DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (14)
B  i  l  l  e  d

Billiet, wie diese Ortschaft bis Mitte des 19. Jahrhunderts hieß, ist 1765 als erste große Dorfsiedlung auf der Banater Heide mit Deutschen angesiedelt worden. 1770 zählte man infolge der vielen Sterbefälle erst 1.003 deutsche Einwohner, zehn Jahre später waren es aber schon 1.506 und 1811 sogar 2.590. Die höchste Einwohnerzahl erreichte Billed 1890 als von 4.978 Einwohnern 4.816 Deutsche waren. Danach sank die Zahl der Einwohner ständig, insbesondere aber die der Deutschen. Von 3.455 Deutsche, die 1940 hier registriert wurden, blieben bis 1971 noch 2.390, und 1979 zählte man bei etwa 4.600 Einwohnern nur noch etwa 1.600 Deutsche.

Im Frühjahr 1990 wurden in Billed noch 142 „Neue Banater Zeitung" (NBZ)-Abonnenten gezählt, und damit waren die Billeder in dieser Hinsicht an 4. Stelle unter den ländlichen Ortschaften des Kreises Temesch. Zugleich lebten hier noch 702 Deutsche in 174 Familien. Von den etwa 500 Russland-Deportierten lebten in Billed noch 90. Bis September desselben Jahres, also innerhalb von sechs Monaten sank die Zahl der Billeder Deutschen um 500 Personen auf etwa 200. Diese Zahl blieb bis September 1991 unverändert.

In jenem Jahr 1991, hatte Billed im Monat März sogar noch einen deutschen Bürgermeister, Tiberius Neu. In einem Interview mit der rumänischen Zeitung „Timisoara" beschrieb dieser und sein Vize die damalige Lage wie folgt: " Es wird ein großer Mangel an Wohnungen festgestellt. 80 Anträge auf Wohnungen konnten nicht mehr erledigt werden". Aus dem Interview sind aber die Ursachen dieser Wohnungsnot nicht zu erkennen. Meines Erachtens kann man sie nur mit der massiven Zuwanderung von Menschen aus anderen Landesteilen erklären. Ansonsten hatte vor der Auswanderung der Deutschen kein Dorfbewohner den Anspruch auf eine staatliche Wohnung gehabt. Anderseits werden die knapp vorhandenen (deutschen) Wohnräume von den Zugereisten zweckentfremdet und beschädigt. Als Beispiel wird ein gewisser Nuta genannt, der in den Zimmern des Hauses mit der Nummer 237, das ihm vermietet wurde, Getreide und Viehfutter lagerte. Im Bad hatte er einen Hühnerstall eingerichtet, wozu er die Badewanne und das Waschbecken entfernte. Dadurch entstand ein Schaden von über 10.000 Lei (Stand: März 1991).

Der Vizebürgermeister Gheorghe Serban klagte besonders über die erschreckend vielen Diebstähle. Am hellen Tag stehle man die Früchte vom Feld, Viehfutter und nicht zuletzt sogar Tiere aus dem Stall. Die Zigeuner bereiteten dem Gemeinderat besonders viele Sorgen. Sie stählten Fahrräder (sogar die, die vor dem Gemeindehaus abgestellt sind), brachen in Läden und Gaststätten ein und leerten sogar Hühner- und Schweineställe der Dorfbewohner. Selbst dem Vizebürgermeister stahlen sie vor Weihnachten seine drei Schweine aus dem Hof.

Besonders erfreut erzählen die Interviewten über ihre Kontakte mit der österreichischen Patenortschaft Bürmos. Dank dieser Patenschaft erhielten die Billeder aus Bürmos die Ausstattung einer Zahnarztpraxis, einen Rettungswagen, sieben Schreibmaschinen für das Gemeindehaus und eine Waschmaschine für den Kindergarten. Auch die österreichische Raiffeisenbank schenkte der Gemeinde einen neuen Rettungswagen und ein Paket von sieben Millionen Schilling für Investitionen im Privatsektor. Damit sollte in Billed eine Autoservice-Werkstatt, eine Metzgerei, ein Mini-Schlachthaus, eine Schusterei, ein Supermarkt, eine Bäckerei, eine Tischlerei und Uhrenwerkstatt eingerichtet werden. Ja, sogar eine gemeinsame Bank sollte noch ins Leben gerufen werden. Was aus alldem auch verwirklicht wurde, ist dem Verfasser dieses Beitrags nicht bekannt. Dass sich aber bei der Volkszählung vom Januar 1992 in der Gemeinde Billed (mit den Dörfern Alexanderhausen und Neusiedel a. d. Heide/Uihel) 370 Personen (davon 251 in Billed) zum Deutschtum bekannten, das ist gewiss.

Dies könnte auch der Grund dafür sein, dass bei den Kommunalwahlen von 1992 vier Kandidaten des Demokratischen Forums der Deutschen in den Billeder Gemeinderat gewählt wurden: Adam Csonti, Brunhilde Klein, Mariechen Sandor und Josef Hahn. Man ist besonders stolz darauf, dass bei den Wahlen die Deutschen aus Billed bei einem Bevölkerungsanteil von nur 5 Prozent, doch 35 Prozent der Stimmen erhielten. Laut eines Berichts von Grete Lambert in der NBZ soll das Billeder Forum, dessen Vorsitzender der 35-jährige Adam Csonti ist, eines der ersten Ortsforen des Banats sein. Der Sitz des Forums soll nun zur Begegnungsstätte aller Billeder geworden sein, unabhängig von ihrer Nationalität. 1992 soll es auch deutsche Abteilungen im Kindergarten und in der Schule gegeben haben, und man rechnete sogar mit Nachwuchs für die nächsten drei bis vier Jahre.

