DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (7)
 B o g a r o s c h

„Die Massenmedien (gemeint ist da die 'Neue Banater Zeitung' -NBZ- Anm. d. Verf.), beschrieben unsere Dörfer, 'als fenster- und türlose Häuser', die geistige Vertretung kämpfte mit dem Bild des 'sinkenden Schiffes' ... „. Mit diesem vorwurfsvollen Satz bezog sich kein geringerer als Karl Singer, der Vorsitzende des Demokratischen Forums der Deutschen aus dem Banat (DFDB) auf die Reportagenserie der Journalistin Grete Lambert „Durch die deutschen Heidedörfer des Banats" und versuchte dadurch der NBZ einen Maulkorb umzuhängen. Wie lange brauchen noch DFDB-Funktionäre, um wahrzunehmen, daß auf dem „sinkenden Schiff" in den Kabinen (den letzten Schwabenhäusern) nun auch schon die letzten Lichter gelöscht werden? Statt der Reporterin ein Lob für die „letzten Lageberichte über die Heimkehr des Volksstammes der Banater Schwaben" auszusprechen, findet er nichts besseres als Kritik zu üben, wie es noch vor nicht langer Zeit auf Parteisitzungen üblich war. Oder hatte er seinem Vorredner auf der DFDB-Vertreterversammlung nicht zugehört?

„Jo, wann mehr so zruckdenkt, scheen war's selmols (in Bogarosch - Anm. d. Verf.). Heit steht die Kerch halb verfall im mitte Dorf, zwaa oder drei Weiwer kumme sunntachs zur Meß, die Orgel, ich menn, die is ingeroscht, un de Pharre predicht anerschtwu. Nor Mittach un Betloch werd gelitt, hie un do, wann mehr heert, daß eener in Deitschland gstorb is, git's Ziehglockl gezoo for daß die arm Seel ihre Ruh finne soll". So beschrieb eine Banatschwäbin, die in der alten Heimat verblieben ist, im September 1992 in der „Pipatsch" Nr. 1034 unter dem Pseudonym „'s Helli aus Bogarosch" das „Lichterlöschen" aus ihrem Heimatort. Eine schmerzhaftere Schilderung des Aussterbens eines einst blühenden Schwabendorfes kann es wohl nicht geben. Wollte Herr Singer auch diese auf dem „sinkenden Schiff" verbliebene Banater Schwäbin in seiner Ansprache rügen?

„Als ich nach einer fast zweijährigen Abwesenheit vor ein paar Tagen nach Bogarosch kam, machte das Dorf einen fast unbewohnten Eindruck auf mich. Die Mehrheit der Deutschen sind schon lange ausgewandert, das was geblieben ist, sind nur noch die trostlos aussehende Kirche, ein verlassener Friedhof und viele verfallene Häuser, die dem Dorf ein düsteres Aussehen verleihen. Hie und da kann man noch ein 'Grüß Gott' wahrnehmen". Mit diesen Wörtern schilderte Simone Alba vor fast einem Jahr das, was Bogarosch einmal war. Für Herr Singer könnte dies vielleicht „antipatriotische Propaganda" bedeuten, für die aber, die mit schmerzvollen Herzen ihr Haus und Hof für immer verlassen mußten, um als Deutsche leben zu können, für die sind die obigen Auszüge eine traurige aber leider auch wahre Geschichtschronik.

In Bogarosch (heute Bulgarus; ung.: Bogáros), ein Dorf das zur Gemeinde Lenauheim gehört, verzeichnete man im März 1990 noch 100 NBZ-Abonnenten. Ein Jahr zuvor zählte man hier noch etwa 200 Deutsche, im September 1992 mußte man diese, laut G. Lambert, nur „noch suchen". Sie sollten damals in 25 Familien gelebt haben, meist in Mischehen. In der Kirche hielt der Lowriner Pfarrer jeden zweiten Sonntag die hl. Messe für ungefähr zehn Leute, die meist römisch-katholische Rumänen oder Zigeuner sind. Für die Bodenzuteilung hat eine einzige deutsche Familie den Antrag gestellt, aber auch diese will nach Deutschland ausreisen. Daß es keinen deutschen Kindergarten, keine deutsche Schule und keine deutsche Veranstaltungen mehr gibt, ist heute schon selbstverständlich.

Was in Bogarosch aber am meisten schmerzt, ist die mutwillige (vielleicht auch gezielte) Zerstörung der schmucken Schwabenhäuser. Die vielen Zigeuner, die nun im Dorf leben, beziehen und vernichten ein Haus nach dem anderen. Sie verheizen im Winter Türen- und Fensterstöcke, aber auch den Fußboden und zuletzt die Dachstühle. Im Frühjahr verlangen sie und bekommen auch das nächste Schwabenhaus, es muß aber immer das größte sein. Man kennt eine Zigeunerfamilie, die sechs Häuser zerstört hat, und nun das siebte bekommen und bezogen hat. Ceausescu könnte jetzt seine Nachfolger sogar im Grab beneiden. Seine Dorfzerstörungspläne werden nun ohne Bulldozer und vor allem ohne internationale Aufregung langsam aber sicher durchgeführt.

