DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (76)
 D  o  l  a  t  z

Dolatz (amtlich Dolat; ung.: Dóc) soll nach Karl Kraushaar erst 1839 gegründet und mit Deutschen besiedelt worden sein. Dem wird aber von anderen Autoren klar widersprochen. Gheorghe Drinovan behauptet, daß diese Ortschaft schon 1811 als „bewohnt" verzeichnet gewesen sei. Hans Niedermayer geht mit der Geschichte des Dorfes noch weiter zurück und behauptet, daß Dolatz schon 1332 im päpstlichen Zehntverzeichnis unter der Benennung Dolch erwähnt worden sei. Die Siedlung war damals von Ungarn bewohnt. Laut demselben Autor sollen die Ungarn von den Türken verschleppt worden sein, wodurch Dolch menschenleer geworden ist. Noch während der Osmanenherrschaft sollen sich hier Serben ihre Häuser erbaut und die Jagd betrieben haben. Laut Niedermayer sollen hier 1811 deutsche Siedler die meist von Sümpfen umgebenen Felder bebaut haben, mit der Absicht, sich in Dolatz niederzulassen. 1812 sollen hier schon 70 Häuser gestanden haben, die von 386 aus anderen banater Dörfern zugezogenen Siedlern bewohnt waren. 1850 soll die Ortschaft ihre höchste Einwohnerzahl gehabt haben; in 238 Häuser lebten damals 1514 Deutsche.

Sollten diese Daten stimmen, so muß man sich fragen, warum Kraushaar 1839 als Gründungsjahr dieses Schwabendorfes angegeben hat. In jenem Jahr wurde eigentlich die Dolatzer Pfarrei gegründet; die katholischen Einwohner bildeten bis dahin eine Filiale, die den Pfarreien aus Hopsenitz, Setschan oder Tschakowa angehörte. Laut Niedermayer wurde ebenfalls 1839 die im Auftrag des Grafen Karácsony erbaute Kirche eingeweiht. Sollte daraus Kraushaar eine falsche Schlußfolgerung gezogen haben? In diesem Fall müßten bezüglich des Gründungsjahres die Angaben von Drinovan und Niedermayer als richtig betrachtet werden.

Das westlich von Detta und an der rumänisch-serbischen Grenze liegende Schwabendorf gehörte bis zum Anschluß des Banats an Rumänien dem Torontaler Komitat an. Seitdem gehörte es zum Kreis Temesch-Torontal (bis 1952), zur Region Banat (bis 1966) und danach zum Kreis Temesch. Zugleich war Dolatz seit dem Anschluß bis 1952 Gemeindesitz, danach gehörte es zur Gemeinde Tolvadia (Tolwad), die später in Livezile umbenannt wurde. Heute ist die Ortschaft ein zur Gemeinde Banloc (Banlok) gehörendes Dorf.

1910 lebten in Dolatz 998 Deutsche, die einen Bevölkerungsanteil von etwa 85 Prozent ausmachten. Von da an stieg die Zahl der deutschen Bevölkerung bis 1940 auf 1.297 Personen, aber zugleich sank ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung. Auch 1942 lebten hier noch etwa 1.250 Deutsche, aber ihre Zahl sank nach nur sechs Jahren bis 1948 auf 780 Personen. 1977 wurden bei den 751 Dorfbewohnern noch immer 484 Deutsche gezählt. Im Juli 1990 lebten in Dolatz nur noch wenige Deutsche in zehn Familien. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 bekannten sich von den 528 Dorfbewohnern nur noch 38 Personen zum Deutschtum. Inzwischen erhöhte sich die Zahl der Rumänen auf 395 Personen. Im Februar 1996 bestand die deutsche Bevölkerung des einstigen Schwabendorfes aus genau elf Personen.

Über das heutige Dolatz berichtet die Presse nur sehr wenig. Am 10. August 1993 schilderte man in der Zeitung „Timisoara" die Freude der Neubürger des Dorfes, weil es ihnen „wieder so gut, wie in Ceausescus Zeiten ging"; sie hatten endlich wieder ein Telefon im Dorf, wenn auch dieses nicht immer im betriebsfähigen Zustand war. Ohne Telefon sei es ihnen bis dann schlechter als unter Ceausescu gegangen, behaupteten sie. Nun konnte man wieder hoffen, daß im Notfall eine Verbindung mit der Außenwelt hergestellt werden könnte. Außerdem berichtete der Journalist Lucian Szabo, daß die Häuser der ausgewanderten Banater Schwaben ständig dem Verfall preisgegeben seien. Die unbewohnten Häuser wurden von den Nachbarn abgetragen und in Stücken als Bretter und Ziegel weggeschafft. Mit den bewohnten Häusern ging es auch nicht besser, da diese von ihren Bewohnern dem Verfall freigegeben wurden.

