DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (91)
 G r o ß - J e t s c h a

Groß-Jetscha (heute: Iecea Mare; ung.: Nagyjécsa) liegt etwa 33 km nordwestlich von Temeschburg auf der Banater Heide. Das Dorf, das einst Gemeindesitz war, ist nicht an das Eisenbahnnetz angeschlossen; der nächste Bahnhof befindet sich im 9 km entfernten Gemeindezentrum Gertjanosch (heute: Carpinis). Diese zwei Ortschaften der Gemeinde sind über einen 1977 asphaltierten Abschnitt der Landstraße Gertjanosch - Klein-Jetscha - Billed und über die Kommunalstraße Klein-Jetscha - Groß-Jetscha verbunden. Der Ortsname kommt vom einstigen Prädium Jecsa, daß sich in der Nähe befand.

Groß-Jetscha ist eine Neusiedlung, die 1767 vom Administrationsrat Johann Wilhelm Edler von Hildebrand durch die Ansiedlung deutscher Kolonisten gegründet wurde. Anfangs bestand die Siedlung aus etwa 200 Häusern, die auf dem schon 1754 trockengelegten Weideland errichtet wurden. Gleichzeitig mit der Ansiedlung sind hier 1767 auch die Pfarrei eingerichtet und die Kirchenmatrikelbücher eingeführt worden. Die katholische Kirche, mit deren Bau man 1770 begonnen hatte, ist 1780 eingeweiht worden.

1772 soll das Schwabendorf 861 Einwohner gehabt haben, die in 152 Familien lebten. Laut Gheorghe Drinovan hatte Groß-Jetscha seine höchste Einwohnerzahl 1890 mit 3.431 Personen. Dem widerspricht aber Norbert Neidenbach, der behauptet, daß die Ortschaft die höchste Einwohnerzahl im Jahre 1869 mit etwa 4.700 Personen hatte. Damals befand sich Groß-Jetscha im Torontaler Komitat und gehörte zum Tscheneer Distrikt. 1910 hatten die 2.360 Deutschen einen Bevölkerungsanteil von über 93 Prozent. Aber auch im November 1940 wurden hier 2.232 deutsche Volkszugehörige registriert.

Nach dem 2. Weltkrieg sank die Zahl der Deutschen unaufhaltsam, und von 1977 bis 1992 sogar drastisch von 1.162 auf nur noch 96 Personen. 1977 lebten im einstigen reinen Schwabendorf neben den 1.162 Deutschen schon 1.610 Rumänen, 187 Zigeuner, 23 Ungarn und 2 Serben. Der Bevölkerungsanteil der Deutschen ist somit auf 38,9 Prozent gesunken. Nach den Dezemberereignissen von 1989 fand hier ein regelrechter Massenexodus statt. Während im März 1990 hier noch 104 „Neue Banater Zeitung" (NBZ)-Abonnenten verzeichnet wurden, was auf noch einige hundert Deutsche schließen läßt, lebten laut einer Meldung der NBZ im Oktober 1991 in Groß-Jetscha nur noch 110 Deutsche. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 bekannten sich hier 96 Personen zum Deutschtum. Mit den Deutschen sank aber auch die Gesamtzahl der Dorfbewohner auf 2.297 Personen, also um 689 Personen im Vergleich zu 1977. 1992 lebten im Dorf neben den 96 Bekennern zum Deutschtum auch 1.907 Rumänen, 243 Zigeuner (als die größte ethnische Minderheit) und 51 Sonstige. Die Zahl der Deutschen stabilisierte sich aber auch diesmal nicht; bis April 1993 sank ihre Zahl weiter auf 80 Personen, und laut Angaben der Heimatortsgemeinschaft (HOG) Groß-Jetscha lebten im Februar 1996 im Heimatdorf noch 58 Personen deutscher Volkszugehörigkeit. Laut der von Norbert Neidenbach erstellten Heimatseite der HOG Groß-Jetscha im Internet betrug im Mai 1997 die Zahl der im Heimatdorf verbliebenen Deutschen 42 Seelen. Von diesen lebten 6 Personen in 3-Personen-Haushalten, 10 in 2-Personen-Haushalten und 26 Personen als Alleinstehende oder in Mischehen.

Über diese in der alten Heimat verbliebenen Deutschen berichtete teilweise die NBZ vom 30. Oktober 1991 in einer von Grete Lambert geschriebenen Reportage. Eine von diesen Menschen, die nicht bereit waren, ihre Heimat zu verlassen, war die Lehrerin Katharina Mettler, eine langjährige Schulleiterin. Auch der damals mit 88 Jahren älteste Einwohner des Dorfes, Michael Betsch, konnte sich ein Leben außerhalb von Groß-Jetscha nicht vorstellen. Nachdem er ein Jahr lang in Deutschland bei seiner Tochter gelebt hatte, kehrte er wieder in die alte Heimat zurück, weil er „die andere Tochter nicht mit dem Wirtschaften zweier Häuser alleine lassen konnte". Die 62-jährige Tochter Anna Gimpel hatte ihren Ehegatten während der Baragan-Deportation verloren. Beide hatten nun durch das Bodengesetz 10 Hektar Ackerland zugeteilt bekommen, aber bearbeiten konnten sie dieses nicht mehr, und darum haben sie es einem landwirtschaftlichen Verein verpachtet. Vater und Tochter bearbeiteten damals nur noch ihren Garten, Vetter Michl pflegte hauptsächlich seine Reben. Heute ist er nicht mehr auf der Liste der in Groß-Jetscha verbliebenen Deutschen zu finden.

