DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (78)
 G  i  e  r

Gier (amtlich: Giera; ung.: Gyér) liegt in der Banater Ebene, an der südwestlichen Grenze des rumänischen Banats. Erreichbar ist die Ortschaft über die Landstraße DN 59B, die von Detta kommend, über Banlok, Tolwad und Gier in Tschawosch endet, weil der Fluß Temesch hier, wie auch weiter flußaufwärts nicht überquerbar ist. In Gier selbst endet auch die von Schebel ausgehende Eisenbahnstrecke, die nur von lokaler Bedeutung ist.

Laut Karl Kraushaar wurde das schon existierende und von Serben bewohnte Dorf 1785 auch mit Deutschen besiedelt. Im Jahre 1795 ging das gesamte Gut von Gier in den Besitz der Familie Gyertyanffy über. Diese ließen hier ihr „Kastell" erbauen, in dem später die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) ihren Sitz hatte. 1910 hatten die hier lebenden 587 Deutschen einen Bevölkerungsanteil von über 45 Prozent. Dieser Anteil ist bis zum 2. Weltkrieg erhalten geblieben; 1940 registrierte man in Gier 542 Personen deutscher Volkszugehörigkeit. Bis 1977 sank die Zahl der Deutschen auf 208 Personen. Neben ihnen lebten damals auch 344 Ungarn, 160 Rumänen, 155 Serben und 11 Zigeuner. Im Januar 1992 konnten nur noch 31 in Gier verbliebene Deutsche gezählt werden. Zugleich mußte man auch feststellen, daß im Vergleich zu 1977 auch die Zahl der Serben um 40 Prozent und die der Ungarn um 28 Prozent geschrumpft ist. Dagegen ist de Zahl der Rumänen um 75 Prozent angestiegen, und die Zahl der Zigeuner hatte sich vervierfacht. Die Zahl der heute noch in Gier lebenden Deutschen ist mir nicht bekannt.

1940 wurden auch im zur Gemeinde Gier gehörenden Dorf Toager (ung.: Tógyér) 16 Deutsche registriert. 1992 bekannte sich hier noch eine Person zum Deutschtum.

Über das heutige Gier veröffentlichte Valentin Samînta schon am 15. März 1994 in der Tageszeitung „Timisoara" einen Bericht mit der Überschrift „Vier Schäflein pro Einwohner". Der damalige politisch unabhängige Bürgermeister Ioan Martin äußerte schon damals seine Absicht, 1996 nicht noch einmal für dieses Amt zu kandidieren. Mit der Qualität und der Fläche des Ackerbodens der Gemeinde, aber auch mit der Ernte des Jahres 1993 war er schon zufrieden. Dafür hatte er aber seinen ständigen Ärger mit den aus Oltenien und aus der Moldau zugewanderten Schäfern. Diese kamen mit 12 Herden, die aus insgesamt 5.000 Schafe bestanden (also „vier Schäflein pro Einwohner"), hierher und fühlten sich da wie auf den Almen der Karpaten. Nachdem auf den Weiden der Gemeinde kein Grashalm mehr für die Rinder der Dorfbewohner übrig blieb, trieben die Schäfer ihre Herden auf die bebauten Ackerfelder. Unbegreiflich blieb für den Gemeindevorsteher die Tatsache, daß trotz der von der Polizei angefertigten Strafprotokolle niemals einer der Straftäter zur Verantwortung gezogen werden konnte. Die Protokolle blieben bei den Kreisbehörden „stecken".

Ein Grund zum Ärgern waren für den Bürgermeister auch die Verkehrswege, die Gier mit dem Umland verbinden sollten. Die Landstraße, die nach Banlok führt, befand sich damals in einem verwahrlosten Zustand und mit Schlaglöchern übersät, und Züge gab es nur zwei am Tag: einen morgens und einen abends.

In den Jahren der kommunistischen Diktatur war die Umgebung dieses Dorfes auch der Ort, an dem man gewöhnlich versuchte, aus dem Land zu fliehen. Geholfen wurde vielen Flüchtlingen von Wegweisern aus den Reihen der Dorfbewohner. Selbst 20 deutsche Familien aus Gier versuchten die Flucht nach Jugoslawien. Diese wurden aber alle an der „grünen Grenze" gefaßt, geschlagen und zu Gefängnisstrafen verurteilt. Dagegen hatte ein Offizier, der Kommandant eines Grenzpostens, mehr Glück; er ritt an einem Tag des Monats Oktober 1989 auf seinem Pferd bis zum Grenzstreifen, stieg dort ab, legte seine Waffen nieder und trat seinen Wanderweg in Richtung Italien an.

Wie später die nationalistische Tageszeitung „Renasterea banateana" (Banater Wiedergeburt) am 23. Mai 1996 berichtete, ist es dem „alten" Bürgermeister (der aber nicht namentlich genannt wird) bis zum Ende seiner Amtszeit doch noch gelungen, einige seiner Vorhaben durchzuführen. Dazu gehörte die Versorgung der Dorfbewohner mit Trinkwasser aus der Wasserleitung. In seiner Amtszeit wurden die ersten 3,8 km Wasserleitungsrohre verlegt, und es wurden die ersten 60 Häuser an das Wasserleitungsnetz angeschlossen. Zugleich hatte man mit der Errichtung eines 250 m langem Gehsteigs begonnen. Dazu wurde auch noch das Gemeindehaus repariert. Im Gegensatz zu diesem stand aber das einstige Herrschaftshaus (Kastell) und späterer Sitz der LPG verwahrlost da; alle Fensterscheiben des großen Gebäudes waren und blieben eingeschlagen.