Man gründete hier auch einen Landwirtschaftsverein, aber von einem genossenschaftsähnlichen Zusammenschluss wollen die Billeder aus ihren Erfahrungen in der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft ( LPG) nichts mehr wissen. Im Februar 1992 wurde in Billed auch die Privatkonditorei „Astrid" eröffnet, deren Eigentümerin die Gemeinderätin Brunhilde Klein ist. Hier werden neben Torten, Kleingepäck, Eis, Fruchtsäften, Cola und Kaffee auch Fleisch- und Gemüsekonserven, Alkohol und Zigaretten angeboten.

Wie man sieht, stellt Billed noch eine Ausnahme auf dem „sinkenden Schiff" dar. Man fragt sich nur: „Wie lange noch?".

Oktober 1993                                                                                                         Anton Zollner
 
 

Zwei Jahre nach der Wahl

Es scheint als wäre das einstige „Billiet" auch heute noch von seinen einstigen Bewohnern geprägt geblieben. Nach der Statistik von 1992 wäre Billed die viertstärkste ländliche Ortschaft des rumänischen Banats, nach Triebswetter, Perjamosch und Lowrin, was den Anteil der dort verbliebenen deutschen Bevölkerung betrifft. Noch im Februar 1994 schrieb Cornel Rácz in der Wochenschrift „Timisoara international" eine Reportage über den 68-jährigen Billeder Peter Trendler. Der Reporter bewunderte besonders das Heim des Banater Schwaben: ein Haus in grüner und gelber Farbe, einen gepflasterten Hof mit den vier Tannen, die alle zusammen ein Hauch von Tiroler Luft vermitteln. Nun ist er seit den Dezemberereignissen von 1989 LPG-Rentner. Da ihm laut Bodengesetz 10 Hektar Boden zugeteilt wurde, verpachtete er diesen für fünf Jahre an die Firma „Löblein GmbH". Dasselbe taten abgesehen von zwei Ausnahmen auch die anderen im Dorf verbliebenen Deutschen.

Ansonsten hatte Trendler das gleiche Los wie die meisten seiner Landsleute: nach fünfjähriger Russland- und vierjähriger Baragan-Deportation kehrte er in sein Heimatdorf zurück. Heute bewahrt er für alle Billeder Landsleute die Unterlagen der zwei Verschleppungen auf und korrespondiert mit fast allen über 3.300 Billedern, die in sieben Ländern der Welt verstreut sind. Seit 1970 führt er jährlich die Zählung der " Billeder" Störche durch. Jedes Jahr kommen sie hier zwischen dem 24. und 26. März an.

Für eine Ausreise hat er sich noch nicht entschlossen, weil er nicht möchte, dass seine Tochter und sein Schwiegersohn einen guten Arbeitsplatz für eine Arbeitslosenhilfe aufgeben sollen. Ans Auswandern denkt auch die Kindergärtnerin Roswitha Csonti nicht, wie die „Banater Zeitung" (eine Beilage der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien") vom 23. März 1994 berichtet. Im Februar 1991 gründete sie eine deutsche Kindergartengruppe, bestehend aus 25 Kindern. Von den 3- bis 4-Jährigen tragen nur zwei deutsche Namen, und drei weitere sind deutscher Abstammung.

In Billed gibt es laut derselben Pressemeldung auch eine deutsche Grundschulabteilung; die 21 meist nichtdeutschen Schüler werden von den Lehrern Gabi Sorca und Walter Billi unterrichtet. Hauptsächlich geht es um den Wunsch der Eltern, ihre Kinder mal Deutsch studieren zu lassen.

Anlässlich des zweiten Jahrestages der ersten annehmbar demokratischen Kommunalwahlen publizierte die Tageszeitung „Timisoara" vom 19. April 1994 einen Jubiläumsartikel, in dem der Billeder Bürgermeister Vladimir Huidan, eine kleine Bilanz präsentiert. Eine ausführlichere Bilanz könnte er als jüngstes Temescher Gemeindeoberhaupt, der erst seit dem 1. Februar d. J. im Amt ist, nicht vorlegen. Sein Amtsvorgänger Sabin Costar befindet sich wegen „Amtsmissbrauch und Bestechungsaffären" in polizeilicher Untersuchungshaft. Huidan gehört einer der drei rumänischen Kolonistenfamilien an, die 1945 aus der Dobrudscha nach Billed gekommen waren. Der gelernte Kaufmann kandidierte 1992 als „Unabhängiger" auf der Liste der Christlich-demokratischen Nationalen Bauernpartei für das Amt der Vizebürgermeisters.

