DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (57)
 D a r o w a

Darowa (amtlich: Darova; ung.: Darúvár) liegt nordöstlich, unweit von der Stadt Lugosch, dort, wo die letzten Hügel des Banater Berglands in die Banater Hecke übergehen. Auch dieses Dorf hat keinen Anschluß zum Verkehrsnetz des Banats, da die Landstraße Lugosch - Busiasch etwa 4 Kilometer nördlicher verläuft und von da bis zur nächsten Eisenbahnstation Boldur weitere anderthalb Kilometer zu laufen sind. Seinen Namen Darúvár (auf deutsch: Kranichburg) und die spätere Ableitung Darowa / Darova erhielt das Schwabendorf vom Grafen Johann Jankovits von Darúvár, dem im Jahre 1786 amtierenden königlichen Kommissär des Temescher Komitates. Die Einführung der deutschen Benennung Kranichstätten Anfang der '40-er Jahre und einige Jahrzehnte später hierzulande konnte nicht durchgesetzt werden.

Laut Karl Kraushaar ist Darowa 1786-87 durch die Ansiedlung von 57 deutschen Familien gegründet worden. Im selben Jahr entstand auch die katholische Pfarrei, und damit wurden auch die Matrikelbücher in Darowa eingeführt. Die ersten Ansiedler waren mit einer Ausnahme alle Bauern gewesen. Seit der Gründung des Dorfes bis 1940 bildeten die Deutschen immer einen Bevölkerungsanteil von über 95 Prozent. Die Zahl der deutschen Bevölkerung stieg ständig durch Zuwanderungen. Schon zwischen 1790 und 1795 kamen einige deutsche katholische Familien aus Rittberg (heute: Tormac) hinzu. Die katholischen Deutschen hatte man damals zwecks Homogenisierung der banater Ortschaften von Rittberg nach Darowa, Wetschehausen und Morawitz umgesiedelt. Zugleich siedelte man aber auch 78 Evangelischen von Darowa nach Rittberg um. 1812 kamen laut Kraushaar wieder 56 deutsche Familien aus Gottschee hierher.

Durch die ständigen Zuwanderungen konnten 1890 in Darowa schon 1.393 Einwohner gezählt werden. Die Zahl der Deutschen betrug 1910 schon 1.434 Seelen, und sie stieg bis 1940 auf 2.018. Diese steigende Tendenz wurde mit dem Ende des 2. Weltkriegs gestoppt, sie wurde sogar rückläufig. Bei der Volkszählung von 1977 zählte man neben den 1.583 Deutschen auch schon 125 Rumänen und je 5 Ungarn und Zigeuner. Eine radikale Änderung in der ethnischen Zusammensetzung der Darowaer Bevölkerung begann aber erst 1984, als man neben der traditionellen Landwirtschaft, der Viehzucht und dem meist privaten Weinbau auch den „sozialistischen" Bergbau zu betreiben begann. Damit ist eine massive Zuwanderung von Rumänen ausgelöst worden, die als Bergarbeiter zur Kohlenförderung nach Darowa kamen. Damals lebten in der einst rein deutschen Ortschaft aber noch immer 1.337 Deutsche.

Aus ihrer Reihe stammte auch der damalige Bürgermeister Georg Dobosch, der dieses Amt seit 1970 inne hatte und seit 1975 sogar Parteisekretär der Gemeinde war. Aber sowohl Dobosch als auch seine Vorgänger im Amt, Ludwig Prinz und Peter Berwanger, versuchten auch unter den ungünstigsten Bedingungen des sozialistischen Systems ihr Bestes zu tun. Es gelang ihnen auch, einige Höhepunkte in der Bewirtschaftung der Gemeinde zu erreichen und das Leben der Darowaer im gegebenen Rahmen je besser zu gestalten.

Nach den Dezemberereignissen von 1989 vollzog sich dann in kürzester Zeit die Auflösung der deutschen Volksgemeinschaft aus Darowa. Im März 1990 stand Darowa mit 120 „Neue Banater Zeitung"-Abonnenten noch an 7. Stelle unter den ländlichen Ortschaften des Kreises Temesch. Nach nur anderthalb Jahren bestand die deutsche Bevölkerung des einstigen Schwabendorfes aus nur noch etwa 20 Seelen. Trotz dieser Tatsache registrierte man bei der Volkszählung doch 34 Personen, die behaupteten, daß sie Deutsche seien. Zugleich lebten hier zu jener Zeit 1.155 Rumänen, 15 Ungarn, 5 Zigeuner, ein Serbe und 204 Sonstige, also meist Ruthenen. Damit sank auch die Zahl der Darowaer Gesamtbevölkerung auf nur noch 1.415 Personen. Am Ende des Jahres 1996 erreichte die Zahl der im Heimatdorf verbliebenen Deutschen die 7, und damit kann man mit Bedauern annehmen, daß das deutsche Darowa aufgehört hat, zu existieren. Über diese Behauptung kann man sich vor Ort fast täglich überzeugen. Die heutige Ortschaft Darova ist nicht mehr unser Darowa! In Hodos (ung.: Krassóhódos), ein Dorf, das zur Gemeinde Darowa gehört und in dem 1940 13 Deutsche lebten, ist kein einziger deutscher Volkszugehöriger mehr anzutreffen, dafür bekannte sich aber bei der Volkszählung von 1992 in Sacosu Mare eine Person zum Deutschtum.

