DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (117)
A l b r e c h t s f l o r

Das heute zur Gemeinde Teremia Mare (Marienfeld) gehörende Dorf Albrechtsflor, das auch als Kleintermin bekannt ist (heute: Teremia Mica; ung.: Kisteremia), liegt nur etwa 6 Kilometer nordwestlich vom Gemeindezentrum und 3 Kilometer von der rumänisch-serbischen Grenze entfernt. Laut Karl Kraushaar ist das Dorf 1770-71 entstanden, als hier Deutsche in den 80 Kolonistenhäusern angesiedelt wurden. Dem gegenüber schreibt Gheorghe Drinovan, dass Albrechtsflor erst seit 1784 dokumentarisch belegt ist, dem aber von Ioan und Rodica Munteanu widersprochen wird. Sie geben dafür das Jahr 1769 an. 1807 ist die hiesige Pfarrei gegründet worden, nachdem die Ortschaft 1783 eine Kaplanstelle erhalten hatte. Mit der Ernennung des Kaplans sind auch die Kirchenmatrikelbücher eingeführt worden.

1869 soll die einst rein deutsche und bis 1950 als Gemeinde geltende Ortschaft 1.435 Einwohner gehabt haben. 1910 stellten die 1.200 Deutschen einen Bevölkerungsanteil von 97,6 Prozent. Dieser Anteil blieb bis 1940 erhalten, als sich hier 3.004 Personen als deutsche Volkszugehörige eintragen ließen. Aber schon 1956 konnte man feststellen, dass sich die gesamte Einwohnerzahl des Dorfes auf 477 verringert hatte. Bei der Volkszählung von 1977 wurden hier 752 Einwohner gezählt, von denen nur noch 453 Personen Deutsche waren, der Rest bestand aus 260 Rumänen, 20 Ungarn, 14 Zigeunern und 5 Sonstigen. Bei der letzten Volkszählung im Januar 1992 bekannten sich von den 732 Dorfbewohnern nur 16 Personen zum Deutschtum, dafür stieg die Zahl der Rumänen auf 493, die der anderen Volkszugehörigen sank von 39 auf 33.

Da Albrechtsflor in der „goldenen Epoche“ eine niedrige Einwohnerzahl hatte, sollte es nach Ceausescus Plänen für immer von der Erdfläche verschwinden. Die Dezemberereignisse von 1989 sollten dies aber verhindern, nachdem der Anfang durch die massive Auswanderung der Deutschen schon gemacht war. Im Herbst 1991 bezeichnete die Journalistin Grete Lambert von der „Neuen Banater Zeitung“ nach einem Besuch der Ortschaft das einstige deutsche Dorf als einen „Schutthaufen und dazwischen Häuser“. Als dann die Mehrheit der Deutschen den Heimatort verlassen hatten, sorgte der damalige (und spätere) Bürgermeister Doru Sârbu dafür, dass die hinterlassenen deutschen Häuser von den Bulgaren aus Alt-Beschenowa (heute: Dudestii Vechi) teilweise abgetragen werden. Sie verwendeten das so gewonnene Baumaterial bei der Errichtung ihrer neuen Häuser. Sogar die Schule und der Kindergarten wurden damals für den Abbruch freigegeben. Dem „Dorfschleifen“ ist später durch die Ansiedlung von Bergarbeitern aus dem Schil-Tal, die nach dem Erhalt einer Abfindung ihren Arbeitsplatz verloren hatten, ein Ende gemacht worden. Der erste Bergarbeiter, der hier mit seiner 6-köpfigen Familie im Mai 1996 ankam, war Mihai Agapie. Nach dem gewesenen Gewerkschaftsführer, der an allen „Mineriaden“ teilgenommen hatte, kamen sofort weitere drei Familien, denen später weitere folgten. Mit den erhaltenen Abfindungen und dem Geld, das sie durch den Verkauf ihrer Eigenheime erhalten hatten, kauften sie sich hier gewesene deutsche Häuser und richteten sich so ein, dass sie wo möglich niemals mehr zur Arbeit gehen müssen. Agapie zum Beispiel hatte das Haus des gewesenen Ortspfarrers erworben und wollte hier mit seiner Familie aus den zwei Erwerbsunfähigkeitsrenten, dem Arbeitslosengeld seines 18-jährigen Sohnes und dem Kindergeld gemütlich leben. Ackerboden hatte er nicht erhalten, aber er wollte diesen auch nicht, da er nicht im Sinn hatte, diesen zu bestellen.