Als „Erfolge" dieser zwei Jahre kann der Bürgermeister nur 180 m Gehsteig vorzeigen, wofür man eine Million Lei Finanzierung erhielt. Ansonsten geht es der Gemeinde mit den zwei dazugehörenden Dörfern Alexanderhausen und Uihel finanziell sehr schlecht: bei fast 5 Millionen Lei Einnahmen verbucht man im Gemeindebudget über 10,5 Millionen Lei Ausgaben. Ohne Subventionen könnte die Gemeinde nicht existieren. Dabei warten in Billed über 400 Antragsteller seit Jahren auf einen Anschluss an das in Alexanderhausen (heute: Sandra) erzeugte Sondengas. Im Wege steht nur die Erteilung einer Genehmigung aus ... Bukarest. Für einen Wasserturm fehlen die Gelder. Die „Privatisierung" äußert sich im Ort mit 24 Gaststätten, 5 Gemischtwarenläden und einer Metzgerei. Ansonsten gibt es hier noch die Hanfrösterei und die Ziegelfabrik ( als Abteilung des Temeschburger staatlichen „Extraceram"-Betriebs). Von den 1.500 neuen Bodenbesitzern sind nur 700 im Besitz ihrer Eigentumsurkunden. Ein Teil von ihnen trat einer der zwei Landwirtschaftsvereine bei, die Einzelbauern sind im Besitz von 60 Traktoren, 3 Mähdreschern und 5 Lkw-s. Die Telefonzentrale verfügt über 400 Anschlüsse, was 11,6 Anschlüsse je 100 Einwohnern gleichzusetzen ist. Für rumänische Verhältnisse, wäre dies im Falle der ländlichen Ortschaften nicht als „besonders schlecht" zu bezeichnen. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es auch nicht, nicht einmal ein Rettungsauto für das Gemeindeambulatorium. Zwar hat die österreichische Partnergemeinde Bürmos den Billedern einen Rettungswagen geschenkt, aber die Gemeinde verfügt nicht über das nötige Geld, um einen Fahrer zu bezahlen.

In einer besonders schlechten Lage befinden sich die enteigneten deutschen Häuser. „Ihr Zustand ist unter jedwelcher Kritik", sagte der Bürgermeister. Seit zehn Jahren werden keine Reparaturen durchgeführt werden, weil diese Häuser praktisch gar keinen Eigentümer haben.

Über die wirkliche Zahl der in Billed verbliebenen Deutschen kann man leider auch aus dem Jubiläumsartikel nichts erfahren. Die bei der Volkszählung von 1992 ermittelte Zahl von 251 Deutschen ist ganz bestimmt zu hoch, aber bei nur 40, wie die Tageszeitung „Timisoara" schreibt, kann sie auch nicht liegen. Die tatsächliche Zahl erstreckt sich eher zwischen 150 und 200. Anschließend äußerte sich der „unabhängige" Bürgermeister, wie folgt: „Es tut uns leid, dass die Deutschen gegangen sind. Sie waren doch so pünktlich, ernst, anständig und besonders ordentlich". Es ist nur schade, dass man dies erst nach der fast totalen Auswanderung der Banater Schwaben erkannt hat.

Oktober 1994                                                                                                          Anton Zollner
 
 

Demokratie auf Rumänisch

Von der Dezentralisierung des öffentlichen Lebens, die 1992 vor den Wahlen versprochen wurde, ist in Rumänien bis heute nichts zu merken. Die gesamte territorial-administrative Macht geht noch immer nur von  der Hauptstadt Bukarest aus. Das Lokalbudget besteht nur aus den von der Regierung zugeteilten Mitteln. Versuche zur Errichtung einer Lokalautonomie werden sofort  im Keime erstickt. Die Bestrebungen für eine Selbstverwaltung im Banat und in Siebenbürgen wurden gleich verteufelt.

Diese Situation nutzte die neo- und national-kommunistische Regierungskoalition auch ständig aus, um auf Lokalebene ihre Gegner schnellstens auszuschalten. Auf Kreisebene hatte man schon in den ersten Jahren nach den Dezember-Ereignissen von 1989 für „Ordnung“ gesorgt. Die von der Bevölkerung gewählten Präfekten wurden von der Regierung abgesetzt, seitdem werden sie nur noch von der Regierung ernannt und haben den Status eines Gouverneurs. Gewählt wird lediglich der fast machtlose Kreisrat. So kommt es, dass die Opposition hauptsächlich nur auf Kommunalebene vertreten ist.

Nun greift die Macht auch in diesem Bereich ein, indem die Regierung aufgrund der Empfehlung des Präfekten  die „ungeliebten“ Bürgermeister und Gemeinderatsmitglieder  absetzt oder zum Rücktritt verleitet. Bis jetzt wurden in Rumänien  133 Bürgermeister und 98 Gemeinderatsmitglieder abgesetzt. Hinzu kommen noch 264 Bürgermeister, die aus „persönlichen Gründen“ zurückgetreten sind.

Im Landkreis Temesch mussten 15 Bürgermeister, 11 Gemeinderatsmitglieder und ein kompletter Gemeinderat ihre Stühle freimachen. Interessant ist aber, dass von den Bürgermeistern 14 der Opposition angehörten und nur einer der Regierungspartei.  Von den gewesenen deutschen Dörfern blieben folgende ohne Gemeindeoberhaupt: Billed, Orzydorf, Bruckenau, Rekasch, Sankt-Andres (mit zwei Rücktritten), Marienfeld (Hartwig Junker, einer der drei deutschen Temescher Bürgermeister – er trat zurück) und Neuburg a. d. Bega / Uiwar sowie auch Girok und Giroda mit nur wenigen Deutschen. Der einzige regierungstreue Bürgermeister aus Jahrmarkt wurde wegen Randalierens und übermäßigen Alkoholgenusses zur größten Freude der Bürger abgesetzt. Die elf Gemeinderatsmitglieder, die alle der Opposition angehörten, wurden wegen „verschiedenen Gesetzesübertretungen“ abgesetzt.

