DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (52)
Deutsche im Lande der „Gugulanen"

Als „Gugulan" bezeichnete man im Banat die rumänischen Obstbauern, deren Siedlungen südlich von Karansebesch entlang des Temesch-Tals, aber auch darüber hinaus liegen. Ihre Hauptprodukte sind die Äpfel, die sie als Wanderobsthändler noch vor einigen Jahren im Herbst bis in den Winter auf ihren typischen abgedeckten Wägen im gesamten Banat und in anderen Landesteilen feilboten. In den letzten Jahren versuchten sie, ihre Äpfel hauptsächlich auf den Märkten der Städte zu verkaufen, da sie dort bessere Unterkünfte haben. Auf den Hängen der Berge, die die Temesch auf beiden Seiten einsäumen, pflanzen sie neben den Apfel- auch Zwetschgenbäume an, aus deren Frucht sie meist den als „Zuika"  (tuica) bekannten Zwetschgenschnaps brennen. Ihre Lebensweise könnte man trotz ihres guten Einkommens eher als rückständig, ja sogar als primitiv bezeichnen. Die Goldtaler, die ihre Frauen und Töchter um den Hals hängen, haben für sie einen viel höheren Wert als eine bescheiden eingerichtete Hauswirtschaft.

Eben aus diesen Gründen ist es kaum vorstellbar, dass einst auch in den „Gugulanen"-Dörfern Deutsche lebten. Von Mehadia in Richtung Karansebesch kommend, trifft man auf der Europa-Straße E-70 die rein rumänischen Dörfer Cornea (ung.: Sómfa) und Domasnea (ung.: Domásnya), in welchen 1940  13 bzw. 15 Deutsche lebten. In der rumänisch geprägten Ortschaft Teregowa (amtlich: Teregova) gab es schon 1910  120 Deutsche. Zwischen 1930 und 1940 stieg ihre Zahl auf 140. Trotzdem übertraf ihr Bevölkerungsanteil niemals die 4 Prozent. Es ist anzunehmen, dass ein Teil der Deutschen aus Teregowa durch Mischehen assimiliert wurde, wie mir dies ein Rumäne, der eine Deutsche geheiratet hatte, mitteilte. Trotzdem bekannten sich bei der Volkszählung vom Januar 1992 von den 3.464 Einwohnern noch immer 11 Personen zum Deutschtum; sie lebten neben 3.348 Rumänen, 13 Ungarn und 92 Sonstigen. Zwischen der Dorfmitte und dem Bahnhof steht auch heute noch (wenn auch ständig geschlossen) eine katholische Kapelle, die 1847 der „Heiligen Jungfrau Maria“ geweiht wurde.

Die Temesch, die bei Teregowa das Semenik-Gebirge verlässt, fließt von hier bis Lugosch nur noch entlang der E-70-Straße. Das erste rumänische Dorf, das der Fluss durchquert ist Armenis (ung.: Örményes). Auch hier wurden 1940 unter den Dorfbewohnern 44 Deutsche registriert.

Einige Kilometer flussabwärts liegt das einzige Dorf der gesamten Gegend, dessen Bewohner zu etwa 97 Prozent Deutschböhmen waren: Alt-Sadowa (heute: Sadova Veche; ung.: Ószagyva). Dieses Böhmendörfchen ist in der mir zur Verfügung stehenden Dokumentation nur flüchtig erwähnt. Laut Georg Hromadka soll man nach der Ansiedlung der Böhmendörfer Wolfsberg, Weidenthal und Lindenfeld auf den Höhen des Semeniks, also nach dem Jahre 1828, Bauern aus dem Böhmerwald auf das Gebiet Alt-Sadowas angesiedelt haben. Sie sollten hier den Grenzschutz des Banater Berglands verstärken. Laut anderen Quellen ist Alt-Sadowa in den Jahren 1832-33 mit Deutschen angesiedelt worden. Nachdem man die aus Neu-Sadowa (amtlich: Sadova Noua) hierher zwangsumgesiedelten Rumänen wieder in ihr Heimatdorf entlassen hat, ließen sich an deren Stelle Deutschböhmen nieder. Sie waren aus den oben genannten Bergdörfern wegen der schweren Bedingungen, in denen sie dort lebten, massenhaft von dort geflüchtet.