Einige Monate später berichtete dieselbe Zeitung über die Lage des Schulwesens. In Dolatz gab es damals, also vor vier Jahren, nur eine Grundschule mit den ersten vier Klassen. Alle Schüler der höheren Klassen mußten deswegen die Allgemeinschule (mit den 8 Pflichtklassen) aus Livezile (Tolwad) besuchen. Tolwad liegt aber 6 km von Dolatz entfernt, und öffentliche Verkehrsmittel gibt es hier seit langem nicht mehr. Der Busverkehr wurde aus wirtschaftlichen Gründen, aber auch wegen des besonders schlechten Zustandes der Landstraße im Februar 1993 eingestellt. Damit die Dolatzer Schüler nicht täglich bei Regen, Schnee und Sommerhitze zu Fuß bis zur Tolwader Schule und zurück gehen müssen, erhoffte man sich die Hilfe der deutschen „Caritas". Laut dem Bericht sollen sich ausgewanderte deutsche Dolatzer dafür eingesetzt haben, den Neubürgern einen Kleinbus als Schulbus zu schenken. Der bei der „Caritas" aus Bakowa angekommene Kleinbus ist zugleich in der Zeitung abgebildet worden, aber von dessen Einsatz in Dolatz war nichts mehr zu hören.

Wenn man den letzten über Dolatz geschriebenen Bericht in der Tageszeitung „Renasterea banateana" vom 31. März 1995 liest, könnte man glauben, daß der erwähnte Schulbus hier niemals eingesetzt wurde, und die Schüler noch immer zu Fuß im Nachbardorf die Schule besuchen müssen. Noch schlimmer ist die Tatsache, daß es das zwei Jahre zuvor bejubelte Telefon auch nicht mehr gab, und so konnte man im Notfall keinen Arzt und auch keine Feuerwehr zur Hilfe rufen. Aus dem Bericht war nur noch der katastrophale Zustand des einstigen Schwabendörfchens zu erkennen. Die Straßen sahen wie nach einem Krieg aus; wegen der Schlaglöcher und des Drecks sind sie besonders in der Regenzeit unbefahrbar. Die Dorfstraßen waren auch schon seit langem nicht mehr beleuchtet. Da es fast keine Kommunikation mit Dolatz gibt, wird das Dorf auch nicht mehr von der Polizei besucht. Dies begünstigte die Zunahme der Straftaten. Eine aus den Reihen der Zugewanderten entstandene Bande überfiel die Dorfbewohner und raubte sie aus. Das einstige schöne und ruhige Schwabendorf bietet heute nur noch ein Bild des Verfalls und der Verwüstung. Geblieben sind nur die schönen Erinnerungen in den Herzen der einstigen Bewohner des Schwabendorfes und der Ortsname Dolatz.

Aber auch im nahegelegenen Dorf Tolwad (rum.: Tolvadia, ung.: Tolvád; amtlich: Livezile) lebten einst Deutsche, aber ihr Bevölkerungsanteil war immer niedrig, etwa 20 bis 30 Prozent. 1910 lebten hier nur 526 Deutsche, 1940 wurden hier 688 deutsche Volkszugehörige gezählt. Laut Karl Kraushaar sollen die Deutschen 1816 in Tolwad angesiedelt worden sein. Im Jahre 1977 bekannten sich von den 1.387 Einwohnern nur noch 219 Personen zur deutschen Volkszugehörigkeit, ihr Anteil belief sich damals auf über 15 Prozent. Fünfzehn Jahre später, also 1992 bekannten sich nur noch 65 Personen zum Deutschtum. Neben diesen wenigen Deutschen lebten noch 934 Rumänen, 62 Serben, 54 Ungarn und 13 Zigeuner.

Die einzige Nachricht, die in den letzten 14 Jahren aus Tolwad kam, berichtet über den Tod des 54-jährigen Josef Scheer. Er wurde am 5. August 1997 in der Nähe des Dorfes auf einem Baum erhängt gefunden. Die Polizei stellte sich damals die Frage, ob dies ein Selbstmord oder ein Mord gewesen sei. Die Antwort auf diese Frage ist leider bis Ende September d. J. nicht beantwortet worden.

November 1997                                                                                                         Anton Zollner