DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (23)
A l e x a n d e r h a u s e n

Alexanderhausen (heute: Sandra; ung.: Sándorháza) ist eine 1833 gegründete Binnensiedlung, die heute zur Gemeinde Billed gehört. Anfangs wohnten die Ansiedler in 101 Bauern- und 35 Kleinhäusern. 1910 lebten 1.580 Deutsche im Dorf, die einen Anteil von über 88 Prozent der Gesamtbevölkerung innehielten. Zwanzig Jahre später hatten sie mit 1.722 Seelen schon einen Anteil von fast 93 Prozent. Danach sank die Zahl der Deutschen ständig, besonders infolge der Auswirkungen des 2. Weltkriegs, bis 1989 ihre Zahl nur noch knapp 200 betrug. Anfang März 1990 wurden in Alexanderhausen noch 61 „Neue Banater Zeitung"-Abonnenten gezählt. Trotz der wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung der Ortschaft durch die Erdölförderung auf den Feldern der Umgebung ist Alexanderhausen in der banater Presse nach dem Sturz Ceausescus kaum erwähnt worden. So ist auch nichts von der Zahl der im Heimatort verbliebenen Deutschen zu erfahren, geschweige denn von ihrem heutigen Leben.

In einem der seltenen Berichte über Alexanderhausen riss das rumänische Blatt „Timisoara" vom 12. November 1993 einen kleinen Aspekt aus dem heutigen „Sandra" an. Zwei rumänische Einwohner des Dorfes, Dumitru Salcianu und Aristica Lascu, Gründer der Firma „SALTIM" AG, ersteigerten Anfang 1992 die Räumlichkeiten für die Errichtung einer Dorfbäckerei. Aber noch bevor sie die Räume übernehmen konnten, steckte man diese in Brand. Durch die Nachlässigkeit der lokalen Ermittlungsbehörden blieben die Brandstifter unbekannt, und der Sachschaden wurde auch nicht ermittelt. Da das Billeder Gemeindeamt, der Eigentümer des Gebäudes, kein Geld für die nötigen Reparaturen hatte, finanzierten die Firmeninhaber die anfallenden Instandsetzungsarbeiten und die Einrichtung. Bis zur Inbetriebnahme der Bäckerei wurden 12 Millionen Lei investiert. Aber einige Wochen nachdem das erste Brot gebacken wurde, unterbrach man die Erdgaszufuhr, so dass die Firma sich gezwungen sah, das für die Dorfbewohner nötige Brot wieder aus Billed heranzuschaffen.

Nun hatte aber der Billeder Bürgermeister Sabin Costar erst richtig einen Grund, die Räume der Bäckerei zu räumen. Ohne jedes Gerichtsurteil und ohne jede Entschädigung für die investierten Gelder, die in die Bäckerei gesteckt wurden, mussten die Inhaber den Laden zugunsten eines Gheorghe Irimiciuc leermachen. Ein von der Kreispräfektur eingeleitetes Verfahren gegen den Bürgermeister blieb ohne Auswirkung. Es scheint als würde hier eine Hand die andere waschen!

Schließlich komplizierte sich der Fall noch mehr, als der eine Teilinhaber der Firma (Aristica Lascu) unter offenbar äußeren Einflüssen den anderen (Dumitru Salcianu) „ausspielte". Gesetzwidrig unterschrieb er ohne Rücksprache mit seinem Partner eine Erklärung, in der er alle Räumlichkeiten der Firma „SALTIM" kündigte; die Kündigung wurde auch noch mit dem Stempelabdruck der Firma bekräftigt. Trotz der Ungültigkeit der so erstellten Kündigung kam der erste Teilinhaber der Firma nicht zu seinen Rechten, und der Bürgermeister nicht vor den Richter.

Auch durch dieses Beispiel bestätigt sich die Behauptung vieler unserer in der alten Heimat verbliebenen Landsleute, dass besonders die ländlichen Ortschaften zu einem gesetzesfreien Raum geworden sind, in dem offenbar nur noch die Willkür herrscht.

Juni 1994                                                                                                                  Anton Zollner
 
 

„Sandra" und seine Neubürger

Auf der Banater Heide, auf gleicher Entfernung von Temeschburg und von Groß-Sankt-Nikolaus, liegt die einst deutsche Ortschaft Alexanderhausen (heute: Sandra; ung.: Sándorháza). Verkehrsmäßig ist das gewesene Schwabendorf sehr gut im Straßennetz eingebunden, da es auf der Nationalstraße DN 6 Temeschburg – Groß-Sankt-Nikolaus liegt. Dafür verfügt die Ortschaft aber über keine Eisenbahnverbindung, der nächste Bahnhof befindet sich in Bogarosch (Bulgarus), doch ist die Straße, die dorthin führt, unpassierbar. Trotz der guten Straßenverbindung in Richtung Temeschburg und Groß-Sankt-Nikolaus gab es 1996 seit langem keinen Busverkehr mehr, nicht einmal mit dem Gemeindezentrum Billed. Alexanderhausen war bis 1968 schon immer Gemeindesitz, dann aber wurde es zu einem Dorf ohne eigene Kommunalverwaltung herabgestuft.

