DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (64)
 A l i o s c h

Aliosch (amtlich: Alios; ung.: Temesillésd) ist ein banater Heckendorf, das auf der Landstraße Temeschburg - Lippa nördlich von Blumenthal liegt. Administrativ gehört dieses Dorf mit gemischter Bevölkerung zur Gemeinde Blumenthal (auch Maschlok genannt). Die von meist banat-schwäbischen Dörfern umgebene Ortschaft, die laut Gh. Drinovan schon seit 1306 dokumentarisch belegt ist, befindet sich seit der letzten territorial-administrativen Umstrukturierung des Landes am nördlichen Rande des Kreises Temesch. 1910 stellten die 315 Deutschen aus Aliosch einen Bevölkerungsanteil von fast 17 Prozent. Bis zum 2. Weltkrieg änderte sich diese Zahl nur sehr geringfügig. Seit 1944 sank aber die Zahl der Deutschen ständig bis heute. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 haben sich hier nur noch 23 Personen zum Deutschtum bekannt. Der Rest der Bevölkerung bestand aus 913 Rumänen, 11 Ungarn und 13 Sonstigen.

Über Aliosch wurde in den Temeschburger Zeitungen der letzten Jahre bis 1996 so gut wie nichts berichtet. Ansonsten sollten noch einige Deutsche im Heimatort verblieben sein, so sind das nur alte Leute, die im Dorfleben keine Rolle mehr spielen und deswegen in den letzten drei Berichten aus der Tageszeitung „Renasterea banateana" (Banater Wiedergeburt) vom 2. und 24. April 1996, bzw. vom 4. Februar 1997 gar nicht mehr erwähnt werden.

In den zwei Berichten aus dem Monat April 1996 geht es um das katastrophale Gesundheitswesen des Dorfes und damit verbunden um das gewesene banat-schwäbische Haus mit der Nummer 370. Das aus sechs Zimmern und den Nebenräumen bestehende Haus war einst im Besitz einer deutschen Familie, die nach Deutschland ausgewandert ist. Durch die Auswanderung der Eigentümer gelangte das Haus in den Staatsbesitz. Da das Dorfambulatorium in jener Zeit in einem baufälligen Haus untergebracht war, übersiedelte man es 1987 nach einigen Umbauarbeiten in das gewesene Schwabenhaus. Ein Jahr später kam Dr. Corneliu Otinel Babut als Arzt ins Dorf, der 1991 den Antrag stellte, mit seiner Familie in die freigebliebenen Zimmern des Hauses einzuziehen, damit er so rund um die Uhr den Kranken zur Verfügung stehen kann. Unter bisher unbekannten Umständen erhielt der Arzt vom Blumenthaler Bürgermeisteramt einen Mietvertrag, nach dem er Mieter des gesamten Hauses mit der Nummer 370 wurde.

Kaum, dass Dr. Babut im Besitz dieses mysteriösen Mietvertrages war, begann er schon mit der „Aufräumung" im gemieteten Haus. Nachdem er sich einige praktische Fachkenntnisse durch seine Arzthelferin angeeignet hat, drängte er sie sich pensionieren zu lassen. Zugleich führte er in einer Nacht den Umzug des Ambulatoriums in das alte inzwischen zur Ruine gewordene Haus durch. Gleichzeitig entdeckte er seine Fähigkeiten als Naturheiler und öffnete im Gemeindezentrum eine private Praxis für Homöopathie und Akupunktur. Von da an weigerte er sich, den ohne Ortsarzt gebliebenen Dorfbewohnern jedwelche ärztliche Hilfe zu leisten. Im Laufe der Zeit von einem Jahr hat sich keine Behörde bemüht, im Gesundheitswesen des Dorfes, in dem heute etwa 900 Familien leben, aufzuräumen. Auch die Hoffnungen, die man in den neuen Blumenthaler Bürgermeister gesetzt hat, sind am schwinden. Ionel Seculi, der als Kandidat der Partei der Sozialen Demokratie Rumäniens in sein Amt gewählt wurde, findet den Mietvertrag des Arztes legal und will damit nichts weiteres zu tun haben. Die meist aus älteren Menschen bestehende Dorfgemeinschaft kann in diesem Fall noch von Glück sprechen, dass das Dorf auf einer Landstraße liegt.

Es scheint aber, als wolle der neue Bürgermeister auch sonst nichts mit Regeln und Vorschriften zu tun haben zu wollen. Das Blumenthaler Bürgermeisteramt hat vom Schulinspektorat des Kreises Temesch im vorigen Jahr 155 Millionen Lei für die Errichtung eines Waisenkinderhauses erhalten. Er ist mit diesem Projekt nicht einverstanden, und deswegen begann er die Millionen Lei nach seiner Vorstellung zu verpulvern. Nachdem der Bürgermeister 12,5 Millionen Lei umgeleitet hat, wollte das Schulinspektorat das Alioscher Projekt doch noch durchführen, aber Ionel Seculi leistete soviel Widerstand, bis das Geld im Jahre 1996 nicht mehr ausgegeben werden konnte und die gesamte Summe zurück in die Staatskasse floss. Da muss man sich doch die Frage stellen: Wer hat in Rumänien heute das Sagen, wie die Steuergelder der Bürger ausgegeben werden?

April 1997                                                                                                                          Anton Zollner