In derselben Reportage ist auch über die dreiköpfige Familie Koch berichtet worden. Der damals 73-jährige Hans Koch bearbeitete mit seiner 69-jährigen Ehefrau Katharina eigenhändig das 10 Hektar große Ackerfeld, das sie durch das Bodengesetz erhalten haben. Das nötige Werkzeug bestehend aus einem Ackerpflug mit einer Schar, einem Hackpflug mit fünf Scharen, einer Egge und einem Wagen hatte er bis dahin unbenutzt im Schuppen stehen. Als Zugkraft dient ihm das Pferd, das er für 50.000 Lei von der LPG gekauft hatte. Bei der Bearbeitung ihres Bodens half den Eltern auch der damals 36-jährige Sohn Josef, der als Tischler bei der Temeschburger Handwerkergenossenschaft „Mobila Banatului" hauptberuflich arbeitete. Die drei Kochs leben auch heute noch in ihrem Heimatdorf.

Aus derselben Reportage war aber auch die Richtung, in die sich die postkommunistische Gesellschaft bewegen sollte, leicht erkennbar. Eines Tages kam ein ausländischer „Geschäftsmann", der gebürtige Rumäne Filip Patan ins Dorf und kaufte den gesamten Viehzuchtsektor des Dorfes auf, um hier einen Viehzüchterverein zu gründen. Bevor aber die Vereinsmitglieder an einen Gewinn denken konnten, ist der „Geschäftsmann" als Betrüger verhaftet worden, da alle seine Käufe finanziell nicht gedeckt waren. Dies war die letzte Reportage aus Temeschburger Zeitungen, in der über die in Groß-Jetscha verbliebenen Deutschen berichtet wurde.

Über den weiteren Verlauf des täglichen Lebens in Groß-Jetscha berichteten die rumänischen Zeitungen „Timisoara", „Realitatea banateana" (Banater Realität) und „Renasterea banateana" (Banater Wiedergeburt) laufend seit Anfang 1995 bis heute. Schon im Januar 1995 veranstaltete die Allianz der Freien Temescher Gewerkschaften im örtlichen Kulturheim eine Protestaktion gegen die im Dorf vorhandenen Ungerechtigkeiten. Die Menschen waren mit der Art, in der die Bodenverteilung durchgeführt wurde und mit den sozialen Umständen im Dorf nicht zufrieden gewesen. Dazu zählte vor allem das Gesundheitswesen, die Sozialversicherungen und der öffentliche Personenverkehr. Unzufrieden waren die Dorfbewohner auch mit dem damaligen Gertjanoscher Bürgermeister Stelian Milota, der ihr Dorf niemals besucht hatte. Aus diesem Grund verlangten sie auch die Wiederherstellung eines Gemeindesitzes in Groß-Jetscha.

Im Januar 1996 hatten die Groß-Jetschaer endlich einen Grund zum feiern. Das örtliche Kulturheim, das nach 1989 total verfallen war, nachdem man alles, was hier nicht niet- und nagelfest war, abmontiert und weggetragen hatte, ist durch die ehrenamtliche Arbeit einiger Enthusiasten wieder renoviert und saniert worden. Die Verpflegung und der Transport der von auswärts verpflichteten Handwerker ist von den Dorfbewohnern freiwillig übernommen worden.

Eine weitere Freude bereitete den Groß- und Klein-Jetschaern der mit 1406 Stimmen als Kandidat der Demokratischen Konvention zum Bürgermeister gewählte Corneliu Manea. Es gelang ihm, einen Bus anzuschaffen, der ab Februar 1997 in eigener Regie und ohne gewinnbringend zu sein, dreimal täglich die Fahrgäste der Eisenbahn aus den zwei gewesenen banat-schwäbischen Dörfern zum Gertjanoscher Bahnhof fuhr oder sie von dort abholte. Dafür sind aber alle weitere Nachrichten, die aus Groß-Jetscha kommen, weniger erfreulich. Im Dezember 1996, als man die hiesigen Kinder gegen die Masern impfen sollte, konnte dies bei der Hälfte nicht durchgeführt werden, weil sie erkältet waren. Gegen die Erkältung konnte man aber nichts unternehmen, weil dem Arzt keine Arzneimittel zur Verfügung standen. Da blieb ihm nichts anderes übrig, als den Kindern zu raten, ... heißen Tee zu trinken.

