DURCH GEWESENE DEUTSCHE ORTSCHAFTEN DES BANATS (47)
 B o k s c h a n

Bokschan (heute: Bocsa; ung.: Boksán) befindet sich im Bersau-Tal, an jener Stelle, wo der Fluß das Banater Bergland zwischen den Dognatschkaer (615 m) und Arenis-er (550 m) Bergen verläßt und in die Banater Ebene mündet. Bokschan bestand bis zum Ende des 2. Weltkrieges aus drei eigenständigen Ortschaften: Deutsch-Bokschan, das man sowohl unter ungarischer als auch unter rumänischer Herrschaft nur als Montan-Bokschan (rum.: Bocsa Montana; ung.: Boksánbánya) benannt haben wollte, Wassiowa (rum.: Vasiova; ung.: Vassafalva) und Rumänisch-Bokschan (rum.: Bocsa Româna; ung.: Várboksán). Nach dem Krieg entstand durch den Zusammenschluß der beiden ersten Ortschaften die Gemeinde Bocsa Vasiovei. In den '60-er Jahren hatte man auch die zwei verbliebenen Gemeinden zusammengeschlossen und sie so zu zwei Stadtteilen (Bocsa I und Bocsa II) der neugegründeten Stadt Bocsa (Bokschan) gemacht.

Urkundlich wurde Bokschan schon 1534 als „castrum Bokcha" erwähnt (siehe „Die Bokschaner Burg"). Schon 1703 begannen österreichische Bergleute mit der Instandsetzung der von den Türken 1687 verlassenen Eisen- und Kupfergruben aus der Umgebung Bokschans. Nach F. Griselini sollen es damals in „Bokschan" (gemeint war wahrscheinlich Rumänisch-Bokschan) 83 und in Wassiowa 36 „Rauchfänge" gegeben haben. Laut Georg Hromadka entdeckte Johann Schubert 1718 in den Dognatschkaer Bergen enorme Mengen von Eisenerz. Um diese vor Ort zu verarbeiten, erbaute man schon ein Jahr später in Deutsch-Bokschan die erste große Eisenhütte. Zugleich entstand hier auch die erste staatliche Eisenmanufaktur Südosteuropas, das „Altwerk". Aber schon drei Jahre danach, 1722, ging auch das „Neuwerk" in Betrieb. Die Umgebung des „Neuwerks" hatte man dann als Neu-Deutsch-Bokschan (rum.: Bocsa Montana Noua; ung.: Újboksánbánya) benannt.

Die neuen Werke benötigten immer mehr Eisenerz. Neben dem Erz aus Dognatschka (rum.: Dognecea; ung.: Dognácska) und Eisenstein (rum.: Ocna de Fier; ung.: Vaskö) mußte man dieses von immer entfernteren Stellen, wie aus den Gruben des östlichen Berghangs (bei Lupak) und aus jenen der nordöstlichen Ausläufer des Semenik-Gebirges (Doman) mit Ochsengespannen herbeibringen.

Der Reschitzer E. J. Tigla behauptet als Kenner des Banater Berglands, daß die katholische Kirche aus Deutsch-Bokschan 1723 der "Unbefleckten Empfängnis Mariens" geweiht wurde, was schon auf die Existenz einer deutschen Bevölkerung folgern läßt. Aus diesem Grund stell sich die Frage, warum K. Kraushaar für die Ansiedlungszeit Deutsch-Bokschans das Jahr 1727 nennt. Seine Behauptung, daß im selben Jahr auch die Pfarrei hier gegründet wurde ist falsch, da diese schon seit 1723 existierte. Die Matrikelbücher sind aber erst später, 1747 eingeführt worden. Die kleine Kirche aus Neuwerk ist 1870 dem Hl. Johannes von Nepomuk geweiht worden. Die katholischen Gläubigen aus Rumänisch-Bokschan bildeten schon immer eine Filiale der Deutsch-Bokschaner Pfarrei. Ihre Kirche ist 1930 errichtet worden.

Nach Hromadka beschäftigte die Deutsch-Bokschaner Eisenhütte 1734 schon 176 deutsche Arbeitskräfte. In dieser Zeit erzeugte man hier neben Walzgütern und Gießereiwaren auch Nägel und Hufeisen, später sogar Kanonen. Trotz dieser Erfolge verpachtete die Wiener Hofkammer 1736 die Eisenhütte, was aber bald deren finanziellen Ruin zur Folge hatte. Dies führte 1768 dazu, daß sie vom Wiener Hof in eigene Regie zwecks Instandsetzung übernommen wurde. Aber bald bevorzugte man anstatt der Renovierung der Hütte, die Planung einer neuen Eisenhütte, die ebenfalls entlang des Flusses Bersau (Bârzava), in der Nähe des damals noch rumänischen Dorfes Reschitz erbaut werden sollte.