In den letzten zwei Jahren waren in drei Temeschburger rumänischen Zeitungen verschiedener politischer Orientierung sieben Berichte zu lesen, in denen über das Chaos, das in der Gemeindeverwaltung und im Ort herrscht, berichtet wurde. Hier soll nur auf einen Fall näher eingegangen werden, der noch einmal beweist, wie die Dörfer der alten Heimat fast führungslos ins Chaos getrieben werden. In der Nacht vom 17. zum 18. November 1994 ist der damalige Vizebürgermeister Gheorghe Ghibomean verständigt worden, daß unbekannte Diebe sein Stalldach abdecken und das Material abtransportieren. Begleitet vom Nachtwächter und vom Chef der Polizeistelle ging er auf seinen Hof, wo sie die Darowaer Brüder Nedelea auf frischer Tat erwischten. Die Täter wurden in Verwahrsam genommen, und nachdem die Untersuchung noch in derselben Nacht abgeschlossen war, ließ sie der Polizist laufen, nicht aber ohne vorher ihren „Verräter" preiszugeben. Von hier aus gingen die beiden mit einem Beil bewaffnet zum „Verräter" und schlugen diesem den Kopf ein, aber so, daß dieser einige Wochen lang in Koma lag. Der zur Hilfe des Vizebürgermeisters geeilte Bruder wurde von den Tätern für 25 Tage krankenhausreif zusammengeschlagen. Zwar hatte der 32-jährige Vize auch Glück im Unglück gehabt, da er nicht für immer ans Bett gefesselt blieb, aber trotz aller Behandlungen ist er zu einem erwerbsunfähigen Behinderten geworden.

Seit diesem Vorfall kehrte die Ruhe nie wieder in das Schwabendorf und in seine Verwaltung ein. Es folgten Klagen, Untersuchungen und Prozesse. Unzählige Reklamationen wurden an den verschiedensten Behörden höheren Ranges geschickt. Mit der Zeit verbreitete sich die Unruhe auch über den Kreis der direkt Betroffenen hinaus. Der Bürgermeister der Gemeinde, Nicolae Suciu, der sich während des Vorfalls nicht im Ort aufhielt, befand sich bald in einem Streit mit dem Gemeinderat. Beide Seiten beschuldigten sich gegenseitig für die Mißstände in der Gemeinde, bis schließlich 700 Bürger der Gemeinde den Rücktritt des einstigen Direktors der Darowaer Bergwerke forderten. Trotz vieler Klagen, die an die verschiedensten Behörden geschickt wurden, blieb der Bürgermeister fest im Sattel bis zum Ende seines Mandats.

Die Kommunalwahlen, die im Juni 1996 stattfanden, brachten auch nicht die ersehnte Ruhe in die Gemeinde. Nach nur sechs Monaten hatte der neue Bürgermeister Nicolae Costândana, der auf der Liste der Sozialdemokratischen Union kandidierte und mit 648 Stimmen gewählt wurde, mehr Feinde als Freunde. Die meisten seiner Wähler werfen ihm nun Amtsmißbrauch vor, und mit dem neuen Gemeinderat steht auch er auf Kriegsfuß. Die Ortspolizei verhängte ihm einige Bußgeldstrafen, aber diese lassen ihn kalt. Die Vorwürfe und Beschuldigungen, die er seitens der Bevölkerung bekommt, will er nicht einmal zur Kenntnis nehmen, weshalb einige wieder im Dezember 1996 Unterschriften für seine Absetzung sammelten.

Die aktuelle Lage in Darowa, aber auch den seelischen Zustand der ansässigen rumänischen Bevölkerung schilderte in einer Reportage die Temeschburger rumänische Tageszeitung „Realitatea banateana" (Banater Realität) am 1. Juli 1995. Einige dieser Leute äußerten darin ihre nostalgische Sehnsucht nach den Zeiten, in denen noch die Banater Schwaben als Mehrheitsbevölkerung in Darowa lebten.

Der gewesene Chef der hiesigen Milizstelle Constantin S., der 1968 hier sein Amt antrat, beschreibt wahrscheinlich ganz aufrichtig seine innerlichen Gefühle, die ihn damals bewegten und die heutige Wehmut des Pensionisten. Bei seiner Ankunft in Darowa störte ihn noch, daß man damals um ihn herum nur deutsch sprach. Zugleich staunte ihn die Tatsache, daß hier nicht, wie in anderen nichtdeutschen Dörfern, in denen er bis dahin seinen Beruf ausübte, täglich Krawalle und andere Mißachtungen der Gesetze zu verzeichnen waren. Bald mußte er aber auch feststellen, daß die Bewohner des Schwabendorfes sowohl durch ein ordentliches soziales Benehmen als auch durch eine besondere Solidarität auffielen. Nicht einmal einem (deutschen) Kind wäre es eingefallen, Obst aus dem Garten des Nachbarn unerlaubt zu nehmen. Seitdem die Deutschen Darowa verlassen haben, hatte man im einstigen Schwabendorf keinen Baumstamm mehr mit Kalk „geweißelt" und keinen Straßengraben mehr gereinigt. Mais hatte man auch noch im Jahre 1995 angebaut, aber kein „Neubürger" war mehr bereit, seine Maisfelder auch aufzuhacken und zu jäten. Nach der Meinung des pensionierten Polizisten bräuchte man heute etwa hundert Jahr, um die damaligen Zustände wieder herzustellen.

