DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (86)
 G i u l w e ß

Giulweß, auch Djulweß genannt (amtlich Giulvaz; ung.: Torontálgyülvész), liegt auf der Banater Heide etwa 30 km südwestlich von Temeschburg. Auch verkehrsmäßig ist Giulweß begünstigt, da die Ortschaft entlang der Eisenbahnstrecke liegt, die einst von Temeschburg nach Modosch führte. Auch die Landstraße, die den Ort durchquert, endete einst im Distriktsitz, der heute Jasa Tomic heißt.

Dokumentarisch belegt ist die Ortschaft seit 1433, als laut Dr. W. Niederkorn sich an derselben Stelle die Pußta Gyülvész befand. Verwaltungsmäßig gehörte Giulweß verschiedenen Distrikten bzw. Stuhlbezirke an (Tschakowa, Pardan, Modosch) bis es selbst zum Sitz eines Stuhlbezirks wurde. 1890 bestand die Dorfbevölkerung aus 1.412 Personen, aber von da an sank sie langsam aber ständig; 1992 lebten in Giulweß nur noch 1.082 Personen. Die Mehrheitsbevölkerung bildeten hier die Rumänen. 1910 lebten im Ort 433 Deutsche, deren Bevölkerungsanteil damals fast 30 Prozent betrug. Sowohl die Zahl der Deutschen als auch ihr Anteil stieg ständig bis 1940, als sich hier 497 Einwohner als Deutsche registrieren ließen. Bis 1977 sank aber ihre Zahl auf 159 Personen. Im März 1990 befand sich Giulweß nicht auf der Liste der Ortschaften, in denen es mehr als 20 „Neue Banater Zeitung"-Abonnenten gab, aber trotzdem bekannten sich bei der Volkszählung vom Januar 1992  72 Personen zum Deutschtum. Gesunken ist aber in den letzten 15 Jahren nicht nur die Zahl der Deutschen, sondern auch die der Rumänen (um 163 auf 893 Personen) und der Ungarn (um 14 auf 12 Personen). Gestiegen ist hier nur die Zahl der Zigeuner von 50 auf 81 Personen, und damit sind sie in Giulweß zur größten nationalen Minderheit geworden. Über die Zahl der heute noch im Heimatort lebenden Deutschen kann man nicht einmal spekulieren. Die Heimatortsgemeinschaft Giulweß/Rudna hat diesbezüglich keine Zahlen bekanntgegeben.

Über das einstige Drittel der Giulweßer Bevölkerung, also über die Banater Schwaben, wurde im letzten Jahrzehnt sowohl in der deutschen als auch der rumänischen banater Presse absolut nichts mehr berichtet. Diese schilderten in diesen Jahren nur noch ungelöste Probleme und unüberwindbare Schwierigkeiten. Im Dorf gibt es auch viele Spannungen, weil von hier nicht nur Deutsche, sondern auch viele Rumänen 1951 in die Baragan-Steppe verschleppt wurden. Zu den 40 deportierten Familien gehörte auch die des im Jahre 1992 zum Vizebürgermeister gewählten Liviu Gherbon. Als Parteiloser vertrat er damals im Gemeinderat den Verband der ehemaligen Baragan-Deportierten.

1993 verfügte die Gemeinde über 4.000 Hektar Ackerboden, von denen damals 3.000 kg/ha Weizen, 2.500 kg/ha Sonnenblumen und 10.000 kg/ha Maiskolben geerntet wurden. Dafür mußten aber die Bauern auch vergifteten Samen aussäen, weil die aus Siebenbürgen kommenden Schäfer ihre Herden auf den mit Getreide angebauten Feldern weiden ließen. Zwar mußten so 60 Schafe geopfert werden, aber danach sah man keine Schafe mehr auf den angebauten Feldern weiden. Die Bauern waren damals auch optimistisch, weil 20 von ihnen im Besitz eines Traktors waren. Aber auch die Schüler der Giulweßer Allgemeinschule hatte einen Grund sich zu freuen, da sie durch eine Hilfssendung aus dem Ausland eine moderne Heizanlage erhalten haben.

Ansonsten gab es auch im Jahre 1996 in Giulweß mehr Ärger als Zufriedenheit. Als schuldig für diesen Zustand betrachtete man den damaligen Bürgermeister Florentin Cristeti, der sich nicht ausreichend um die Belange der Gemeinde gekümmert haben soll. Wegen Rationalisierungen bei der „Rom-Telecom" funktionierte die manuell betriebene Telefonzentrale nur tagsüber, nicht aber auch nachts. Die Verbindungsstraßen zwischen dem Gemeindezentrum und den zur Gemeinde gehörenden Dörfern befanden sich in einem so schlechten Zustand, daß sie fast nicht mehr befahrbar waren, wie dies die Tageszeitung „Realitatea banateana" (Banater Realität) im Februar 1996 berichtete. Zum selben Thema schrieb die „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien" (ADZ) acht Monate später, daß das größte Problem des jetzigen Bürgermeisters Ioan Gilinger der schlechte Zustand dieser Straßen sei. „Von Giulvaz über Rudna nach Crai Nou zu gelangen, ist ein Ding der Unmöglichkeit", schrieb die ADZ. Die Holzbrücke über den Fluß Temesch befinde sich in einem so schlechten Zustand, daß diese nicht befahrbar sei. Aus diesem Grund sollen 300 Hektar Ackerboden des Dorfes Crai Nou, die getrennt vom Dorf auf dem gegenseitigen Ufer der Temesch liegen, brach geblieben sein. Auch das Giulweßer Schloß des Barons Nicolici befindet sich vor dem totalen Zerfall. Der Bürgermeister beabsichtigte, das Schloß dem Jäger- und Sportfischerverein zu überlassen, damit dieser es in ein Jagdpavillon umbaut.

