DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (61)
Fronleichnam in Brestowatz

In einem Tal, am südlichen Rande des Lippaer Hochlandes liegt das slowakische Heckendorf Brestowatz (amtlich: Brestovat; ung.: Aga), das laut Karl Kraushaar 1847 auch mit Deutschen angesiedelt wurde. 1910 lebten hier nur 96 Deutsche, die einen Bevölkerungsanteil von 10 Prozent darstellten. Bis 1930 stieg ihre Zahl auf 160, und ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung erhöhte sich auf fast 19 Prozent. Bis 1940 war ein weiterer Zuwachs dieser Zahl auf 303 Seelen zu verzeichnen. Wahrscheinlich haben sich vor dem bevorstehenden Krieg auch hier einige Slowaken zum Deutschtum bekannt. In jenem Jahr lebten einige Deutsche auch in den heute zur Gemeinde gehörenden Dörfern: in Hodos (ung.: Temeshódos) - 10, in Lucaret (ung.: Lukácskö) - 23 und in Tes (ung.: Tésfalva) - sogar 82. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 bekannten sich hier 27 Personen zum Deutschtum, die alle im Gemeindezentrum Brestowatz lebten. Sie lebten im Ort mit 149 Rumänen, 7 Ungarn, 2 Serben und 125 Sonstigen.

Trotz dieser offiziellen Angaben behaupten die Reporter V. Rubanschi und T. Kiss in der Tageszeitung „Realitatea banateana" (Banater Realität) vom 21. Juni 1995 nach einem Besuch vor Ort, daß von den 754 Brestowatzern 10 Prozent Schwaben gewesen wären. Weitere 80 Prozent sollen demnach Slowaken sein und die restlichen 10 Prozent Rumänen und „Sonstige". Diese Angaben können überhaupt nicht stimmen, wenn man das Ergebnis der Volkszählung von 1992 betrachtet.

Der Bevölkerungsstruktur entsprechend gibt es in Brestowatz zwei Gotteshäuser, das katholische und das orthodoxe. Die katholische Pfarrei ist 1847 gegründet worden, vorher gehörte die Filiale zur Pfarrei aus Neuhof (heute: Bogda). Die Katholiken haben keinen eigenen Seelsorger, sie werden jetzt vom Rekascher Pfarrer betreut. Dieser zelebrierte 1995 hier auch die Fronleichnamsmesse in der Dorfkirche und führte danach die Fronleichnamsprozession nach alter Tradition an. Die vier Altäre befanden sich in den von den Gläubigen im Kirchhof errichteten Laubhütten. An ihrer Errichtung beteiligten sich alle Pfarrmitglieder, wofür sie sich in vier Gruppen aufteilten. Während der Prozession, als man sich zu den vier Altären begab, bestreute man den ganzen Weg mit Rosenblüten. Nach der Prozession wurden die Laubhütten von den vier Menschengruppen, die sie errichtet hatten, auch wieder abgetragen. Die Blumen, die zum Schmücken der Laubhütten dienten, wurden dann unter allen Mitgliedern der jeweiligen Gruppe aufgeteilt und nach Hause mitgenommen. Unter denen, die zum Gelingen des Fronleichnamsfestes des Jahres 1995 persönlich beigetragen haben, befand sich auch die damals 74-jährige Katharina Rosenberg. Sie erklärte den beiden rumänischen Zeitungsreportern, daß diese Blumen zu Hause getrocknet aufbewahrt werden sollen, damit sie nach dem Volksglauben Naturkatastrophen fernhalten. Der Rauch, der durch ihr Verbrennen entsteht, soll Sturm und Hagel vom Dorf und seinen Ackerfeldern fernhalten, und somit Wunder bewirken.

Ansonsten gehört auch Brestowatz zu den strukturschwachen Heckendörfern des Banats. In der ganzen Gemeinde gibt es kein Postamt, aber auch keine Bäckerei. Da die Ortschaft wegen des besonders schlechten Straßennetzes auch über keinen entsprechenden Anschluß zum Busverkehrsnetz verfügt und auch keine Eisenbahnstrecke in seiner Nähe verläuft, können die Dorfbewohner auch keine Arbeit in den Städten Temeschburg oder Lugosch aufnehmen. Wegen der fehlenden öffentlichen Verkehrsmittel müssen sogar die Schüler der 5. bis 8. Klassen aus den eingemeindeten Dörfern täglich von ihrem Wohnort bis ins Gemeindezentrum und zurück eine Strecke von 4 bis 8 km sowohl im Sommer als auch im Winter „per pedes" laufen.

Da unter diesen Bedingungen die Brestowatzer an ihrem Wohnort gebunden sind, müssen sie in der Landwirtschaft ihr tägliches Brot verdienen. Die über 1.200 ha großen Ackerfelder, die sich alle im Privatbesitz befinden, werden von den Brestowatzern hauptsächlich mit Pferden bearbeitet. Nur zehn Bauern können je einen Traktor als ihr Eigentum nennen. Sie alle bevorzugen die Bestellung ihrer Felder nach eigener Vorstellung und ohne jede äußere Einmischung, und darum haben sie sich bis zur Zeit noch in keinem Landwirtschaftsverein zusammengeschlossen. Daß dies aber kein Heilmittel ist, beweist auch der prekäre Viehstand des Dorfes; im 754-Seelen-Dorf gibt es nur 200 Kühe, 80 Pferde, 600 Schafe und 350 Schweine.

Was nun die Zukunft dieses Heckendorfes betrifft, haben es die Bewohner des eingemeindeten Dorfes Tes vorgespielt. Von den in den '80-er Jahren im Dorf stehenden 400 Wohnhäuser, sind bis zum Sturz Ceausescus nur sechs hüttenähnliche Behausungen übriggeblieben. Das Dorf war schon dem Aussterben geweiht. 1992 begann man aber in Tes wieder zu bauen; einige Städter versuchen die schlechte Versorgung mit den teuren Lebensmitteln durch die „Selbstversorgung" aufzubessern. So beginnt nun, wenn auch noch sehr zögernd eine Rückwanderung der einstigen Bauern aus den Städten, wo sie wegen der Kollektivierung der Landwirtschaft geflüchtet sind, in ländliche Ortschaften, um in den Besitz eines wenn auch nur kleinen Gartens zu kommen. So entstanden in den letzten vier Jahren im fast ausgestorbenen Tes neun neue Häuser für neun zugewanderte Familien.

Februar 1997                                                                                                      Anton Zollner