In der Landwirtschaft waren nur wenige Alt-Sadowaer hauptberuflich beschäftigt, die meisten Bauern waren arm. Wegen der schlechten Qualität des Bodens wurde hier die Landwirtschaft im Kommunismus gar nicht kollektiviert. Die meisten Alt-Sadowaer waren Handwerker oder Viehzüchter (mit 10 bis 12 Rindern). Viele Dorfbewohner waren in der Holzverarbeitung bei der Firma „Eisler" beschäftigt. Einige verdienten als Waldarbeiter ihr Brot. Die Jugend arbeitete im Kommunismus meist in den Betrieben aus Karansebesch, Ferdinandsberg oder in Reschitz. Dort hatte sie ihr regelmäßiges Einkommen gesichert, und deshalb ließen sich einige dort nieder. So verlor das Dorf seine Jugend, und dadurch gerieten auch viele Sitten und Bräuche der Alt-Sadowaer in Vergessenheit. Dazu gehörte auch „des Mailejt" (= böhmisch für Mailicht) in der Walpurgisnacht. 1854 ist hier eine kleine Kirche errichtet worden, aber die römisch-katholischen Gläubigen gehörten schon immer zur Pfarrei aus Temesch-Slatina.

Alt-Sadowa hatte sogar noch 1977 eine geschlossene deutsche Dorfgemeinschaft; damals lebten hier noch 522 Deutsche neben 61 Rumänen, 3 Ungarn, einem Serben und einem Zigeuner. Die meisten Deutschen gab es hier 1910, als ihre Zahl 606 Seelen betrug. Bei der Volkszählung von 1992 konnten nicht nur weniger Deutsche, sondern auch insgesamt weniger Dorfbewohner gezählt werden. Die Zahl der Deutschen sank auf 170 Personen, die Zahl der Rumänen stieg aber auf 152. Somit sank auch die Zahl der Alt-Sadowaer insgesamt von 588 im Jahre 1977 auf nur noch 322. Laut Angaben der Heimatortsgemeinschaft Alt-Sadowa aus Deutschland lebten am Anfang dieses Jahres in Alt-Sadowa noch immer etwa 85 Deutsche. Über die im Heimatdorf Verbliebenen konnte man in den letzten Jahren in der Banater Presse nichts mehr lesen.

Ebenfalls im Temesch-Tal, einige Kilometer nördlich von Alt-Sadowa, befindet sich die rumänische Ortschaft Temesch-Slatina (amtlich: Slatina-Timis). Auch hier lebten einst gut über hundert Personen deutscher Volkszugehörigkeit. 1910 betrug ihre Zahl noch 168 Seelen, die einen Bevölkerungsanteil von 7,6 Prozent stellten. Dieser Anteil sank aber seit damals ständig. Auch 1940 wurden in Temesch-Slatina noch 144 Deutsche gezählt, aber bis 1966 sank ihre Zahl auf nur noch 30. Bei der Volkszählung von 1992 bekannten sich von den 1.977 Dorfbewohnern 19 Personen zum Deutschtum.  Trotz dieser geringen Zahl deutscher Dorfbewohner, gab es im Dorf eine katholische Seelsorge schon seit der Christianisierung dieser Region. Über die Hälfte der Rumänen sind heute katholische Gläubige. Die Pfarrei wurde im Jahre 1726 restauriert, als auch die Kirchenmatrikelbücher eingeführt wurden. Die katholische Kirche ist 1739 der „Heimsuchung Mariä“ geweiht worden. Mit den Eintragungen in das Kirchenmatrikelbuch soll nach Dr. Treude erst 1826 begonnen worden sein, also nach der Niederlassung der ersten Deutschen im Dorf. Die Pfarrei aus Temesch-Slatina betreute seelsorgerisch auch die Katholiken aus Alt-Sadowa und aus den bisher aufgezählten Ortschaften.

1974 traf hier Walther Konschitzky Giselle Gottwald, deren Erzählung in lokaler Mundart er in seinem Buch „Dem Alter die Ehr" veröffentlichte. Es scheint, als wären die Temesch-Slatinaer Deutschen durch Binnenwanderungen hier ansässig geworden. Auch die Familie Gottwald kam aus Bakowa bzw. aus Karansebesch über Alt-Sadowa in das rumänische „Gugulanen"-Dorf. Hier übernahmen sie 1912 das Gasthaus, in dem einst die Pferdewechselstelle der Post und ihre Herberge eingerichtet war. Dies war dann der Ort, in dem die Deutschböhmen aus dem Bergland (Wolfsberg, Weidenthal und Alt-Sadowa) auf dem Weg zur Stadt zur Übernachtung einkehrten. Die Alt-Sadowaer kamen aber auch regelmäßig zu „ihrem Wirt", um hier einige gesellige Stunden zu verbringen. Neben dem „Zuika" aus Fenes und dem Wein aus Bakowa gab es hier auch gutes Essen. Viele kamen aus dem deutschen Nachbardorf um hier zu kegeln oder bei der Kartenpartie dabei zu sein. Nach dem Krieg ging aber das gesellschaftliche Leben der Deutschen in Temesch-Slatina seinem Ende zu.

Oktober 1996                                                                                                                Anton Zollner