Auch in Billed wurde der gesamte Gemeinderat offiziell abgesetzt, die Wirklichkeit sieht aber ganz anders aus. Nachdem der oppositionelle Bürgermeister Sabin Costar seines Amtes enthoben wurde, übernahm sein Vize Vladimir Huidan die Leitung der Gemeinde, dem aber im Amt viele Machenschaften nachgewiesen wurden. Diese wurden dann nicht nur dem Präfekten, sondern auch dem Demokratischen Forum der Deutschen im Banat (DFDB) zur Kenntnis gebracht. Vier Gemeinderatsmitglieder, Adam Csonti, Brunhilde Klein, Maria Sandor und Josef Hahn wurden nämlich als Vertreter des DFDB in den Rat gewählt. Da dann doch keine Maßnahmen getroffen wurden, weigerten sich 10 von den 15 Mitgliedern des Gemeinderates ab August 1994, an den Sitzungen teilzunehmen. Erst nach dieser Protestaktion wurde der gesamte Gemeinderat amtlich aufgelöst.

Sehr aufschlussreich sind aber einige Äußerungen der DFDB-Ratsmitglieder. So erklärte Adam Csonti, der Vorsitzende des Ortsforums der Deutschen: „Ich bin zur Schlussfolgerung gekommen, dass eine Minderheitenorganisation im DEMOKRATISCHEN Rumänien nicht viel zu sagen hat. ( ... ) Es kam soweit, dass wir Deutschen dem Gemeinderat ein Dorn im Auge sind“. Brunhilde Klein äußerte sich noch klarer: „Es ist soweit gekommen, dass wir Deutsche neidisch angesehen werden. Und das altbekannte „Nemtii“ ist wieder in der Dorfgemeinschaft für uns (Deutschen) gebräuchlicher Ausdruck“. Beide klagten, dass sie als Eigentümer einer Schneiderei bzw. einer Konditorei nun auch von ihren bisherigen Kunden gemieden werden. Sie sind zwei von denen, die den „Neuanfang“ in der alten Heimat gewagt hatten.

Mai 1995                                                                                                                          A-Z
 
 

Der älteste Schwabe aus Billed

Der rumänische Journalist Valentin Samânta veröffentlichte vor etwa einem Jahr seine Reportagen über die gewesenen banat-schwäbischen Dörfern in der oppositionellen Tageszeitung „Timisoara". Nun schrieb er wieder eine Reportage über den ältesten Deutschen aus Billed, diesmal in der 3. Ausgabe der neuesten Zeitung des Banats, in der „Paralela 445 - Realitatea banateana" (Breitengrad 45 - Banater Realität), die nach einem internen Streit in der Redaktion der nationalistisch orientierten „Renasterea banateana" (Banater Wiedergeburt) entstanden ist.

Das Ziel seines Besuches war das Haus, auf dessen Giebel „Heinrich und Katharina Szlawik - 1939" geschrieben steht. Es besteht wie die meisten banat-schwäbischen Häuser aus drei Zimmern, der Küche, das Bad, der „Speiß" (Lebensmittelkammer) und dem Keller. Das Haus wird aber nur noch von zwei Personen bewohnt, vom 93-jährigen Heinrich Szlawik, dem ältesten Schwaben aus Billed und von seiner 68-jährigen Tochter Maria Szlawik. Sowohl die Tochter als auch ihre beiden Eltern überlebten die Russland-Deportation und danach die Verschleppung in die Baragan-Steppe. So ist es auch nicht zu staunen, dass beide von Krankheiten gekennzeichnet sind. Heinrich Szlawik ist ein unheilbarer Pflegefall. Er ist wegen einer multiplen Sklerose bettlägerig. Maria Szlawik, die ihren Vater pflegt, kann sich nur mit Hilfe von Krücken fortbewegen.

Als Entschädigung für das große Leiden, das die zwei betagten, in der alten Heimat verbliebenen Banater Schwaben während der Verschleppung ertragen mussten, bekommen sie jetzt monatlich insgesamt 20.000 Lei (das sind etwa 15 DM). Zum Glück erhielten die beiden durch das Bodengesetz 10 Hektar Ackerland, das sie zur Bearbeitung einem landwirtschaftlichen Verein übergeben haben. Dafür bekamen sie vom Verein im vorigen Jahr 300 kg Weizen pro Hektar (!) von einem Ertrag von etwa 5.000 bis 6.000 kg pro Hektar Boden, also ungefähr 5 Prozent von der Ernte. Damit können sie aber für ihre eigene Versorgung Schweine, Puten, Hühner, Gänse und Enten halten. Das ist eben das Beste, das die in Rumänien „stabilisierten" Deutschen erwarten kann.

Juni 1995                                                                                                              Anton Zollner
 
 

Noch immer Kirchweih und Handballturniere

Auf der Banater Heide, etwa 28 km nordwestlich von Temeschburg, liegt eines der einst größten Schwabendörfern des Banats, Billed (heute: Biled). Das 1765 als Musterdorf neuerrichtete „Billiet“ ist laut Karl Kraushaar von Kolonisten aus Sachsen, Luxemburg, Lothringen und aus dem Trierischen angesiedelt worden. Sie sind in 252 Kolonistenhäusern einquartiert worden. Die Ortschaft wird von der Nationalstraße DN6 Temeschburg – Szegedin durchquert, aber einen Anschluss ans Eisenbahnnetz hat sie nicht. In der kommunistischen Epoche, nach der Kollektivierung der Landwirtschaft, hatte man die einstige Szegediner Landstraße „Straße der Millionäre“ genannt. Dies geschah wegen der besonders reichen Erträgen, die die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) aller deutschen Dörfer einbrachten; damals waren die Deutschen auch in den LPGs zumeist noch unter sich.

