DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (89)
 D e u t s c h - S a n k t - M i c h a e l

Die Ortschaft, die heute leider schon unberechtigt den Namen Deutsch-Sankt-Michael trägt, die aber von vielen Banatern auch als Zillasch bezeichnet wurde (amtlich: Sânmihaiu German; ung.: Németszentmihály), liegt auf der Banater Heide, etwa 20 km südwestlich von Temeschburg entfernt. Das Dorf befindet sich unweit vom linken Ufer des Bega-Kanals und wird von der Landstraße Temeschburg - Tschene durchquert. Eine Eisenbahnstrecke gibt es in der ganzen Umgebung des Dorfes nicht.

Über die Vergangenheit Deutsch-Sankt-Michaels liegen uns die verschiedensten Daten vor. Nach Karl Kraushaar soll das Dorf erst 1842 angesiedelt worden sein. Gheorghe Drinovan behauptet aber, daß die Siedlung schon 1717 aus 40 Häusern bestand. Der aus dem Dorf stammende Erwin Acs schreibt in der „Banater Post" Nr. 13/14 vom 10 Juli 1997, daß das Schwabendorf eigentlich 1807 auf dem Prädium Szilas (oder Sylas - von wo wahrscheinlich auch die Benennung Zillasch kommt) als eine Tabakkolonie durch Binnenwanderungen entstanden ist. Der Gründer des Dorfes soll der Pächter des Kameralguts, Rittmeister Johann Nepomuk Rauthendorf gewesen sein. Damals nannte man die Siedlung deswegen Rauthendorf bis 1819, als sie den Ortsnamen Deutsch-Sankt-Michael erhielt. Eine Ortserweiterung soll durch Neuansiedlungen im Jahre 1837 stattgefunden haben.

Aber auch über das Jahr der Gründung der Pfarrei und der Einführung der Kirchenmatrikelbücher sind sich die Autoren nicht einig. Laut Josef Schmidt sind die Matrikelbücher 1833 eingeführt, und die Pfarrei ist 1842 gegründet worden. Nach Erwin Acs sollen die Gläubigen des Dorfes von 1807 bis 1833 eine Filiale der Sackelhausener Pfarrei gebildet haben. Meines Erachtens müßte in dieser Sache Josef Schmidt Recht haben, da ihm bei der Bestandsaufnahme der banater Kirchenbücher die Mikrofilme der Originale dieser Bücher zur Verfügung standen. Gleichzeitig ist anzunehmen, daß auch Kraushaar versehentlich das Gründungsjahr der Ortschaft mit dem der Pfarrei verwechselt hat.

Die deutsche Bevölkerung bildete in Deutsch-St.-Michael bis zum 2. Weltkrieg immer die Mehrheit der Ortsbewohner. Die höchste Einwohnerzahl hatte das Dorf um das Ende des 19. Jahrhunderts; Drinovan gibt für 1890 diese Zahl mit 1.436 an, während nach Acs 1898 hier 1.709 Personen gelebt haben. 1910 hatten die 1.111 Deutschen einen Bevölkerungsanteil von über 95 Prozent. Dieses Verhältnis blieb auch in den nächsten 20 Jahren erhalten. Im November 1940 wurden in diesem Schwabendorf sogar 1.446 deutsche Volkszugehörige registriert. Aber im Jahre 1977 hatte das Dorf als Folge der „sozialistischen Industrialisierung" des Landes nur noch insgesamt 742 Einwohner, von denen 379 Deutsche waren, der Rest bestand mit 5 Ausnahmen nur aus Rumänen. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 bekannten sich von den 658 Einwohnern des Dorfes 68 Personen zum Deutschtum. Die Zahl der noch zur Zeit im Heimatort ausharrenden Banater Schwaben ist nur ungefähr schätzbar. Im Februar 1996 sollen es laut Angaben der Heimatortsgemeinschaft Deutsch-Sankt-Michael 41 gewesen sein. Erwin Acs schätzte im Juni 1997 ihre Zahl auf weniger als 20 Personen.

Im November 1940 wurden auch im heutigen Gemeindezentrum Rumänisch-Sankt-Michael (amtlich: Sânmihaiu Român; ung.: Begaszentmihály) 69 und im zur Gemeinde gehörenden Dorf Utwin (amtlich: Utvin; ung.: Ötvény) 73 Deutsche registriert. In diesen beiden Ortschaften bekannten sich bei der Volkszählung von 1992 zusammen nur noch 14 Personen zum Deutschtum: 5 in Rumänisch-Sankt-Michael und 9 in Utvin.

