DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (43)
F e r d i n a n d s b e r g

Um den amtlichen Namen der Ortschaft Ferdinandsberg wird seit vier Jahren auch heute noch gestritten. Ungarisch hieß das Dorf Nándorhegy, und nach dem Anschluss des Banats an Rumänien nannte man es amtlich Ferdinand. Den Kommunisten gefiel aber diese Ortsbenennung nicht, und darum gaben sie Ferdinandsberg den Namen „Otelu Rosu", nach dem Namen des hier angesiedelten und ebenfalls umbenannten metallurgischen Betriebs. Wenn dieser grammatikalisch korrekt geschrieben wäre (Otelul Rosu), dann würde er „Der rote Stahl" bedeuten. Schon dies deutet darauf hin, dass die vor einigen Jahrzehnten zur Stadt gewordene Ortschaft von ihrer metallverarbeitenden Industrie geprägt ist. Vor vier Jahren beschloss der Stadtrat, der Stadt den Namen des Flusses zu verleihen, der sie durchquert. Dagegen stellte sich hauptsächlich der katholische Pfarrer Iosif Budau, dessen öffentliches Protestschreiben von 2.000 Bürgern der Stadt unterschrieben wurde.

Über die Ansiedlung der Ortschaft, die sich im Bistra-Tal zwischen dem Banater Ruska-Gebirge und den Ausläufern der Südkarpaten befindet, sind in der dem Verfasser dieses Beitrags zur Verfügung stehenden Dokumentation keine Angaben vorhanden. Bekannt ist nur, dass drei Österreicher, die Brüder Anton, Franz und Ferdinand Hofmann 1807 hier die Eisenhütte Ferdinandsberg gegründet haben. Laut Dr. Thomas Nägler wurde hier 1825, „wo seit 1842 (?) eine Eisengießerei bestand (wahrscheinlich ist hier das Jahr 1812 gemeint) ein Eisenhammer und 17 Jahre später ein Walzwerk errichtet".

Zur Dialektzugehörigkeit der deutschen Bevölkerung fehlt auch eine konkrete Aussagen. Da aber Dr. Johann Wolf behauptet, dass die Facharbeiter, die die Banater Eisenverhüttung brauchte, aus Böhmen, der Steiermark, aus Kärnten, Oberösterreich und aus der Zips kamen, ist anzunehmen, dass die Ferdinandsberger Deutschen derselben Abstammung sein könnten.Die katholische Pfarrei ist im Jahre 1880 errichtet worden, und die heutige katholische Kirche wurde 1940 der „Seligen Jungfrau Königin Maria“ geweiht.

1910 stellten die 928 Ferdinandsberger Deutschen einen Bevölkerungsanteil von fast 55 Prozent. Zwanzig Jahre später sank ihre Zahl um fast 300, aber bis 1940 stieg sie wieder auf 1.165 Seelen. Auch in dem in den '60-er Jahren eingemeindeten Dorf Ohaba Bistra (ung.: Besztere) stellten 1910 die 125 Deutschen einen Bevölkerungsanteil von über zehn Prozent. Nachdem 1930 ihre Zahl auf nur 95 gesunken war, ließen sich hier 1940  319 Personen als deutsche Volkszugehörige registrieren. Im selben Jahr gab es auch andere Dörfer im Bistra-Tal, in denen einige Deutsche lebten: Voislova (ung.: Szörénybalásd) - 18, Glimboca (ung.: Novákfalva) - 39 und Obreja (ung.: Bisztranyires) - 14. Aber auch auf dem Nordhang der Ausläufer des Tarcu-Gebirges (Südkarpaten) lebten einige Deutsche, und zwar in Ferdinandsbergs Nachbardörfern Ciresa (ung.: Bisztracseres) - 51 und in Marul (ung.: Almafa) - 28. 28 Deutsche lebten damals auch in dem Luftkurort Poiana Marului, auf deutsch Apfelalm (ung.: Sebesmezö), die sich in der Nähe der Muntele Mic-Spitze (1.802 m) befindet.

1937 sind die Deutschen aus Ferdinandsberg plötzlich dem rumänischen König Carol (Karl) II. ein Dorn im den Auge geworden. Es störte ihn, dass hier die Kirche anders war als diejenigen aus den umliegenden rumänischen Dörfern. Zugleich verrichteten in seinen Augen nur die Rumänen die schweren Arbeiten im Eisenwerk, währenddessen die „deutschen Kolonisten" nur leichte Arbeiten durchführten. Der König hielt es für unzulässig, dass sich „eine fremde Kolonie in eine rein rumänische Landschaft eingepflanzt hat". Um dies Bild zu ändern, schickte er paramilitärische Jugendgruppen in die Gegend, um das Bistra-Tal wieder zu rumänisieren.