Bis zum 2. Weltkrieg stellten die Deutschen mit etwa 3.500 Personen schon immer einen Bevölkerungsanteil von über 90 Prozent. Im November 1940 ließen sich hier 3.455 Personen als deutsche Volkszugehörige registrieren. Von da an sank ihre Zahl ständig bis heute. Bei der Volkszählung von 1977 wurden unter den 4.512 Einwohnern noch 1.918 Deutsche gezählt. Damit hatten sie an der Gesamtbevölkerung einen Anteil von 42,5 Prozent. Im Januar 1992 bekannten sich von den 3.458 Einwohnern nur mehr 251 Personen zum Deutschtum. Diese lebten im Heimatort neben 2.828 Rumänen, 218 Ungarn, 139 Zigeunern und 22 Sonstigen. Laut Angaben der Heimatortsgemeinschaft (HOG) Billed waren bis Februar 1996 noch 234 Deutsche im Ort verblieben.

Dank der „hohen“ Zahl der in Billed verbliebenen Deutschen, aber besonders infolge der regen und hingabevollen Tätigkeit des jahrelangen Vorsitzenden des Ortsforums der Deutschen Adam Csonti, wie auch des HOG-Vorsitzenden Peter Krier, wird hier noch das Deutschtum gepflegt. Darüber berichtet regelmäßig nicht nur die deutsche, sondern auch die rumänische Presse des Banats. Vor allem wird hier noch jährlich das Kirchweihfest veranstaltet, das in den letzten Jahren gleichzeitig mit einem Handballturnier stattfindet. Das Turnier erinnert an „gute alte Zeiten“, als im Banat in den schwäbischen Dörfern jährlich für das „Pipatsch“-Pokal diese deutsche Sportart gespielt wurde.

Am ersten September-Sonntag 1996 wurde nach einer neunjährigen Unterbrechung wieder ein Kirchweihfest mit 35 Trachtenpaaren gefeiert. Neben den 11 Billeder Paaren waren auch 7 aus Groß-Sankt-Nikolaus, 8 aus Arad und 9 aus Karlsruhe dabei. Bei dieser Gelegenheit weihte der damalige Diözesanbischof Msgr. Sebastian Kräuter den renovierten  Kalvarienberg ein. Zum Aufmarsch der Kirchweihpaare spielte die Rekascher „Henschl“-Kapelle. An der Spitze des Kirchweihzugs befanden sich die zwei Geldherrenpaare Adelheid mit Norbert Müller und Andrea Banitza mit Ernst Schackmann. „Kerweihväter“, die in Billed „Kerweihnarre“ heißen, waren Erwin Csonti und der aus Deutschland angereiste Michael Fronius. Im Rahmen dieses Festes verlieh der Gemeinderat dem HOG-Vorsitzenden Peter Krier die Ehrenbürgerwürde für die humanitäre Hilfe, die dieser zum Nutzen von Billeder Institutionen und notleidenden Privatpersonen leistete. Nach dem Festgottesdienst fand ein vom Ortsforum der Deutschen organisiertes  Kulturprogramm statt, das mit einem Tanzabend endete.

Am ersten August-Sonntag des Jahres 1997 fand das Doppelfest wieder unter besten Bedingungen statt. Morgens ist die 23. Auflage des „Pipatsch“-Pokals feierlich eröffnet worden. Am Vormittag marschierten die Kirchweihpaare durchs Dorf und luden die Ehrengäste zum Fest ein, die auch am Festgottesdienst in der katholischen Kirche teilnahmen. Für gute Musik zum Kirchweihfest und zum Tanzabend sorgten die Rekascher Blaskapelle und das Orchester des Staatstheaters aus Temeschburg.

Ein Jahr später, 1998, fand, wie schon in den vorigen zwei Jahren, während des Kirchweihfestes wieder das inzwischen erneut zur Tradition gewordene Handballturnier statt, bei dem wieder um den „Pipatsch“-Pokal gekämpft wurde. Diesmal bestand der Kirchweihzug aus 12 Paaren, aber außer der Familie Csonti  hatten sonst nur mehr sechs Trachtenträger einen deutschen Namen. Melitta Csonti mit Elmar Nachram waren das erste und Emese Barta mit Siegfried Lambrecht das zweite Geldherrenpaar. Die Mehrheit der „banat-schwäbischen“ Trachtenträger waren Rumänen. Aus diesem Grund überlegten die Veranstalter des Festes, das in jenem Jahr „Kerweih-Pipatschturnier“ hieß, in Zukunft daraus ein „Dorffest“ zu machen. Das einst größte Fest der Banater Schwaben aus Billed sollte ein Fest aller Billeder und der gesamten Bevölkerung aus der Umgebung werden. Währenddessen sorgte die Rekascher  „Henschl“-Blaskapelle wieder für heitere Walzer- und Polkatakte. Den Festgottesdienst, bei dem auch rumänisch gebetet und gesungen wurde, zelebrierte Ignaz B. Fischer aus Temeschburg. Am Nachmittag zeigte während des Handballturniers die vor kurzem von Edith Barta gegründete Volkstanzgruppe „Heiderose“ ihr Können. Das „Kerweih-Pipatschturnier“-Fest, an dem etwa 2.000 Personen teilgenommen haben sollen (darunter auch Gäste aus Deutschland), endete mit einem Ballabend. Zum Tanz hatte das Orchester des Temeschburger Deutschen Theaters aufgespielt.