Im September 1985 berichtete die „Neue Banater Zeitung" (NBZ) noch über die „Errungenschaften des Sozialismus" in Deutsch-St.-Michael. In einer Reportage von Maria Endres wurde über die Eröffnung eines Heilbades im Schwabendorf berichtet. In der Nähe der sieben Jahre zuvor entdeckten Thermalquelle, deren Wasser Jod und Chlor beinhaltet, wurde eine Badanlage errichtet. Die Anlage, die durch freiwillige Arbeit von einigen Dorfbewohnern entstanden ist, besteht aus einem 25 x 17 m großen und 1,30 bis 1,70 m tiefen Schwimmbecken. Das Wasser, das mit einer Temperatur von 72° C aus dem Boden kommt, ist im Becken auf 40° C und für Herzkranke noch mehr abgekühlt worden. Im Gebäude der Anlage sollte später auch eine Arztpraxis eingerichtet werden. Über die weitere Entwicklung des „Zillascher Heilbades" konnte in der banater Presse bis heute wahrscheinlich nichts mehr gelesen werden.

In der banater Presse der letzten fünf Jahren sind die Banater Schwaben, als gewesene Bewohner der Gemeinde Rumänisch-St.-Michael nicht mehr erwähnt, dafür aber ihre Häuser. In den Ortschaften der Gemeinde gab es 93 enteignete Häuser, die, wie die Tageszeitung „Renasterea banateana" (Banater Wiedergeburt) im Februar 1997 berichtete, hauptsächlich den deutschen Auswanderern gehörten. Nun will der mit 868 Stimmen auf der Liste der Demokratischen Konvention gewählte Bürgermeister Marian Mayer diese inzwischen abgenutzten Häuser wieder los werden. Ob diese von den gewesenen Eigentümern beansprucht oder von den derzeitigen Mietern gekauft werden, ist ihm egal. Es ärgert ihn nur die Tatsache, daß er bis vor einem Jahr für nur 48 gewesene Schwabenhäuser einen Interessenten gefunden hat. Aber auch von diesen hat nur die Hälfte mit der Ratenzahlung begonnen. Mit dem Rest von 45 Häusern weiß er nicht was anzufangen, weil ihre Mieter zu arm sind, um diese kaufen zu können.

Ebenfalls um ein gewesenes deutsches Haus geht es im Streit um das gewesene katholische Pfarrhaus. Der Bau dieses eigentlich dritten Pfarrhauses ist 1895 zusammen mit der heutigen Kirche beendet worden. 1960 hatte das Pfarrhaus als solches ausgedient, da die Pfarrei aufgelöst wurde. Bis 1965 stand die Pfarrwohnung zwar leer, aber in einem Teil des Hauses war damals das Postamt untergebracht. In jener Zeit war im Pfarrhaus auch das Dorfambulatorium eingerichtet. 1966 hatte man das ganze Gebäude in ein Kulturheim umgebaut, aber gleichzeitig war hier auch eine Dorfkneipe eingerichtet gewesen. Als dann durch die Auswanderung der Deutschen rumänische Kolonisten ins Dorf gebracht wurden, gründete man auch hier eine rumänisch-orthodoxe Pfarrei, die sich nun im gewesenen katholischen Pfarrhaus einrichtete. Wie die „Renasterea banateana" am 8. Mai 1997 berichtete, soll das römisch-katholische Ordinariat aus Temeschburg ein Schreiben an den orthodoxen Pfarrer aus Deutsch-St.-Michael gerichtet haben, in dem es diesen in einem „ultimativen Ton" aufgefordert hätte, das gewesene katholische Pfarrhaus dringend zu räumen.

Dieser Fall führte nun zu einer gewissen Spannung zwischen dem Temeschburger Ordinariat und der mehrheitlichen rumänischen Bevölkerung aus Deutsch-St.-Michael, was sich gleich in der nationalistisch orientierten „Renasterea banateana" widerspiegelte. Die Zeitung wirft dem Ordinariatskanzler des Bistums Temeschburg und Verfasser des Schreibens, Msgr. Martin Roos, vor, seine Ansprüche nicht genügend fein und diplomatisch geäußert zu haben.

Dafür lobte aber dieselbe Zeitung am 21 Juni 1995 die „deutsche Mentalität" im Vergleich zu der rumänischen. Es ging hier um die Tatsache, daß im Todesfall eines Zillaschers jedwelcher Nationalität und christlichen Glaubens, am Eingang der katholischen Kirche die schwarze Fahne drei Tage lang gehißt wurde. Wenn aber beim Eingang in die orthodoxe Kirche eine schwarze Fahne zu sehen war, dann bedeutete dies unmißverständlich, daß ein orthodoxer Rumäne gestorben sei.