Heute lebt in Darowa keine homogene Bevölkerung mehr, wie dies noch vor einigen Jahrzehnten der Fall war. In ihrer Mehrheit besteht die heutige Bevölkerung Darowas aus Zuwanderern, die aus 37 der 42 Landkreise stammen, besonders aber aus der Moldau und aus der Marmarosch. Dementsprechend ist hier auch eine hohe Geburtenrate zu verzeichnen. Als Beispiel nennen die Autoren der Reportage eine Familie, die 18 Kinder auf die Welt brachte, von denen aber nur noch 14 am Leben geblieben sind. Achtköpfige Familien sind zum Normalfall geworden. Daß die Kinder solcher Familien in der allgemeinen Not im heutigen Rumänien nur spärlich mit Lebensmitteln und mit Kleidern versorgt sind, dürfte niemandem staunen. Dieser Lage entsprechend verbringt die Mehrheit der Jugendlichen des Dorfes den ganzen Tag in den Dorfkneipen. Zum täglichen Leben der Darowaer „Neubürger" gehören nun auch der tägliche Streit unter den Betrunkenen, und Handgreiflichkeiten, die der gewesene Milizchef 1968 so sehr vermißt hatte. Wie in vielen anderen banater Dörfern werden auch hier Einbrüche von Jugendlichen verübt. Auf den Ackerfeldern liegen die Kartoffeln auch nicht so sicher in der Erde, da diese nachts von Unbekannten „ausgebaggert" werden. Eine Sicherheit gibt es auf den einst so schönen, geraden und breiten Straßen nicht einmal für die Gänse mehr. Diese werden mit vergifteten Maiskörnern getötet, um danach verzehrt zu werden.

Aus dem einstigen „sozialistischen" Bergwerk ist auch nur sehr wenig übrig geblieben. Als es im Lande nur noch wenig Essen für den „Normalbürger" gab, bekamen die Darowaer Kumpels noch immer einmal in der Woche Fleisch, mit Sojamehl angereicherte Salami, Schmelzkäse und sogar Orangen. Nach den Dezemberereignissen von 1989 forderten die Bergarbeiter immer höhere Löhne, die sie vom Iliescu-Regime auch bekamen, während sie ihre Arbeitszeit unter Tage mit dem Genuß von Alkohol und mit Kartenpartien verbrachten. Dies ging so lange, bis das Bergwerk auf diese Weise Pleite machte und geschlossen werden mußte. Dabei soll es in der Umgebung unter den Hügeln Kohlevorkommen geben, für deren Förderung die etwa 250 Bergleute noch etwa zwanzig Jahre lang arbeiten könnten. Aber auch andere Dienstleistungseinheiten, die den Darowaern einige Arbeitsplätze sicherten, mußten geschlossen werden. Zu diesen gehören die Bäckerei, die plötzlich unrentabel wurde, die Tischlerei, die wegen der Auswanderung der hier beschäftigten Deutschen über keine Fachmänner mehr verfügte, und die Spenglerei, die wegen Mangel an Kunden schließen mußte. Von den Einheiten der Konsumgenossenschaft blieben nur eine Kneipe, eine kleine Konditorei und ein Laden mit Mischwaren erhalten. Aber auch diese standen 1995 vor dem Aus, da die Dorfbewohner kein Geld mehr hatten, um es hier auszugeben.

Auch im Gesundheitswesen gab es 1995 einige Schwierigkeiten. So wie die genannte Zeitung berichtete, gab es im Gemeindezentrum Darowa, dessen Ambulatorium drei Ärzte, einen Zahnarzt, drei Arzthelferinnen und eine Hebamme beschäftigte, keine Apotheke. Das Ambulatorium verfügte aber auch über kein Telefon, in Notfällen wurde das Telefon des Bürgermeisteramtes benützt. Das öffentliche Gemeindebad sollte damals in ein Wirtshaus umgewandelt werden, wie dies auch mit der Kegelbahn geschehen ist. Ansonsten war damals ein hiesiger Arzt auch der Eigentümer eines der drei privaten Wirtshäuser Darowas.

Nachdem man diesen Zustand aus einem Dorf unserer alten Heimat zur Kenntnis nimmt, kann man der Überschrift, die die Reporter V. Rubanschi und M. Popovici ihrer Reportage aus Darowa gaben, ruhig zustimmen: „Darova - eine Gemeinde nach zwei Kataklysmen". Gemeint haben sie dabei die Schließung des Bergwerks und die Auswanderung der Deutschen.

Januar 1997                                                                                                             Anton Zollner