Auch im Jahre 1999 behielt die „deutsche“ Veranstaltung „Kerweih-Handballturnier“ ihren Charakter aus den letzten Jahren, auch wenn es einige „Probleme“ gab. Den größten Schlag erhielt man vom Mutterland, das den Geldhahn zugedreht hatte. Trotzdem fand man sowohl im Lande als auch in Deutschland Sponsoren, die das nötige Geld locker machten. Dementsprechend ist das „Pipatsch“-Pokal in „Banat-JA-Handballpokal“ umgenannt worden, das unter der Schirmherrschaft von Jo Leinen (Mitglied des Europa-Parlaments) stattfand. Die Organisatoren erklärten den Tag dieser Veranstaltung zum Aktionstag gegen die damals geplante Schließung des Temeschburger Generalkonsulats der BRD. Am Kirchweihfest nahmen diesmal 27 Trachtenpaare teil, 11 aus Billed und der Rest aus Groß-Sankt-Nikolaus, Arad und Temeschburg, die nach dem Takt der Rekascher Blaskapelle durchs Dorf marschierten und die Ehrengäste zum Fest einluden. Den Festgottesdienst in der katholischen Kirche zelebrierte der Ortspfarrer Bonaventura Dumea. Diesmal sollen am Fest nur etwa 1.000 Personen teilgenommen haben, darunter auch Gäste aus Deutschland. Den Rosmareinstrauß ersteigerte der Vizekonsul des deutschen Konsulats, Olaf Reich, für 920.000 Lei und schenkte ihn dem Vortänzerpaar Melitta Csonti mit Elmar Nachram. Am Handballturnier haben die Mannschaften aus Reschitz, Hatzfeld und Billed teilgenommen.

Aus einer Reportage in der rumänischen Monatsschrift „Timisoara international“ vom September 1999 ist zu erfahren, dass das Herz und die Seele dieser jährlichen Veranstaltungen die Eheleute Adam und Roswitha Csonti sind. Ohne deren vielseitigen Einsatz und der „unausschöpfbaren Energie“ würde das Kirchweihfest und das Handballturnier nicht stattfinden. Beide organisieren den Empfang der Ehrengäste, Adam (als gewesener leidenschaftlicher Handballspieler) sorgt für den guten Ablauf des Turniers und des Kirchweihfestes und Roswitha sing im Kirchenchor und bereitet das Festessen für die Ehrengäste vor, das im Anschluss daran beide servieren.

Billed war die erste ländliche Ortschaft, in der schon 1990 ein Ortsforum der Deutschen gegründet wurde. Seinen Sitz hatte es sich in einem enteigneten Haus eingerichtet, das vorher der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) als Kindergarten diente; später war hier das Entbindungsheim untergebracht und zuletzt lebten hier Zigeuner. In den Ess-, Aufenthalts- und Billardräumen, wie auch in der Bibliothek und im Videosaal verbringen etwa 130 Deutsche das Wochenende unter sich. Auf „unterstützende Mitglieder“ oder „Sympathisanten“ hatte man verzichtet. Die Erfahrungen, die man nach den Kommunalwahlen von 1992 machte, hatten die Deutschen eines Besseren gelehrt. Die Enttäuschungen waren für die damals größte Fraktion des Demokratischen Forums der Deutschen (DFD) so groß, dass sogar der Forumsvorsitzende Adam Csonti sein Mandat als Gemeinderatsmitglied niederlegte.

Die in Billed verbliebenen Deutschen sind aber auch sonst noch aktiv und tun alles, um das Deutschtum so lange wie möglich zu erhalten. Im Ort gibt es noch 20 Kinder, die den deutschsprachigen Kindergarten besuchen, weitere 18 sind Schüler der deutschen Grundschulklassen. Die 1998 gegründete und aus 30 Personen bestehende Jugendgruppe „Heiderose“ übt wöchentlich deutsche Volkstänze. Es wird aber auch an die Alten und Bedürftigen gedacht. Im Forumshaus funktioniert seit  Ende 1994 eine Sozialstation, die vom Hilfswerk der Banater Schwaben und mit der finanziellen Unterstützung aus Deutschland eingerichtet wurde.  Leiterin dieser Einrichtung ist die Gattin des DFD-Vorsitzenden, Roswitha Csonti. In der eigenen Küche werden täglich 22 Mahlzeiten für alte, alleinstehende Landsleute zubereitet und ausgetragen. Man sorgt auch für die ärztliche Pflege dieser Menschen, oder man hilft ihnen, sich im Behördenlabyrinth zurechtzufinden.

Zum Erhalt des Billeder Deutschtums trägt außer dem DFD auch noch die katholische Kirche in hohem Maße bei. Die hiesige Pfarrei ist 1766, also ein Jahr nach der Ansiedlung, gegründet worden, zugleich hatte auch die Kirchenmatrikelbücher eingeführt. An der heutigen katholischen Kirche, die 1777 errichtet wurde, mussten 1998 Reparaturen durchgeführt werden, wie das Streichen des Turms und des Blechdachs mit wasserfesten Spezialfarben. Zugleich sind die vier Glocken mit einer automatischen Läutanlage versehen worden. Sowohl diese Arbeiten als auch die Errichtung eines neuen Betonwegs im Friedhof, haben die in Deutschland lebenden Billeder finanziert.