Der Wiener Hof verkaufte 1855 der K. K. privilegierten Österreichischen Staatseisenbahngesellschaft (StEG) neben wertvollen banater Montanbesitztümern auch das Eisenwerk und den Kupferhammer von Deutsch-Bokschan. Als aber 1873 die Bahnstrecke Reschitz - Eisenstein in Betrieb ging, bevorzugte man die Verarbeitung des Eisenerzes aus dieser Gegend in der Reschitzer Eisenhütte, wodurch diejenige aus Bokschan bald an Bedeutung verlor und dem Verfall preisgegeben war. Um diesen Verlust zu kompensieren, baute man 1898 anstelle der Eisenhütte eine Fabrik für Landwirtschaftsgeräte, die auch heute noch Landwirtschaftsmaschinen erzeugt.

Im Jahre 1910 lebten in den heute zur Stadt Bokschan gehörenden Stadtteilen Deutsch-Bokschan, Wassiowa und Rumänisch-Bokschan 783, 335 bzw. 363 Deutsche. Ihr Anteil betrug in den ersten damaligen zwei Dörfern etwas unter einem Viertel der Gesamtbevölkerung und in Rumänisch-Bokschan etwa über 11 Prozent. Diese Zahlen stiegen ständig und erreichten 1940 die Höchstzahlen von 1.293, 406 bzw. 484. Das wären für das heutige Territorium der Stadt Bokschan insgesamt 2.183 deutsche Seelen. Einige Deutsche lebten in jenem Jahr auch in den benachbarten rumänischen Dörfern Binis (ung.: Bényes) - 14, Iersig (ung.: Szinerszeg) - 21, Izgar - 28 und Vermes (ung.: Krassóvermes) - 31. 1977 wurden in der Stadt Bokschan bei 20.731 Einwohnern 1.374 Deutsche gezählt. Aber auch bei der Volkszählung vom Januar 1992 hatten sich hier noch immer 1.011 Personen, das sind 5,28 Prozent der Bevölkerung, zum Deutschtum bekannt. Sie lebten neben 16.253 Rumänen, 791 Ungarn, 102 Serben, 800 Zigeunern und 195 Sonstigen.

Über das heutige Leben in Bokschan kann man hie und da etwas aus der Temeschburger Tagespresse erfahren. Drei verschiedene rumänische Zeitungen berichteten vor kurzem über das asoziale Benehmen einiger „Neubürger" der Stadt. Nachdem 80 bis 90 Prozent der Wohnungen aus dem Staatsfond ihren Mietern verkauft wurden, kann man für die restlichen wegen des desolaten Zustandes, in dem sie sich befinden, keinen Käufer finden. Ein Teil dieser verfallenen Wohnungen war oder ist von Zigeunern bewohnt. Auf diese Weise ist die gesamte Umgebung des Marktes des Stadtteils Bokschan II (Rumänisch-Bokschan), in dem sich auch das Stadtkrankenhaus befindet, zu einem Infektionsherd geworden. Die Bewohner dieser sanierungsreifen Wohnhäuser haben aber auch keine Möglichkeiten mehr, ihren Hausmüll zu entsorgen. Die einzige großräumige Mülltonne ist immer überfüllt, und so lagern die Leute ihren Müll einfach daneben. Aber bei Regen ist auch sonst die Mülltonne wegen des angestauten Wassers und des Drecks nicht erreichbar. Aus diesem Grund hatte man den Hausmüll (nach dem Stand vom 5.01.1996) ganz einfach aus den Fenstern geworfen. Dadurch entstand für die unzähligen Nagetiere, ein wahrhaftes „Paradies". Die Folge dieser Tatsachen ist, daß sich in Rumänisch-Bokschan alle Arten von Krankheiten rapide verbreiten. Um den Markt herum gibt es fast keine Familie mehr, in der nicht wenigstens ein Mitglied an TBC, Lungenentzündung, Krätze oder Gelbsucht leidet. Die Wohnungen in denen Zigeuner hausen, sind zu regelrechten Bauruinen geworden. Die Fensterscheiben wurden durch Pappe oder Sperrplatten ersetzt, das Parkett und die Türen sind schon längst verheizt worden. Strom und Leitungswasser gibt es hier auch seit langem nicht mehr, da die Bewohner „dafür kein Geld haben". Daß in so einem Zustand auch kein Bad und auch keine Toilette benutzt werden kann, wird von den Hausbewohnern akzeptiert. Waschen ist bei ihnen kein Bedürfnis, und ihre physiologische Not verrichten sie entlang der Hauswände. Dazu sind viele dieser Wohnungen überbelegt, wie im Falle einer 22-köpfigen Zigeunerfamilie. Hier verdient nur das Familienoberhaupt das tägliche Brot. Mit einem Monatslohn in Höhe von 150.000 Lei kann er seine Familie bestimmt nicht ernähren.

In dieser Lage ist es nur selbstverständlich, daß die Kriminalität in der Stadt ständig steigt. Der Ladendiebstahl ist zur „Bagatelle" geworden, und Einbrüche gehören auch schon zu den „normalen" Delikten. Die auf der Straße abgestellten Autos werden nicht nur geplündert, sondern auch demontiert und verschachert. Die Täter sind fast alle Zigeuner. 95 Prozent der Schwarzfahrer, die auf der Eisenbahnstrecke Bokschan - Temeschburg „geschäftlich" hin und her pendeln, sind ebenfalls Zigeuner. Nachts rauben sie „nebenbei" schlafende Fahrgäste aus. Die zuständigen Behörden sind sich alle in einem einig: Dagegen sind sie alle machtlos.