In einer besonders kuriosen Phase befand sich aber im Mai 1996 die Durchführung der Bodenverteilung. Der Boden war zwar schon im Besitz der neuen Eigentümer, aber diese wollten sich nicht zur Aushändigung der Besitzurkunden melden. Der Bürgermeister äußerte damals seine Meinung, die Leute hätten nicht das nötige Geld gehabt. Für eine Urkunde mußte man Gebühren in Höhe von 17.000 Lei zahlen; dieser Betrag war aber viel höher als viele LPG-Renten.

Nach den Kommunalwahlen von 1996, als der Kandidat der Demokratischen Agrarpartei Rumäniens Victor Hotean mit 481 Stimmen zum neuen Bürgermeister gewählt wurde, unternahm dieselbe Zeitung im November 1996 eine Enquete in Gier. Bei dieser Gelegenheit war der 1991-92 gegründete landwirtschaftliche Familienverein das Ziel der Untersuchung. Damals ergriffen die LPG-Agronomen Cristian und Luminita Rada die Gunst der Stunde und gründeten auf der Struktur der gewesenen LPG ihren Familienverein, ohne diesen als juristische Person registrieren zu lassen. So wurde aus diesem wirtschaftlichen Verein, der 1.200 ha Ackerboden von den Dorfbewohnern gepachtet hat, ein "Anhängsel" der Handelsgesellschaft „Agromec" aus Banlok (das ist eigentlich die gewesene staatliche Station für die Mechanisierung der Landwirtschaft - SMA) unter der Leitung des Ehepaares Rada.

Anfangs wurde der Ackerboden des Vereins mit den landwirtschaftlichen Maschinen der HG „Agromec" aus Banlok bearbeitet. Um diese Leistungen bezahlen zu können, mußte jeder Bodenbesitzer beim Eintritt in den Verein 82.000 Lei pro Hektar einzahlen, ohne dafür eine Quittung zu erhalten. Das Geld reichte trotzdem nicht für einen funktionsfähigen Wirtschaftsverein, und da dieser keine juristische Person war, konnten die Banken dem Verein auch keine Kredite gewähren. Um aus der Affäre herauszukommen, ließ der „Manager" die HG „Agromec" Banlok von den Banken im Namen des Vereins Kredite im Wert von 300 Millionen Lei aufnehmen. Das Ehepaar Rada kam aber bald auf schiefen Wegen auch in den Besitz der Gebäuden (des Kastells) und des Mobiliars der gewesenen LPG. Das gesamte LPG-Inventar wurde bei der Auflösung der LPG offiziell dem gewesenen Bürgermeister Martin übergeben, und dieser "borgte" gesetzwidrig das gewesene LPG-Eigentum dem Vereins-"Manager". Der neue Bürgermeister forderte nun alle LPG-Güter wieder zurück, aber die Radas schenken den schriftlichen Aufforderungen keine Beachtung.

Aber auch die Vereinsmitglieder sind mit ihrem „Manager" nicht zufrieden gewesen, da sie sich betrogen und beraubt fühlten. Der im Heimatdorf verbliebene Andreas Hack war im Jahre 1996 zwar noch zufrieden mit den Erzeugnissen, die er für seine dem Verein verpachteten vier Hektar Felder erhalten hatte. Bei einer Ernte von durchschnittlich 4.000 kg Weizen pro Hektar erhielt er davon insgesamt 1.200 kg und dazu noch 700 kg Gerste. Im letzten Herbst bekam er aber nur noch insgesamt 700 kg Weizen, aber davon kann er kein Jahr lang leben. Er beklagte sich auch, daß seit drei Jahren der Verein den Alten auch kein Geld mehr bezahlte.

Cristian Rada weiß auch, daß die Leute unzufrieden sind, aber er sieht keinen Ausweg mehr für den Abbau seines Schuldenbergs. Da er für die von der HG „Agromec" Banlok verrichteten Arbeiten wieder nicht bezahlen konnte, ließ er wieder im Namen des Vereins einen neuen Kredit in Höhe von 67 Millionen Lei aufnehmen. Dazu mußte er auch noch von der HG „Comcereal" (das ist der staatliche Aufkäufer des Getreides) 118 Millionen Lei als Kredit verlangen. Wer aber trotzdem mit seiner Arbeit nicht zufrieden sei, der soll seinen Boden nehmen und gehen, so sagt jetzt Cristian Rada. Um den Schuldenberg loszuwerden gibt es für den „Manager" nur eine einzige Lösung, und zwar, „daß man ihn eines Morgens aufgehängt findet". Daß er aber diese Radikallösung nicht so ernst nimmt, erkennt man aus der Tatsache, daß Rada den Verein nun endlich unter dem Namen HG „Agromec" Giera AG von der Industrie- und Handelskammer des Kreises Temesch registrieren ließ. Inzwischen verwaltet er im Verein auch seinen Eigenanteil an Boden in einer Größe von 38 (!) Hektar. Dazu bleibt er auch der selbsternannte und nicht angefochtener „Manager" seines „neuen" registrierten Familienvereins.

Januar 1998                                                                                                  Anton Zollner