ist hier laut „Timisoara" der 260. Jahrestag der Ansiedlung der Bufänen (rum.: bufani) großzügig gefeiert worden. Die „Bufänen" waren Rumänen, die aus Angst vor den Türken aus Oltenien (der Kleinen Walachei) hierher geflüchtet sind. Aus ihren Reihen gingen viele berühmte Persönlichkeiten hervor, wie der Dichter Iulian Grozescu, oder die reiche Prominentenfamilie Bugariu, deren Nachkommin Ana Bugariu 1995 in den Ruinen ihrer einstigen Villa einsam und arm ihren Lebensabend verbrachte. Zusammen mit ihrem Vater, der als Oberst im letzten Krieg beide Beine verloren hatte, wurde sie 1951 in die Baragan-Steppe deportiert.

In der Amtszeit des ersten demokratisch gewählten Bürgermeisters Ioan Ciorba (1992-94) soll es in der Gemeinde neben dem schon beschriebenen Umfeld auch positive Aspekte gegeben haben. Gleich nach der Wende schloß man Partnerschaften mit den serbischen Nachbarorten Kikinda und Nakodorf. Infolge des Bodengesetzes sollen damals laut Ciorba alle berechtigten Personen Felder erhalten haben, wenn auch nicht mit den vom Gesetz vorgesehenen Flächen. Da die landwirtschaftlichen Staatsbetriebe nicht aufgelöst wurden, reichte der zur Verfügung stehende Boden nicht aus. Deswegen erhielten etwa 80 Baragan- Deportierten Aktien von der Grabatzer „Comagra" AG (das ist der mit Staatskapital funktionierende gewesene Staatliche Landwirtschaftsbetrieb = IAS). Dafür sollen arbeitslose Jugendliche, also die Absolventen der Allgemeinschule, nicht einmal die Minimalfläche von 5.000 qm erhalten haben, die allen Dorfbewohnern für ihre Selbstversorgung zusteht. Es soll aber noch im Februar 1996 auch fünf Erwachsene gegeben haben, die total leer ausgingen. Sollen vielleicht diese die Deutschen gewesen sein, über die die NBZ 1991 berichtete? Anfangs gab es Ortschaften, in denen man bei den Deutschen die Anwendung des Bodengesetzes hinausgeschoben hatte, mit der Hoffnung, daß diese sowieso auswandern werden. Um die Felder der überwiegend veralteten Bevölkerung zu bestellen, wurden in der Gemeinde zwei große und drei kleinere Landwirtschaftsvereine gegründet. Ansonsten waren nur diese finanziell in der Lage, einige Landwirtschaftsmaschinen anzuschaffen.

Auch mit dem Dienstleistungssektor war das Gemeindeoberhaupt zum Teil zufrieden. Einerseits erzeugte die Mühle ein besonders gutes Mehl, und neben einer genossenschaftlichen Bäckerei gab es in Groß-Komlosch auch eine private. Anderseits gab es hier nach der Auflösung der LPG keine Handwerker mehr. Die zwei privaten Autowerkstätten entsprachen auch nicht den von den Kunden gestellten Erwartungen. Aber auch die Läden der örtlichen Konsumgenossenschaft waren nicht besonders effizient, da sie ihre Einnahmen eher aus der Vermietung der eigenen Räume erwirtschafteten.

Einen besonderen Ärger bereitete dem als Buchhalter ausgebildeten Bürgermeister der Personenverkehr. Nachdem die Eisenbahngesellschaft den Verkehr mit Temeschburg auf der Strecke Lowrin - Nero wegen deren totalen Zerfall der Infrastruktur einstellen mußte, und dasselbe schon vorher mit dem Busverkehr geschah, blieb Groß-Komlosch ohne jedwelche öffentliche Anbindung an die Außenwelt. Dies veranlaßte das Gemeindeoberhaupt, auf Kosten der Gemeinde, einen Busfahrer einzustellen und ihm eine eingerichtete Wohnung zur Verfügung zu stellen, damit dieser regelmäßig die Strecke Temeschburg - Lunga befahren soll. Eine besondere Belastung für die sowieso schon leere Gemeindekasse waren die Sozialhilfeempfänger. Ciorba betrachtete die Sozialhilfe als eine Anregung vieler Bürger zum Nichtstun. Weitere Kopfschmerzen bereiteten ihm die etwa 200 gewesenen deutschen Häuser, die nun im Besitz der Gemeinde waren. Die kassierten Mieten reichten nicht für ihre Instandhaltung, und ihre Bewohner hatten auch nicht den Willen, etwas für die Erhaltung der von ihnen bewohnten Häusern beizutragen.