Laut Karl Kraushaar ist Alexanderhausen 1827 mit Deutschen angesiedelt worden. Nach Gheorghe Drinovan ist die Ortschaft seit 1832 dokumentarisch belegt. 1833 sind die Kirchenmatrikelbücher eingeführt worden, die Gläubigen bildeten damals eine Filiale der Bogaroscher Pfarrei. Drei Jahre später, 1836, erhielt das Schwabendorf eine eigene Pfarrei. 1869 hatte die Ortschaft 1.798 Einwohner, bis 1900 stieg diese Zahl auf 1.928. Dies ist wahrscheinlich die höchste Einwohnerzahl in der Geschichte der Ortschaft.

1910 hatten die 1.580 Deutschen einen Bevölkerungsanteil von über 88 Prozent, der zehn Jahre später mit 1.722 Seelen auf fast 93 Prozent stieg. 1940 ließen sich 1.695 Personen als deutsche Volkszugehörige registrieren. Als Folge des 2. Weltkriegs begann die Zahl der Deutschen zu sinken, und zugleich setzte die Zuwanderung der Rumänen ein. 1977 lebten unter den 2.190 Einwohnern des Dorfes noch 710 Deutsche, den Rest bildeten 1.394 Rumänen, 51 Ungarn und 35 Sonstige. Bei der Volkszählung vom Januar 1992 bekannten sich von den 2.139 Dorfbewohnern nur mehr 84 Personen zum Deutschtum. Gesunken ist zugleich auch die Zahl der Ungarn auf 27 und die der Sonstigen auf 14, wobei die der Rumänen auf 2.014 gestiegen war. Laut Angaben der Heimatortsgemeinschaft Alexanderhausen sollen im Februar 1996 im Heimatdorf noch 42 Deutsche verblieben gewesen sein. Auch am Beispiel dieses banat-schwäbischen Dorfes ist zu erkennen, wie das multinationale Banat verschwindet und gleichzeitig ein rumänisches entsteht.

In Alexanderhausen herrschte schon vor einigen Jahren, wie die Temeschburger Tageszeitung „Renasterea banateana" (Banater Wiedergeburt) im April 1996 berichtete, eine große Wohnungsnot. Die Deutschen hatten zwar durch ihre massive Auswanderung viele schöne und große Häuser hinterlassen, aber schon damals befand sich die Hälfte davon in einem total verwahrlosten Zustand. „Es fehlen der Verstand und die Hände eines Wirtschafters, die wahrscheinlich mit den Deutschen ausgewandert sind", meinte die Journalistin Nicoleta Suciu. Sie musste damals auch feststellen, dass große Flächen von Ackerfeldern Mitte April noch gar nicht aufgeackert waren. Die Neubürger sahen nach ihrer Meinung keinen Anlass mehr, auf den Feldern zu schuften, ohne zu wissen, was es im Herbst zu ernten geben wird.

Erst über zwei Jahre später, im Juli 2000, berichtete die „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien" einiges über das soziale Benehmen der Neubürger „Sandra"-s. Es ging um eine Wirtshausschlägerei, bei der sechs Personen zum Glück nur leicht verletzt wurden. Valeriu P. besuchte eine Dorfkneipe begleitet von seinen Lieblingen: einen Pitbull und einen Rottweiler. Später konnte keiner der Anwesenden mehr sagen, ob der Eigentümer seine Hunde auf jemandem gehetzt hatte oder nicht. Die Tatsache ist, dass sich der Pitbull vom Maulkorb befreite und Vasile Zubasu angegriffen hatte. Die Frau des Angegriffenen wollte diesem zu Hilfe kommen, und so ist auch sie mehrmals vom Hund gebissen worden. Da griff der Bruder dieser Frau, Petru Hârsoaba ein, lief auf die Straße und kehrte mit einem Knüppel zurück. Er begann mit diesem nicht nur auf die Tiere einzuschlagen, sondern auch auf deren Besitzer. Dies veranlasste dann weitere zwölf anwesende Gäste, in das Geschehen einzugreifen. Damit entfachte sich eine regelrechte Schlägerei, die mit sechs Verletzten endete. Das Ehepaar Zubasu ist zur Behandlung der Bisswunden in das Temeschburger Munizipalkrankenhaus eingeliefert worden. Nach all dem könnte man meinen, dass einige Rechtsklagen fällig gewesen wären. Erstaunlicherweise gab es nur eine einzige, die aber nicht wegen Körperverletzung durch Hundebisse oder Knüppelschläge erstattet wurde, sondern wegen ... Diebstahls. Einer der an der Schlägerei teilgenommen hatte, beschuldigte den Knüppelschläger Petru Hârsoaba, dass dieser die Prügelei nur deshalb ausgelöst hatte, um sein Mobiltelefon und seine Armbanduhr zu entwenden.

So ein Ereignis konnte man sich im deutschen Alexanderhausen gar nicht vorstellen, aber dieses schmucke Schwabendorf gibt es nicht mehr. Heute gibt es nur noch ein „Sandra" mit seinen Neubürgern!

Januar 2001                                                                                                          Anton Zollner