Grete Lambert berichtet in ihrer Reportage auch über einen Ausnahmefall. Eine Mutter ist mit ihrem Sohn aus Deutschland zurück nach Bogarosch gekommen, dies könnte aber im Dorf kaum Aufmerksamkeit erregt haben, weil von den bis zur Zeit im Dorf verbliebenen Banater Schwaben, die sich doch für die Aussiedlung entschlossen haben, bei ihrem Vorhaben bleiben werden.

Sollten aber für Herrn Singer die oben genannten Autoren und meine Wenigkeit nur „Panikmacher" sein, so möchte ich ihm die rumänische Tageszeitung „Timisoara" (Temeschburg) Nr. 20 (681) vom 30. Januar 1993 empfehlen. Dort stehen Schlagzeilen, wie „Banater Dörfer in der Gefahr zerstört zu werden", „Die Häuser der Deutschen sind zu Ruinen geworden" oder „Die von Deutschen entvölkerten Gemeinden zerfallen" aus der Feder rumänischer Journalisten. Hoffentlich schenkt Herr Karl Singer wenigstens denen ein wenig mehr Glauben.

Juni 1993                                                                                      Anton Zollner
 
 

„Schein-Kirchweih" in Bogarosch

„14. August 1994. Blasmusik erklingt. Bogarosch feiert sein 220. Jubiläumfest.", „Wieder 'Kerwei' in Bogarosch", „Elf Trachtenpaare". Mit diesen Schlagzeilen erweckte die „Banater Zeitung" (eine Beilage der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien" - ADZ) vom 17. August 1994 den Eindruck, daß Bogarosch noch immer ein banat-schwäbisches Dorf auf der Banater Heide sei.

Die Wirklichkeit ist aber eine ganz andere. Die Kirchweih, die in Bogarosch gefeiert wurde, als noch über 92 Prozent der Dorfbewohner Deutsche waren, gehört schon längst in die Dorfchronik. Ja sogar die Kirchweih, die hier stattfand, als vor etwa 17 Jahren von 2.559 Dorfbewohnern noch 1.125 (also etwa 44 Prozent) Deutsche waren, ist nur noch Erinnerung. Vor zwei Jahren lebten Deutsche nur noch in 25 Familien, die meisten davon in Mischehen. Erstaunlicherweise bekannten sich bei der Volkszählung von vom 7. Januar 1992 wieder 125 Personen zum Deutschtum. Aber auch das wären dann nur noch magere 7 Prozent der Dorfbewohner gewesen. Angenommen, daß diese alle auch wirklich Deutsche wären, und daß inzwischen keiner von ihnen ausgewandert ist, so wäre dennoch die Idee, eine wahre Kirchweih zu organisieren eine reine Utopie. Da wird mir wahrscheinlich jeder Kenner des banat-schwäbischen Dorfes auch zustimmen.

Von wo konnte man aber die elf Trachtenpaare aufbringen, wenn es im Dorf nur noch eine Restbevölkerung von bestimmt weniger als hundert deutsche Seelen gibt, die sich alle im Seniorenalter befinden? Neun der elf Paare wurden von der Tanzgruppe „Banater Rosmareiner", deren Mitglieder in ihrer überwiegender Mehrheit keine Deutsche sind, „ausgeliehen". Die zwei „einheimischen" Paare bleiben ein Rätsel. Im Kirchweihzug, der nach neun Jahren wieder durch die Dorfstraßen marschierte, sollen aber auch Deutsche gewesen sein. Von allen wurde aber nur einer genannt; es war Alfred Szilier, der Anführer des Zuges, den man in Bogarosch als „Kerweinarr" bezeichnet. Weitere Hauptpersonen im Kirchweihzug, deren Namen genannt wurden, sind das erste Geldherrenpaar Doru Neamtu (durch Zufall heißt dies zu deutsch: Doru der Deutsche!) mit Michaela Marcus und das zweite Geldherrenpaar Nina Ciuca mit Gabriel Ratoi (zu deutsch: Gabriel der Enterich). Also, wie es im Banat heißt, „alle echte Schwaben" (Toti svabi get-beget!). Den Kirchweihstrauch schmückte Veronika Ciuca und die Märsche wurden von der Rekascher Blaskapelle geblasen. Ob aber in ihr außer dem Kapellmeister Mathias Henschl auch andere Deutsche noch mitwirkten, ist nicht bekannt.