Mit den finanziellen Mitteln der Weltbank ist auch in Groß-Komlosch 1995 ein modernes Ambulatorium im gewesenen Haus der Müllerfamilie Mathias Frauenhoffer eingerichtet worden. Das Ambulatorium, das vorher nur mit einem Stethoskop, einem Blutdruckmesser und einer Waage ausgestattet war, verfügte nun auch über einen Elektrokardiographen, ein Minilabor und eine komplett ausgestattete Zahnarztpraxis. Die Zentralheizung ist von einer eigenen automatisch funktionierenden Heizanlage gesichert. Zugleich wartete auch eine mit westlichem Niveau ausgestattete Wohnung auf einen jungen Arzt, der sich aber damals nicht melden wollte. Die Ärztin für Allgemeinmedizin Dr. Rodica Sarafolean lebte schon seit mehreren Jahren im Ort, und so hatte sie hier auch schon ihr eigenes Heim.

Im Sommer des Jahres 1996 wählten die Bürger der Gemeinde Groß-Komlosch (mit den dazugehörenden Dörfern Ostern und Lunga) mit 1.296 Stimmen Vasile Timircan als Kandidaten der Sozialdemokratischen Union zum neuen Gemeindeoberhaupt. Er hatte aber seine Amtszeit anscheinend mit dem linken Fuß begonnen, denn schon nach einem Jahr betitelte die Temeschburger „Renasterea banateana" (Banater Wiedergeburt) ihre Berichte von hier mit: „Der Bürgermeister aus Groß-Komlosch erledigt die Problemen des Bürgermeisteramtes mit ... der Faust" oder „Die Entschlossenheit des Bürgermeisters wird in Groß-Komlosch als Brutalität verstanden". In der ersten Reportage beschuldigte eine 60-jährige Frau, Elena Cristea (von der Hausnummer 87) Timircan, sie geschlagen zu haben. Die Frau ist von ihm verpflichtet worden, trotz ihres Alters und ihres kränkelnden Zustandes beim Bau des Trinkwassernetzes „freiwillige Arbeit" zu leisten. Als sie im Amtszimmer des Bürgermeisters gegen diese Maßnahme protestierte, warf sie dieser gewalttätig heraus. Sie behauptete, daß sie auch mit den Fäusten auf den Kopf geschlagen worden wäre. Da die anwesenden Zeugen nicht gegen ihren Vorgesetzten aussagen wollten, und auch die Polizei nicht bereit war eine Stellung einzunehmen, ging sie in die Redaktion der genannten Zeitung und erzählte dort ihr Erlebnis.

Als einige Tage später zwei Journalisten nach Groß-Komlosch fuhren, um den Fall zu recherchieren, mußten sie feststellen, daß auch andere Personen ähnliche Mißhandlungen seitens des gewesenen Chefs der örtlichen Polizeistelle ertragen mußten. Als die 34-jährige Stefanie Graure beim Bürgermeister nach den Gründen des Ausbleibens ihrer Sozialhilfe fragte, wurde dieser zweimal vor Augenzeugen handgreiflich, und das dritte Mal wurde sie von einer anwesenden Person vor Timircan in Schutz genommen. Auch der im Heimatort verbliebene 70-jährige Maximilian Kraiter (der Name könnte falsch geschrieben worden sein) äußerte sich gegenüber den Journalisten mit den Worten: „Dies ist kein Bürgermeister, sondern der Teufel". Der Rentner Iulian Brebenica ergriff sogar die Initiative, Unterschriften für die Absetzung Timircans zu sammeln. Der Bürgermeister leugnete alle Vorwürfe und stufte sie als Intrigen der Zigeuner gegen ihn ein, weil diese mit einem Bevölkerungsanteil von 30 Prozent ihren eigenen Kandidaten, Iulian Brebenica, im Amt haben wollten.