1996 wurden in Giulweß die Leitungsrohre für das örtliche Wasserleitungsnetz gelegt. Es wäre auch weiter noch viel zu tun, aber das Gemeindebudget verkraftet nicht einmal das Nötigste. Um die finanzielle Lage der Gemeinde zu verbessern, hatte man im Hof des Bürgermeisteramtes eine Nebenwirtschaft eingerichtet. 60 Mastschweine und der Dorfstier sollten 1996 bei der Auffüllung der Gemeindekasse ihren Beitrag leisten. Hit Hilfe der so aufgebesserten Kasse wollte Ioan Gilinger laut einer Meldung der Tageszeitung „Renasterea banateana" (Banater Wiedergeburt) vom Juli 1997 an allen drei Ambulatorien der Gemeinde Instandsetzungsarbeiten durchführen lassen. Mit dem finanziellen Beitrag der Eltern sollten auch die Allgemeinschulen der Gemeinde instandgesetzt werden. Aus derselben Gemeindekasse wollte der Bürgermeister auch noch das fast ungenutzte Kulturhaus reparieren lassen.

Bemerkenswert ist ein Artikel mit der Überschrift „Der Trommler hat ein Denkmal gerettet", der in derselben Zeitung im Februar 1997 veröffentlicht wurde und als Thema das Heldendenkmal aus Giulweß hat. Nach P. N. Dolânga, dem Autor des Artikels, soll das Denkmal im Oktober 1927 vom Bildhauer C. Tumier auf Kosten der Giulweßer Bevölkerung angefertigt worden sein. Als Anlaß der Veröffentlichung des Artikels diente die Wiederherstellung des Denkmals der Helden des Ersten Weltkriegs. Die Kommunisten hatten nach dem Zweiten Weltkrieg den „rumänischen Adler mit Säbel" vom Monument entfernt und ihn in den Hof des damaligen Gemeindevolksrats geworfen. Der Dorftrommler, der selbst ein Veteran des 1. Weltkriegs war, hatte in einer Nacht den Adler weggeschafft und versteckt. Nach dem Umsturz vom Dezember 1989 hatte man den Adler gereinigt und auf seinen ursprünglichen Platz auf der Denkmalspitze gesetzt.

Laut Dolânga sollen auf den Marmortafeln die Namen von 56 Söhnen der Ortschaft verewigt worden sein. Nach den Angaben aus dem Band 2 der Bücherserie „Das Banat und die Banater Schwaben" sollen 14 von diesen, also 25 Prozent, Deutsche gewesen sein. Gegen den Artikel wäre nichts einzuwenden, wenn darin nicht auch ein nationalistischer Beigeschmack zu erkennen wäre. Die Behauptung, daß die „56 Militärs von 1916 bis 1918 von feindlichen Kugeln getötet worden ( ...)" seien, kann so nicht angenommen werden, weil die Gefallenen als österreichisch-ungarische Staatsbürger schon im Jahre 1914 auf den Schlachtfeldern ihr Leben einsetzten. Mit den Jahren „1916-1918" will man sich hier auf die Zeit beziehen, in der Rumänien an diesem Krieg teilgenommen hat. Man sollte nicht vergessen, daß alle Giulweßer Gefallenen, also auch die Rumänen, Soldaten des österreichisch-ungarischen Heeres waren und so auch gegen ihr Mutterland kämpfen mußten. Es ist mir nicht bekannt, ob diese historische Fälschung vom Denkmal übernommen wurde, oder ob dies nur die Meinung eines rumänischen „Neupatrioten" ist.

Sollte Dolânga weiter auch den Text richtig zitiert haben, so haben wir es mit einer zweiten historischen Fälschung zu tun. In freier Übersetzung sollte die Inschrift etwa wie folgt lauten: „Dieses Denkmal ist im Oktober 1927 von den Bewohnern der Gemeinde Giulweß zur Verewigung der Toten und zum Gedächtnis der Helden errichtet worden, die an den Fronten des ersten Weltkrieges, der den rumänischen Boden und das rumänische Volk vereinigt hat, gefallen sind. Denn durch ihren Tod haben sie uns Leben gegeben." Auch diesmal scheint es, als wüßte man nicht, wer auf welcher Seite gekämpft hat. Will man mit diesem Text den kommenden Generationen eine weitere historische Lüge hinterlassen, oder will man nur das Spiel eines lächerlichen Nationalismus betreiben? Kriege wurden schon immer von den Machthabern entfacht, und die Leidtragenden waren die jungen Männer des jeweiligen Volkes. Man konnte sich auch nicht in einem beliebigen Heer einreihen lassen, sondern man mußte immer für das Land sein Leben aufs Spiel setzen, dessen Staatsbürger man war. Eben darum stellt sich die Frage, warum will man Soldaten verschiedener Nationalitäten, die eigentlich „Helden Österreich-Ungarns" waren, durch Manipulation und Lügen zu „Helden Rumäniens" machen? Man sollte doch endlich die Opfer der Kriege ruhen lassen und nicht zu Werkzeugen der Tagespolitik verkommen lassen. Fast keiner der „Helden" ging aus eigenem Willen in das Schlachtfeld und schon gar nicht für politische Ideale. Man sollte mit den Gefallenen der Kriege pietätvoller umgehen, und dies wo möglich auch in Giulweß.

Juni 1998                                                                                                               Anton Zollner