Auch der Festgottesdienst, der von den Pfarrern Josef Demeter aus Lowrin und Eugen Budau aus Jassy (aus der Moldau) zelebriert wurde, war von den „neuen Zeiten" gekennzeichnet. Da hier schließlich doch eine banat-schwäbische Kirchweih dargestellt werden sollte, wurde die Kirchweihpredigt von Ignaz B. Fischer gehalten. Die Orgel wurde vom Lowriner Leonhard Kirsch gespielt.

Wer waren nun die Teilnehmer dieser Kirchweih? Die Journalistin der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien" Helen Alba gibt Auskunft darüber. Nach ihr sollten aber „schon in den frühen Morgenstunden ... sich Busse und Kleinwagen über die holprige Landstraße (geschlängelt) haben". Wie viele von diesen das D-Zeichen trugen, ist auch unbekannt. Wer waren aber die Teilnehmer aus dem einst banat-schwäbischen Dorf? Das konnten höchstens 1.377 Rumänen, 18 Ungarn, 3 Serben, 219 Zigeuner, 12 Sonstige und natürlich das, was von den 125 „Deutschen" nach zweieinhalb Jahren noch übrig geblieben ist, gewesen sein. Anders ausgedrückt: Schwowische Kerwei, „get-beget"!.

Dafür waren aber viele prominente Gäste dabei: Karl Binder (gemeint war wahrscheinlich Karl Singer) - Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen im Banat (DFDB), Uwe Zorn - Leiter der Temeschburger Außenstelle des Deutschen Konsulats aus Hermannstadt, Ignaz B. Fischer - Vorsitzender des Vereins der ehemaligen Rußlanddeportierten, Walter Jass - stellvertretender Vorsitzender des DFDB und Redakteur der ADZ, Michael Szellner - stellvertretender Vorsitzender des DFDB, Manfred Engelmann vom West-Ost-Kulturwerk Bonn und Pompilia Szellner vom Arbeitskreis Banat-JA. Anwesend waren aber auch die „Vertreter der Massenmedien", die vermutlich den „wichtigen" Auftrag erhalten haben, ein „Bild des blühenden banat-schwäbischen Dorfes und das einer lebensfähigen deutschen Minderheit aus Rumänien" in alle Himmelsrichtungen zu verbreiten. Die Ruinen der einst stolzen deutschen Bauernhäuser und die vom Aussterben bedrohte deutsche überalterte und perspektivlose Rest-Dorfgemeinschaft sollten ein Geheimnis bleiben.

August 1994                                                                                 Anton Zollner
 
 

Wird die Bogaroscher Kirche dem Verfall preisgegeben?

Bogarosch (heute: Bulgarus, ung.: Bogáros) liegt auf der Banater Heide, etwa 5 Kilometer links von der Nationalstraße DN 6 Temeschburg - Groß-Sankt-Nikolaus (zwischen Alexanderhausen und Lowrin) entfernt. Diese „asphaltierte" Verbindungsstraße befindet sich aber seit Jahren in einem sehr schlechten Zustand. Auch die Kommunalstraße die zum Gemeindezentrum Lenauheim führt, ist wegen ihres äußerst schlechten Zustands kaum befahrbar. Bogarosch ist auch an das Eisenbahnnetz angeschlossen, da die Strecke Hatzfeld - Lowrin neben dieser Ortschaft verläuft. Im Frühjahr 1997 wollte man aber den Verkehr auf dieser Strecke wegen Unrentabilität einstellen.

Bogarosch ist schon 1462 als „praedium Bogáros" dokumentarisch belegt worden, aber während der Türkenherrschaft wurde es zu einem öden Landstrich. 1769 sind hier Deutsche aus Lothringen, aus Luxemburg, aus der Pfalz, aus dem heutigen Saarland und aus vielen anderen Regionen des süddeutschen Raums angesiedelt worden. 1890, als Bogarosch selbst Gemeindesitz war, belief sich die Zahl seiner Einwohner auf 3.130, die in ihrer überwiegenden Mehrheit Deutsche waren. 1910 stellten die 2.462 Deutschen einen Bevölkerungsanteil von über 93 Prozent. Bis zum 2. Weltkrieg sank diese Zahl nur um etwa 200, wobei ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung erhalten blieb. 1940 lebten im einstigen Schwabendorf 2.269 Deutsche, 23 Rumänen und 140 Sonstige. Nach dem Krieg sank die Zahl der Deutschen ständig bis heute, dafür stieg aber die Zahl der zugewanderten Rumänen. 1950 hatten die 1.611 Deutschen nur noch einen Bevölkerungsanteil von 49,2 Prozent, die Zahl der Rumänen stieg zugleich auf 1.434. Bei der Volkszählung von 1977 zählte man hier noch 1.125 Deutsche, die neben 1.286 Rumänen, 117 Zigeunern und 31 Sonstigen lebten. In den nächsten 15 Jahren halbierte sich die gesamte Einwohnerzahl auf 1.754 Personen. Zum Deutschtum bekannten sich diesmal nur noch 125 Personen; die Zahl der Rumänen betrug 1.377 und die der Zigeuner stieg auf 219. Es scheint aber, als wären nicht alle, die sich zum Deutschtum bekannten, auch deutsche Volkszugehörige gewesen. Laut Angaben der Heimatortsgemeinschaft Bogarosch sind bis Februar 1996 noch 26 Deutsche im Heimatort verblieben, unter diesen befanden sich auch 6 gewesene Rußlanddeportierte.