Die „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien" (ADZ) nimmt sich in mehreren Ausgaben anderer Themen an. So stellt sie schon am Anfang des laufenden Schuljahres fest, daß den Schulen aus Bokschan in allen Ecken das Geld fehlt. Die Investitionen wurden in diesem Bereich drastisch beschränkt, bereits verrichtete Reparaturen konnten nicht mehr bezahlt werden. Einigen Schulen drohte man sogar mit der Sperrung der Stromlieferung, weil sie die Rechnungen nicht mehr bezahlen konnten. Nach dem Beginn des Schuljahres hatte man alle Schulen aus demselben Grund ohne Telefonanschluß gelassen.

Über Geldnot beklagt sich auch die Kommunalwirtschaft der Stadt, der das Geld für die Verbesserung der Trinkwasseraufbereitung fehlt. Man vermutet, daß die ständig steigende Zahl der Gelbsuchterkrankungen auch vom unreinen Trinkwasser verursacht werden könnte. Bokschan ist die einzige Stadt des Banater Berglands, die ihr Trinkwasser aus dem Grundwasser zubereitet. Dieses soll aber schon seit vielen Jahren von einem noch immer unbekannten Verursacher verseucht sein. Sicher ist nur, daß seitdem eine Lehrerin durch Messungen den Verseuchungsgrad der Bersau festgestellt hat, Abwässer nicht mehr in den Fluß geleitet werden, sondern ... man läßt sie in den Boden versickern.

Die Bokschaner Metallbauer sollen sich laut eines weiteren Berichts der ADZ auf dem besten Weg zum Erfolg befinden. 85 bis 90 Prozent der Produktion des Jahres 1996 will das Metallbauwerk exportieren. Hydrotechnik geht nach Deutschland, Kräne nach Österreich, technologische Ausstattung für Wärmekraftwerke nach Japan, Ausstattungen für Zementfabriken nach Frankreich, und über dieses Land gehen auch 130 Tonnen Metallbauten nach Quatar. Aber auch für das Inland hat man Aufträge erhalten. Dazu gehören die breiteste Donaubrücke Rumäniens, die bei Cernavoda gebaut wird und Ausstattungen für modernste Spirituosenfabriken, die eine einheimische Privatfirma europaweit baut. Trotz all dieser wichtigen Aufträgen werden in Bokschan weiter auch Landwirtschaftsmaschinen erzeugt. Zu den ausländischen Abnehmern gehört in erster Reihe Ungarn. Nachdem nach dem Umsturz sehr viele Metallbauer, besonders aber die Pendler aus den Dörfern, arbeitslos wurden, hoffen diese jetzt wieder auf eine Einstellung. Die Arbeit soll hier auf zwei, vielleicht sogar auf drei Schichten ausgeweitet werden. Dafür will man die ersten 100 bis 150 Arbeiter einstellen. Dies schafft neue Hoffnungen für die Arbeitslosen der Stadt.

Über das Leben der in Bokschan verbliebenen Deutschen wird in der banater Presse kaum etwas berichtet. Einzig und allein die ADZ vom 16. Dezember 1995 publizierte einen Kurzbericht eines freiwilligen Korrespondenten. Darin berichtete der Reschitzer Erwin Josef Tigla über das Kirchweihfest, das hier am 10. Dezember in der katholischen Kirche aus Deutsch-Bokschan stattfand. Der Festgottesdienst wurde vom Bischof Msgr. Sebastian Kräuter im Beisein des Stadtpfarrers Adalbert Jäger und anderer Priester aus dem Banater Bergland zelebriert. Zu den Ehrengästen gehörten nicht nur der Vize-Bürgermeister und Vertreter der reformierten und orthodoxen Glaubenskonfessionen, sondern auch ein Gast aus Österreich, Dr. Alois Fauland, der Obmann der österreichischen Vinzenz-Konferenz. Besonders lobend muß man feststellen, daß sich Österreich nun doch - wenn auch etwas zu spät - über ihre Schutzpflicht wenigstens für die aus dem Alpenland stammenden Banater Berglanddeutsche bewußt wird.

Ein großes Lob gebührt aber auch den Bokschaner Berglanddeutschen, die mit einem Platzkonzert der lokalen Blaskapelle alles Mögliche getan haben, um aus eigener Kraft ihr Kirchweihfest würdig zu feiern. Wenigstens hier ist der peinlich inszenierte „Kirchweihzug", der schon in vielen Fällen meist aus „Importakteuren" besteht, ausgeblieben. Jeder teilnehmende Berglanddeutsche konnte stolz und seelisch zufrieden sagen: Die Kirchweih war klein, aber MEIN!

Juli 1996                                                                                                                    Anton Zollner