Trotz all dem scheint es, als wären die Deutschen sogar in der Nachkriegszeit in Ferdinandsberg sesshaft geblieben. Während die rumänische Bevölkerung in den Jahren des Sozialismus durch den Ausbau der metallurgischen Werke stark zunahm, sank die Zahl der Deutschen nur sehr leicht. 1977 wurden hier (inkl. im eingemeindeten Ohaba Bistra)  noch immer 905 Deutsche bei einer Gesamtbevölkerung von 11.618 Personen gezählt. Auch über die Menschenverluste während des 2. Weltkrieges gibt es kein klares Bild, da sich die Berglanddeutschen aus dem Banat von der Mehrheit der Banater Schwaben abgesondert haben und so nicht in den Statistiken erfasst sind. Erstaunlicherweise bekannten sich in Ferdinandsberg im Januar 1992 noch immer 870 Personen zum Deutschtum, das wären also nur um 35 Personen weniger als 15 Jahre zuvor. Dies scheint einmalig unter allen deutschen Ortschaften zu sein. Trotzdem sank der Bevölkerungsanteil der Deutschen durch die starke Zuwanderung von Rumänen auf nur noch etwa acht Prozent. Neben der deutschen Bevölkerung  lebten damals im Ort 11.236 Rumänen, 672 Ungarn, 113 Zigeuner und 165 Sonstige.

Diesen Zuständen entsprechend entwickelt sich auch das Leben der in Ferdinandsberg verbliebenen Deutschen. Trotz der Auswanderungen, die nach der letzten Volkszählung stattgefunden haben, hatte das Demokratische Ortsforum der hiesigen Berglanddeutschen Ende 1994 noch immer 550 Mitglieder. Das sind so viele wie in keiner Anderen Ortschaft des Banats außer Reschitz. Auch was anderes ist hier geschehen, das im heutigen Banat beispiellos ist: Nachdem 1990 ein deutscher Kindergarten ins Leben gerufen wurde, gründete man 1991 zum erstenmal nach 1944 eine deutsche Schulklasse. Im Schuljahr 1994-95 sind die ersten drei Klassen der Grundschule von 24 Kindern besucht worden. Sie wurden von Anna Pinter, Lehrerin im Ruhestand, und von Junglehrerin Rita Pocnejer simultan unterrichtet. Zu ihren Schülern gehörten auch Kinder aus Russberg und aus dem rumänischen Dorf Glimboca, die täglich mit dem Schulbus nach Ferdinandsberg gefahren wurden.

Seelsorgerisch werden die katholischen Gläubigen von Pfarrer Iosif Budau betreut. Er leitet auch die hier gegründete Kolping-Familie, die ihren Sitz im Pfarrhaus hat. Durch den regen Kontakt, den die katholische Familiengesellschaft mit der Kolping-Gesellschaft aus Wien pflegt, konnte so manche notwendige Arbeit durchgeführt werden, wie zum Beispiel die Renovierung der Kirche und des Pfarrhauses, das Anbringen einer Marmortafel mit den Namen der Opfer des 2. Weltkrieges auf das vorhandene Kriegerdenkmal und die Einrichtung einer Ausbildungswerkstatt für Schreinerlehrlinge. Auch sonst scheint es so, als wären die Ferdinandsberger nicht nur durch ihre Abstammung eher mit Österreich als mit Deutschland verbunden. Zu dieser Verbindung gehört auch ein dreiwöchiger Ferienaufenthalt der deutschen Kleinschüler in Österreich.

Auch beim Ortsforum der Berglanddeutschen ist eine rege Tätigkeit festzustellen. Dazu verhilft eine reichlich ausgestattete Bibliothek und ein Farbfernseher mit Satellitenempfang. Grund zur Klage liefert nur der kleine Raum, in dem sich der Forumssitz befindet. Angeblich soll das Haus eines Ausgewanderten vom Ortsforum gemietet worden sein. Sowohl dies als auch die Auswanderung des Vorsitzenden Karl Weinschrott beweisen, dass auch die Berglanddeutschen am Ende die alte Heimat mehrheitlich verlassen werden. Die meisten werden aber nicht in die Urheimat der Ahnen, sondern nach Deutschland ziehen.

Mai 1996                                                                                                                             Anton Zollner