Wie sein Vorgänger, plagte sich auch Vasile Timircan mit der ständig leeren Gemeindekasse. 1997 konnten nur etwa 65 Prozent der Steuergelder einkassiert werden, weil die Mehrheit der Bevölkerung finanziell nicht in der Lage war, ihren Pflichten nachzukommen. Wie sollten sie dies auch können, wenn die Aussaat im Frühjahr besonders teuer war, und im Herbst mußten sie auf ihren Erzeugnissen sitzen bleiben? In den Silos der Landwirtschaftsvereine schimmelte der Weizen, weil es dafür keinen Käufer gab. Unverkäuflich ist auch die Milch geworden, und deswegen sank die Zahl der Kühe in kürzester Zeit von 2.100 auf nur noch 175 (!). Große Schwierigkeiten gab es 1997 mit der Beschäftigung der Bevölkerung. Nachdem die Handwerker durch das Bodengesetz einige Hektar Boden erhalten haben, gaben sie ihre bisherigen beruflichen Tätigkeiten auf, um sich mit der Landwirtschaft zu beschäftigen. Aber durch die Gründung großer Landwirtschaftsvereine konnten in diesem Bereich immer weniger Arbeitskräfte beschäftigt werden. Dagegen zeigte die heranwachsende Jugend gar kein Interesse mehr an einer Beschäftigung in der Landwirtschaft.

Es ist aber auch anzunehmen, daß die Dorfjugend an gar keiner beruflichen Tätigkeit mehr interessiert war, da man in Groß-Komlosch den Bedarf an Handwerker durch die Schulung einiger Hausfrauen decken wollte. Nicht einmal die Stelle eines Postboten konnte man über einen längeren Zeitraum mehr besetzen. Die Postamtsvorsteherin bat deswegen einen im Ort recherchierenden Journalisten um Hilfe „von oben". Ansonsten konnte der Journalist von der „Renasterea banateana" Anfang 1997 beim Groß-Komloscher Postamt auch sonst nur negative Aspekte sammeln. Die Bevölkerung war besonders mit dem von der Post durchgeführten Zeitungsvertrieb sehr unzufrieden. Hier kamen die Tageszeitungen mit einer Verspätung von drei bis vier Tagen beim Leser an, und deswegen wurden hier viele Zeitungsabonnements zur Freude der Postboten gekündigt. Die Vorsteherin begründete diesen Zustand mit der Wegrationalisierung von drei der fünf Postbotenstellen. Als die Lage dann doch zu kritisch wurde, erhielt das Postamt wieder die Stelle des 3. Postboten zurück. Dann war aber niemand mehr bereit, diese Arbeit anzunehmen. Ein Leckerbissen ist in Rumänien die Arbeit eines Postboten nicht. Neben dem Austragen aller Arten von Postsendungen stellt er in seinem Bezirk auch die Rentenbezüge, die Kindergelder und die Sozialhilfen zu, er kassiert sowohl die Rundfunk- und Fernsehgebühren, als auch die Kosten des Stromverbrauchs. Und schließlich hat er auch noch die Abonnements für die Presseerzeugnisse entgegenzunehmen und diese auch auszutragen.

Für Ordnung und Ruhe sorgt in Groß-Komlosch seit 1994 ein Corps der Öffentlichen Schutzmannschaft. Das größte Problem dieser vom Bürgermeisteramt eingesetzten Ordnungshüter sind die Zigeuner, die hier einen geschätzten Bevölkerungsanteil von 30 Prozent (nach der Volkszählung nur etwa 20 Prozent) haben. Die Hälfte aller Straftaten werden in dieser Ortschaft von ihnen verübt. Da sie als arbeitsscheu bekannt sind, haben sie auch keine gute Chancen, einige der wenigen verfügbaren Arbeitsplätzen zu erhalten. Sie stellen aber in der Gemeinde die Hälfte der Sozialhilfe- und der Kindergeldempfänger dar. Bekanntlich bekommt man in Rumänien das Kindergeld für Schulkinder aufgrund der Evidenzen der jeweiligen Schulen, um so den Schulbesuch der Zigeunerkinder, aber auch den der Kinder von anderen Zugewanderten zu erzwingen. Trotz dieser Regelungen besuchen die Zigeunerkinder die Schule nur in den ersten sieben Tagen des jeweiligen Monats. Aber ohne den obligatorischen neunjährigen Schulbesuch haben diese Kinder auch keine Chancen auf eine Berufsausbildung und dadurch auch keine Chancengleichheit im sozialen Leben und geraten in gesetzwidrige Verhältnisse. Zugleich steigt die Zahl der Geburten in den Reihen dieser ethnischen Minderheit unaufhaltsam, und das nicht nur in Groß-Komlosch.

Juli 1999                                                                                                               Anton Zollner