Wie die Tageszeitung „Renasterea banateana“ (Banater Wiedergeburt) Ende 1997 berichtete, bemühten sich nicht einmal die Schüler der hiesigen Grundschule, sich den Lehrstoff anzueignen. Nach der Zuwanderung der Rumänen, die meist viele Kinder hatten, ist die Schule wieder instandgesetzt worden, aber die vier Klassenzimmer waren kahl, und die mit Dieselöl eingelassenen Bretterböden verbreiteten einen ganz üblen Geruch. In den vier Klassen unterrichteten vier Lehrerinnen: Alina Dragoescu, Gabriela Draica, Mirela Despotovici und Lacrimioara Turcas. Ob diese auch für diesen Beruf ausgebildet waren, ist aus der Reportage nicht zu erkennen, man berichtete nur über die erstere, die sich gerade in Ausbildung befand. Sie machte ein Fernstudium am Pädagogischen Institut aus Arad. Alina Dragoescu unterrichtete die 4. Klasse, in der von den 32 eingeschriebenen Schülern nur 20 regelmäßig den Unterricht besuchten. Aber auch diese kamen in die Schule nur, damit ihre Eltern das Kindergeld kassieren können. Dies ist in Rumänien das einzige Mittel, mit dem man den Schulbesuch schmackhafter macht. Wie die Lehrerin selbst beim Beginn des Schuljahres 1997-98 mit Verzweiflung feststellen konnte, haben die meisten ihrer Schüler in den Ferien nicht nur das vergessen, was sie in der 3. Klasse gelernt haben, sondern sogar das Lesen und Schreiben. Sie kamen auch meist ohne verrichtete Hausaufgaben in die Schule, da sie im Haushalt beschäftigt werden. Ihre Eltern haben meist auch für Schulrequisiten kein Geld, so dass die Schüler nicht einmal mit Papier, Klebstoff und Schere in die Handarbeitstunden kamen. Die einzige Ausnahme in dieser Klasse war damals Bianca Tamas, die Tochter eines vor kurzem zugezogenen Bergarbeiters. Die Lehrerin befürchtete aber, dass auch diese sauber und gut gekleidete Schülerin, die auffallend gut lesen und schreiben konnte, sich bis zum Ende des Schuljahres ihrer Klasse anpassen könnte.

Wer 1999 Albrechtsflor besuchen wollte, musste viel wagen, um die sechs Kilometer lange Kommunalstraße vom Gemeindezentrum bis hier zu bewältigen. Die von Schlaglöchern total übersäte Fahrbahn, die einst aus Schotter bestand, ist mit einem Auto kaum passierbar und wenn, dann nur im zweiten Gang. Selbst wenn man mit einem Fahrrad zum Ziel kommen will, muss man mehrmals den Drahtesel neben sich über eine Mondlandschaft schieben. Schon 1991 verkehrte hier wegen des äußerst schlechten Zustands der Straße kein öffentliches Verkehrsmittel mehr, und der nächste Bahnhof befindet sich in Marienfeld. Schon damals fehlte das nötige Geld für die Anschaffung von 6.000 m³ Schotter. Deswegen mussten auch die Schüler, die die Marienfelder Gymnasialstufe (5. bis 8. Klassen) besuchten, mit einem vom Traktor gezogenen Anhänger zur Schule gebracht werden. Dafür mussten die Eltern die im Busverkehr üblichen Preise bezahlen, wobei das Bürgermeisteramt die Differenz zu den realen Kosten aus dem Gemeindebudget tragen musste.

Wenn man heute durchs Dorf geht, sieht man meist leere, aber auch eingestürzte Häuser. Nur die Bergarbeiter halten ihre Häuser halbwegs in Ordnung und pflegen sie. Ihre Vorgänger, die aus allen Landesteilen zugezogenen Nichtstuer, haben in ihrer Mehrheit das Dorf verlassen, aber nicht bevor sie die ihnen zugeteilten Häuser zu einem Schutthaufen machten. Die letzten Deutschen, die auch heute noch hier ausharren, sind Angehörige zweier Familien. Die katholische Kirche, in der 1999 bei der Erstkommunion 17 Kinder teilgenommen hatten, befindet sich auch nicht mehr in einem zufriedenstellenden Zustand. Der kleine Park in der Dorfmitte wird auch nicht mehr gepflegt, und die Stelle, wo einst eine betonierte Tanzfläche war, lässt sich auch nur noch erahnen. Das Kulturheim, in dem einst Kirchweihfeste, Hochzeiten und andere Unterhaltungen stattfanden, ist ebenfalls eine Ruine. In diesem von der Außenwelt isolierten Dorf gibt es auch kein Fernsprechgerät mehr, der nächste Arzt ist in Marienfeld zu finden. Dort ordinierte Ende 1999 Dr. Kreppel. Dafür gib es aber reichlich Kinder, die man in die Welt setzt, nur um Kindergeld zu erhalten, mit dem ganze Familien ihren Unterhalt sichern, ohne dass die Erwachsenen einer Arbeit nachgehen müssen.

Dezember 2000                                                                                                          Anton Zollner