Gleich neben der Kirche steht das 1924 errichtete Kriegerdenkmal, das den Gefallenen des 1. Weltkriegs gewidmet ist. Es besteht aus einer Marmorsäule, auf deren Seiten die Namen der 124 Kriegsopfer stehen. An der Spitze der Säule steht ein Adler, der während eines Sturms im Jahre 1998 aus der Verankerung gerissen wurde. Die Opfer des 2. Weltkriegs und der Ereignisse danach waren bis 1990 tabu. Nun aber konnte man im Jahr 2000 das Kriegerdenkmal mit der finanziellen Unterstützung der HOG Billed um zwei schwarze Marmortafel erweitern. Auf diesen sind die Namen der 258 Opfer des 2. Weltkriegs, sowie der Russland- und Baragan-Deportation eingraviert worden. Zugleich hatte Adam Tobias sen. (aus Karlsruhe) den Adler restauriert und vergoldet. Die Renovierung- und Erweiterungsarbeiten sind von der Dentaer Firma „Stefan Pantâru“ durchgeführt worden. Das Denkmal ist am 22. April 2000, an einem Karfreitag, vom Billeder katholischen Pfarrer Bonaventura Dumea in Anwesenheit vieler Gäste aus dem In- und Ausland geweiht worden.

Die „Allgemeine Deutsche Zeitung“ (ADZ) und die rumänische „Timisoara international“ berichteten in den letzten Jahren auch über weitere Aspekte aus dem Leben der im Heimatdorf verbliebenen Deutschen. So ist zu erfahren, dass die 1992 mit Hilfe von in Deutschland bereitgestellten Fördermitteln gegründete Konditorei „Astrid“ noch immer existiert. Die Inhaberin , die Maschinenbauingenieurin Brunhilde Klein, führt die Backstube  zusammen mit ihrem Gatten Michael und beschäftigt auch ihre Schwester Ingrid und deren Gatten Helmut Nachram. Die Investition, die für den Umbau einer Schmiedewerkstatt und für die Anschaffung der Ausstattung nötig waren, konnten dank des guten Rufs des Geschäfts vorzeitig zurückgezahlt werden. Dies bedeutet aber nicht, dass die Unternehmerin nicht auch Schwierigkeiten zu bewältigen hatte und sogar an das Aufgeben dachte. Vor allem beklagt sie sich über die hohen Abgaben an den Staat und über die besonders großen Profiteinbußen infolge der Einführung der Alkohol-, Zigaretten- und Kaffeesteuern. Trotz all dem will die einstige Ingenieurin des Alexanderhausener Erdölförderungsbetriebs erneut in ihre Konditorei investieren und zwar den Küchenraum neu gestalten.

Abgesehen von den kleinen erfolgen ist das tägliche Leben der fast 3.500 Einwohner Billeds, die zur Zeit in 2.015 Häusern leben, im heutigen Rumänien nicht leicht. Nach dem chaotischen Zustand, der in der Gemeinde bis zu den Kommunalwahlen von 1996 herrschte, wurde Nicolae Novac mit 1.649 Wählerstimmen auf der Liste der Demokratischen Agrarpartei Rumäniens (PDAR) zum Gemeindeoberhaupt gewählt. Um die Stimmung dieser Zeiten in der gewesenen banat-schwäbischen Ortschaft besser wahrzunehmen, sei hier erwähnt, dass hier genau während der Wahlkampagne der „kulturell-patriotische“ Verein „Avram Iancu“ ins Leben gerufen wurde. Zu den eingeladenen Ehrengästen zählten die Vertreter des nationalistischen Verbands „Rumänische Heimstatt“ (Vatra Româneasca), der Liga „Marschall Antonescu“ und des Verbands Banater Historiker. Jedwelcher Kommentar dazu ist überflüssig.

Wie jeder neugewählte Bürgermeister, hatte auch Novac am Anfang seiner Amtszeit viele Pläne, aber bald musste er feststellen, dass auch er ohne Geld nichts unternehmen kann. Als erstes wollte er Billed an das Erdgasnetz anschließen lassen, aber bald musste er die 889 Antragsteller auf spätere Zeiten vertrösten. Da die Billeder Dorfstraßen noch immer über den nackten Boden verlaufen, wollte er die 500 m Straße zwischen dem Gemeindehaus und der Polizeistelle asphaltieren lassen. Als aber der Kostenvoranschlag in Höhe von 83 Millionen Lei (Stand: November 1996) vorlag, kaufte er lieber Schotter für 31 Millionen Lei, und mit Hilfe eines ausrangierten Militärtransportmittels ließ er die Kommunalstraßen zu den Dörfern Alexanderhausen und Uiwar reparieren. Sorgen bereitete dem Bürgermeister auch die Gemeindebibliothek, der er für die Anschaffung von Büchern keine Gelder zuteilen konnte, nicht einmal für den Pflichtlesestoff der Schüler, geschweige denn von Abonnements der gefragtesten Zeitschriften. Auch der aus vier Kindergruppen (darunter auch die deutsche) bestehende Kindergarten stand ohne Lehrmaterial  und Spielzeug da, so dass die Kinder diese selbst basteln mussten. Ganz schlechte Aussichten sah Novac aber für die Durchführung des Gesetzes Nr. 112, wonach die im Staatseigentum befindlichen deutschen Häuser verkauft werden mussten. Von den 400 Häusern sind bis zu Beginn seiner Amtszeit nur 30 verkauft worden. Schuld daran waren die nur sehr langsam voranschreitenden Vermessungsarbeiten zwecks Bewertung der Häuser und die Armut der Bevölkerung. Wegen der prekären finanziellen Lage, in der sich die Menschen befanden, waren die Banken nicht geneigt, der Bevölkerung Kredite zu gewähren.