Zum schlechten Zustand der Häuser des Dorfes hat auch das Unwetter vom 25. August 1994 beigetragen. Von den 265 Häusern der Ortschaft sind damals 190 beschädigt worden, 87 davon wurden sogar völlig zerstört. Aber auch die zwei Kirchen (die katholische und die orthodoxe) und das Schulgebäude erlitten damals erhebliche Schäden.

Das gegenwärtige Aussehen Deutsch-St.-Michaels schilderte die „Renasterea banateana" vom 17. Januar 1995 in einem Satz: „Im ganzen Dorf gab es zu jener Zeit kein Telefon, keine einzige Glühbirne spendete ihr Licht für die Straßenbeleuchtung und in Deutsch-St.Michael gab es nur eine asphaltierte Straße."

Unter der Überschrift „Ihr könnt erkranken, aber nur während der Sprechstunden" beschrieb die „Renasterea banateana" vom 25. März 1997 den Zustand des Gesundheitswesens in Deutsch-St.-Michael. Im Dorfambulatorium fanden nur zweimal in der Woche Sprechstunden statt: mittwochs für Kinder und freitags für Erwachsene. Seitdem die hiesige Krankenschwester in den Ruhestand getreten ist, gibt es in fünf Tagen der Woche und nachts keine ärztliche Betreuung mehr, nicht einmal in Notfällen. Im Rahmen der Vorbereitungen für die bevorstehende Gesundheitsreform sollen nun alle Ambulatorien der Gemeinde aus der Hoheit des Temeschburger Kreiskrankenhauses geholt und dem Tschakowaer Gesundheitszentrum unterstellt werden. Dies bedeutet aber, daß in diesem Fall ein Kranker (egal ob Kind oder Erwachsener), der von einem Facharzt untersucht werden muß, nicht mehr mit dem Bus in das 26 km entfernte Temeschburg fährt, sondern von dort mit zwei Zügen weiter nach Schebel (26 km) und von da nach Tschakowa (10 km) fahren müßte. Da ist es doch auch nicht zum staunen, daß die gesamte Zillascher Bevölkerung schon in ihrer Vorbereitung über die Gesundheitsreform schimpfte.

In der banater Presse der letzten Jahren konnte man auch über den Verfall des gesellschaftlichen Lebens in Deutsch-St.-Michael lesen. Schon im März 1993 berichtete die Tageszeitung „Timisoara" über die Willkür der Ortsvertreter der damaligen Machthaber. Der Rumäne Laurentiu Avram wollte von der Verkäuferin der örtlichen Konsumgenossenschaft wissen, ob die Zuckerration für das laufende Monat angekommen sei. Aus dieser Nachfrage entstand ein Streit, der ständig zunahm. Als aber der Verkäuferin die Argumente ausgegangen waren, griff sie einfach nach dem Besen und jagte so den Kunden aus dem Laden. Kurz danach drang der Polizeiwachtmeister Traian Chira mit zwei Gehilfen in das Anwesen Avrams ein und sie schlugen auf diesem los, bis er zusammenbrach. Dann warfen sie ihn in das Auto, mit dem sie gekommen waren, und fuhren ihn zur Polizeistelle des Dorfes, wo er wieder geschlagen wurde. Nachdem der Mann gut verprügelt wurde, lieferte man ihn in Temeschburg in Polizeiarrest, um ihn hier unter Anklage zu stellen. Als aber der Arrestchef den Zustand, in dem sich Avram befand, sah, verweigerte er dessen Aufnahme und schickte ihn ins Kreiskrankenhaus zur Behandlung. Nach einer oberflächlichen Untersuchung und nachdem seine Wunden verbunden waren, kam der Mißhandelte wieder in Polizeiarrest, von wo ihn am nächsten Tag der Untersuchungsrichter freigelassen hatte. Erst jetzt konnte Avram sich von einem Arzt untersuchen und behandeln lassen. Die Behandlung dauerte 15 Tage lang, und danach wurde er für weitere 15 Tage krankgeschrieben.

Über weitere Gewalttaten, die in den letzten Jahren im gewesenen Schwabendorf verübt wurden, berichtete die „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien" vom 9. August 1996. Diesmal ging es um Privatpersonen und um Eifersucht. Nach einem Streit zwischen den Cousins Marcel und Stefan Ehling um eine Bardame der „Vio-Coop"-Bar, stach der aus Sathmar stammende Iacob Dance „aus Freundschaft gegenüber Marcel", dessen Cousin mit einem Messer in die Hüfte und verletzte ihn gefährlich. Auch diese Fälle sind ein Beweis dafür, daß nach der Auswanderung der Banater Schwaben die einigen hundert „Neubürger" nicht mehr imstande sind, das friedliche Dorfleben weiterzuführen.

Juli 1998                                                                                                                     Anton Zollner