Drei Monate später konnte man in den Zeitungen über eine leicht ansteckende Pferdekrankheit lesen; es ging um die unheilbare Pferdeanämie. Früher wurden die von dieser Krankheit angesteckten Pferde erschossen. Dies konnte man jetzt aber nicht mehr tun, weil dem Staat die Gelder, die der Entschädigung der Pferdeeigentümer dienen sollten, ganz einfach fehlen. Um die Verbreitung dieser Krankheit zu verhindern, hatte man bei allen Pferden eine Blutuntersuchung durchgeführt. Die Tiere, bei denen die Anämie festgestellt wurde, mußten von ihren Besitzern so gut wie möglich im eigenen Stall isoliert werden. Wie sie mit den erkrankten Pferden bis zu deren Lebensende zurecht kamen, das blieb ihr persönliches Problem!

Die Journalisten, die in unseren Tagen Groß-Jetscha besuchen, sind aber auch Zeugen des Verfalls des sozialen Lebens im Dorf. Der ständige Streit zwischen den Menschen, die aus den verschiedensten Teilen des Landes hierher gezogen sind, die oft auch mit Körperverletzungen enden, gehören leider nun zum Alltag. So zum Beispiel ist der ältere Dorfbewohner Petru Bitu am 6. Dezember 1995 mit zahlreichen Schnittwunden im Gesicht, am Kopf und am Körper in ein Temeschburger Krankenhaus eingeliefert worden. Seine Begleiter behaupteten, daß er von einem Hund verbissen wurde, aber wie sich später herausstellte, ist der Alte von seinem Nachbarn mit einem Rechen „bearbeitet" worden. Dieser hatte noch eine 18 Jahre alte „Rechnung" zu begleichen.

In der Neujahrsnacht 1995/96 befanden sich drei jugendliche Rumänen aus dem Ort auf der Straße, um nach traditionellem Brauch mit dem „Plugusor" den Verwandten und Bekannten ein gutes Neues Jahr zu wünschen. Plötzlich wurden sie von etwa 10 bis 12 Landsleuten angegriffen und krankenhausreif zusammengeschlagen. Fast bewußtlos wurden sie in ein Temeschburger Krankenhaus eingeliefert, wo bei allen mehrere Knochenbrüche im Gesicht festgestellt wurden.

Bürgermeister Corneliu Manea wollte als ausgebildeter Jurist in seinem Revier wieder für Ordnung und Recht sorgen. Darum führte er für Kleindelikte Ordnungsstrafen mit Bußgelder in Höhe von 20.000 bis 100.000 Lei ein. Bald mußte er aber feststellen, daß sich die Mentalität der Menschen nach 50 Jahren Kommunismus gravierend verändert hat, und zwar im Geiste eines „verantwortungslosen Kollektivismus". Traditionelle Werte, wie Fleiß, Ehrlichkeit und Sauberkeit sind in den banater Dörfer nicht mehr vorhanden.

Dafür streitet man in Groß-Jetscha reichlich um die von den Deutschen zurückgelassenen Häuser. Seit sechs Jahren wird hart um das Haus mit der Nummer 198 gerungen.. Der vorherige Bürgermeister vermietete das enteignete Haus an zwei Bewerber zugleich. Seitdem wird für das gewesene banat-schwäbische Haus ein Prozeß nach dem anderen geführt, wobei eine Instanz der anderen widerspricht, und der Rechtsspruch bleibt immer auf der Strecke.

Vor dem Kadi wurde auch um das Haus mit der Nummer 281 gestritten. Dieses Haus wurde aber nicht enteignet, sondern der Eigentümer Wendel Jochum verkaufte es 1958 „rechtsmäßig" seinem Landsmann Ladislaus Szijártó, dessen Frau eine Deutsche war. In Wirklichkeit übernahm diese Familie Vetter Wendel bis zu seinem Lebensende in Pflege und Unterhalt. Dafür erhielt er das halbe Haus, und nachdem er den Erbteil der Tochter des Pflegebedürftigen ausgezahlt hatte, waren die Szijártós die Eigentümer des ganzen Hauses. Bald danach verstarb auch die Ehefrau, und Ladislaus Szijártó ist selbst pflegebedürftig geworden. Da sein Sohn Walter sich für die Ausreise nach Deutschland entschlossen hatte, nahm der Vater fremde Rumänen ins Haus, und übergab sich denen für das Haus in Pflege und Unterhalt, ohne aber einen entsprechenden Vertrag abzuschließen. Deswegen kam es bald soweit, daß Szijártó das ihm aufgezwungene Umfeld in der rumänischen Familie nicht mehr ertragen konnte; zugleich waren die „Eindringlinge" aber auch nicht mehr bereit das Haus zu räumen. Da der hilfsbedürftige Mann sich nicht mehr imstande sah, sein Recht vor dem Gericht einzufordern, war er im März 1997 fest entschlossen, Selbstmord zu begehen. Aus Mitleid wurde er schließlich von einer anderen rumänischen Familie aufgenommen und verköstigt.

Auch dieser Fall ist ein Beispiel dafür, was unsere in der alten Heimat verbliebenen älteren Landsleuten zu erwarten haben, wenn sie eines Tages mit ihren eigenen Kräften am Ende sind.

August 1998                                                                                                     Anton Zollner