Das laut Karl Kraushaar 1769 neuangesiedelte Dorf bestand aus 201 Kolonistenhäusern. Ein Jahr später, 1770, wurde hier die Pfarrei gegründet und gleichzeitig sind auch die Matrikelbücher eingeführt worden. Den Gottesdienst hielten die Bogaroscher Kolonisten anfangs in einem aus Holz errichteten Bethaus ab. Wie die „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien" (ADZ) im August 1997 berichtete, ist der Bau der heutigen Kirche 1773 von der Kameralherrschaft der Gemeinde Bogarosch beschlossen worden. Am 15. Oktober 1773 hatte man das Fundament ausgemessen, und danach begann man mit den Bauarbeiten, die 1774 abgeschlossen wurden. Am 1. November desselben Jahres ist die Kirche vom Ehrendomherren und Neu-Beschenowaer Pfarrer Georg Joh. Franz Gliubichich zu Ehren Mariä Himmelfahrts geweiht worden. Der Hauptaltar ist 1792 vom Groß-Jetschaer Bildhauer Konrad Staud angefertigt worden, der später auch die Seitenaltäre schuf. 1797 folgte die Vergoldung des Hauptaltars, 1806 ist der Fußboden der Kirche mit „Kehlhammer"-Platten ausgelegt worden, und 1859 erweiterte man den Kirchenbau mit den beiden Seitenschiffen. Die Turmuhr ist schließlich 1880 aus München angeschafft worden.

Die letzte Bogaroscher „Kerwei" ist hier 1994 auf einer besonderen Art gefeiert worden; seitdem ist es um die paar alten und in Mischehen lebenden Deutschen still geworden. 1997 zelebrierte der Lowriner Pfarrer Hans Ghinari für die wenigen Katholiken nur noch an jedem zweiten Sonntag den Gottesdienst. Nach zahlreichen Kircheneinbrüchen, die seit dem Zusammenbruch des Kommunismus im Banat verübt wurden, sollten alle Wertobjekte (Kelche, Heiligenbilder, Statuen, Kerzenleuchter, Altardecken, usw.) der banater Dorfkirchen im Temeschburger Bischofspalais sicher gelagert werden. Die Bogaroscher Katholiken weigerten sich, dieser Sicherungsmaßnahme Folge zu leisten und sicherten die Kirche nach ihrem Wissen mit Schloß, Riegel und Stützbalken. Wie die ADZ im September 1999 berichtete, ist in der Bogaroscher Kirche wieder ein Diebstahl verübt worden. Die Diebe sind diesmal gefaßt worden, aber das Diebesgut konnte nicht mehr sichergestellt werden.

Heute steht die Kirche verwahrlost in der Dorfmitte und ist dem Verfall preisgegeben. Die Außenwände bröckeln ständig, da man wegen Mangels an Geldern nicht einmal die einfachsten Reparaturen verrichten kann. Die Innenwände sind feucht und schimmlig, der Glockenturm ist von Wildtauben belagert, und die Turmuhr ist schon seit langem stumm geworden. Soll es wirklich niemanden mehr geben, der den Verfall der Bogaroscher Heimatkirche aufhalten könnte?

Aber auch sonst könnte ein gewesener Bogaroscher sein einst schmuckes Schwabendorf nicht wiedererkennen. Die meisten Häuser sind mit grellen Farben gestrichen worden. In den Höfen herrscht eine vorher unvorstellbare Unordnung. Auf den Dorfstraßen sieht man nur noch fremde Gesichter und ein paar schmutzige Kinder wild toben. Nachts werden die Dorfstraßen gar nicht mehr beleuchtet. Die etwa zwei Dutzend Deutsche, die nun in allen Straßen der Ortschaft vereinzelt und verstreut leben, sind regelrecht zu Fremden im eigenen Heimatdorf geworden.

November 1999                                                                                                   Anton Zollner