Dass das Leben in Billed auch während der Amtszeit Nicolae Novacs nicht leichter wurde, ist auch aus der rumänischen banater Presse zu entnehmen. Im Herbst 1998 beklagten sich 50 rumänische Bauern, dass seit dem Frühjahr ihre Milchlieferungen nicht mehr bezahlt wurden. Der Temeschburger Milchverarbeitungsbetrieb „Untim“ AG konnte infolge des jahreszeitbedingtem sinkenden Absatzes der Milchprodukte den Lieferanten die Milch nicht mehr bezahlen. Trotz einer von der Tageszeitung „Renasterea banateana“ (Banater Wiedergeburt) durchgeführten Enquete erhielten die Bauern (meist im fortgeschrittenen Alter) nur Versprechungen, das Geld im Winter zu erhalten. Dann sollte nämlich der Absatz wieder steigen (!). Aber während ihrer Recherchen mussten die Journalisten auch feststellen, dass die Bauern schon beim Melken die elementarsten hygienischen Vorschriften nicht einhielten. Dazu kommen noch die schrecklichen sanitären Bedingungen, in denen die Milch von den Sammelstellen zur Bearbeitung  transportiert werden. Die Milcherzeugung erschien den Billeder Neubürgern am leichtesten, um mit wenig Arbeit Gewinn zu erwirtschaften. Im Gegenteil dazu mussten die jüngeren Eheleute Steluta und Ioan Sarga, die auch mit der Seele dabei waren, ihren Betrieb von der Milcherzeugung und –verarbeitung auf die Schweinezucht umstellen. Nicht einmal der volle Arbeitstag vom Morgengrauen bis in die Nacht hinein konnte ihr Unternehmen retten, dafür erlitt der Familienvater, dessen Kinder die deutsche Schule besuchen, einen Herzinfarkt. Jetzt züchten sie ständig 600 Schweine und beliefern mit viel Erfolg den Temeschburger Schlachthof. Sie bezahlen ihre Mitarbeiter nur nach deren Leistung, und die besten von ihnen erhalten als Weihnachtsprämie ein gemästetes Schwein.

Auch nach den Kommunalwahlen des Jahres 2000 gibt es in Billed viele Schwierigkeiten im täglichen Leben. Man betrachtet zwar die Rückgabe des Bodens als erledigt, aber abgeschlossen ist die Sache noch lange nicht. Die ehemaligen Bodenbesitzer oder ihre Erben haben ihr Feld theoretisch zurückbekommen, aber darüber verfügen können noch immer nicht alle. Die 20 Hektar, die nun dem Großvater von Brunhilde Klein gehören, liegen praktisch im Areal des Klein-Betschkereker Staatlichen Landwirtschaftsbetriebs (SLB = IAS), das heute „Handelsgesellschaft BETIM –AG“ heißt. Auf dieser Weise pachtete der Betriebsdirektor Constantin Buzatu hunderte Hektar Boden von den neuen „Besitzern“ und kassiert von diesen die Bearbeitung „ihrer“ Felder, und zwar 700.000 Lei für das Ackern eines Hektars. Zu diesen „Bodenbesitzern“ gehört auch Adam Csonti, der im Jahre 2000 wieder zum Gemeinderatsmitglied gewählt wurde. Als er aber diese Beträge zahlen wollte, erfuhr er, dass der Boden nicht wie üblich geackert, sondern mit mehr Aufwand eine Tiefackerung durchgeführt wurde, und diese auch entsprechend mehr kostet. Doch Csonti wollte wissen, wofür er den höheren Betrag zahlen muss. An Ort und Stelle musste er  feststellen, dass wegen der außergewöhnlichen Dürre des Jahres 1999 gar nicht so tief geackert werden konnte.

Der 2000 gewählte Bürgermeister Sorin Suparan wollte mehr wie sein Vorgänger diesem Zustand ein Ende machen. Er bemühte sich, die privaten Felder vom Staatseigentum zu trennen, und diese den rechtsmäßigen Besitzern, die schon selbst im Besitz von Landwirtschaftsmaschinen waren, zukommen zu lassen. Aber der SLB, jetzt „Betim“ genannt, kam dem Bürgermeister zuvor und ackerte auch im Jahr 2000  einen Teil der betroffenen Felder auf. Nun werden die eigentlichen Bodenbesitzer wieder aufgefordert, sowohl das Ackern als auch die Bebauung der Felder mit Weizen zu bezahlen. Trotz all dem werden in Billed, im Unterschied zur Umgebung, die Felder noch immer bestellt.

Die Gemeinde steht auch wirtschaftlich nicht besonders gut da. Die Hanfrösterei steht seit 1993 still, und die Ziegelei produziert auch kaum noch. Die Mehrheit der berufstätigen Bevölkerung stammt aus der Moldau, sie arbeitet bei der Erdölförderung in Alexanderhausen oder in Temeschburger Betrieben. Bessere Aussichten gibt es hier kaum, weil es den Menschen an Eigeninitiative fehlt. Die Atmosphäre, die zur Zeit in Billed herrscht, ist sehr realitätstreu vom Vorsitzenden des Ortsforums der Deutschen geschildert: worden: „Das größte Problem ist die Mentalität der Leute, ihre Einstellung zum Eigentum. Alle warten noch immer auf den Staat, damit der komme und ihre Probleme löse“. Diese Mentalität herrscht aber nicht nur im Banat!

August 2001                                                                                                       Anton Zollner